Die Dialekte verschwinden zusehends

Lesedauer: 4 Min
Manfred Thierer, hier in der Wangener Erba.
Manfred Thierer, hier in der Wangener Erba. (Foto: Archiv)
Schwäbische Zeitung
Sabine Centner

Oißa, blära, Krätta, gruaba, Fillebänkle, Bodabira: Es sind Wörter wie diese, die dem Reing’schmeckten spanisch vorkommen, dem Allgäuer dagegen warm ums Herz werden lassen. Wörter freilich, die vom Aussterben bedroht sind, weil sie uralte Dialektbegriffe sind und Dialekte gegenüber der Hochsprache immer mehr ins Hintertreffen geraten. Zum Internationalen Tag der Mundart hat die SZ darüber unter anderem mit dem Leutkircher Heimatforscher Manfred Thierer gesprochen, der in Wangen zur Schule ging.

Weltweit verschwinden allerdings nicht nur Dialekte, sondern ganze Sprachen – ein Problem, auf das der Tag der Muttersprache aufmerksam machen will. Im Jahr 2000 von der Unesco ausgerufen, soll seitdem immer am 21. Februar der „Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit“ gedacht und auf Minderheitensprachen mit weniger als 10 000 Sprechern aufmerksam gemacht werden.

„Die Kinder werden zum Hochdeutschen erzogen“

„Dialekte sind allgemein auf dem Rückzug“, bedauert auch Manfred Thierer von der Heimatpflege Leutkirch. „Die Kinder werden heute zum Hochdeutschen erzogen. Ich weiß nicht, ob sie in der Grundschule überhaupt noch Lieder oder Gedichte auf schwäbisch lernen.“ Aber, warnt der Heimatforscher, „wir dürfen den Dialekt nicht vergessen, sonst wird er eines Tages zur Museumssprache.“

Zwar kann Thierer „keine Ausrichtung“ feststellen, was den in Leutkirch gesprochenen Dialekt betrifft. Und es gibt auch keine Eigenheiten, die die Verständigung zwischen den Bewohnern der einzelnen Ortschaften erschweren würden. Eine ziemlich scharfe Grenze lässt sich dagegen mit der Linie Wangen-Isny-Weitnau ziehen, die „Wib-Weib-Grenze“, wie die Sprachwissenschaftler sagen. „Im Argental etwa geht man ge bichta und hat ein Hus, weiter nördlich davon geht man zum Beichten und hat ein Haus“, nennt Thierer weitere Beispiele.

Mundartforscher Manfred Renn aus Füssen stellt denn auch fest, „dass die Grenze zwischen ,Schwäbisch’ und ,Alemannisch’ genau durch das Allgäu verläuft.“ Die unterschiedlichen Ausprägungen längs und quer durch die Region machen zudem klar: Es gibt nicht die Allgäuer Mundart, sondern zahlreiche Dialekte mit verschiedenen Begriffen und Besonderheiten in der Aussprache. Wer Dialekt spricht, sagt Renn, will damit nicht nur die Verbundenheit mit einem bestimmten geografischen Raum zum Ausdruck bringen, sondern empfindet dadurch auch Heimatgefühl und Geborgenheit.

Genau das will auch der Internationale Tag der Muttersprache am heutigen Samstag fördern und somit das Bewusstsein für sprachliche und kulturelle Traditionen stärken. „Das Tolle am Dialekt ist die Vielfalt“, findet der in Ulm geborene Leutkircher Manfred Thierer. „Man kann damit viel mehr Feinheiten ausdrücken, und das schafft Spannung.“ Also sagen wir’s mal so: Schee, wenn’s dussa ganz hofele schneit, der Katzabohle auf da Kaschta naufhäzt und a häbres Mus stibiezt, solang d’r Näne beim Hoigate isch. Alles klar, oder?

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen