Bewährungsstrafe für Kinderporno-Besitz

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Bewährung gab es für einen Mann, der wegen Kinderpornografie vor Gericht stand.
(Foto: Archiv)
Vera Stiller

Ein Jahr und elf Monate Gefängnis auf Bewährung. Dazu eine 1000-Euro-Zahlung an die „Tafel“ und 60 Stunden gemeinnützige Arbeit: So lautet das Urteil des Wangener Schöffengerichts gegen einen 65-Jährigen, auf dessen Rechner die Kriminalpolizei mindestens 2500 Daten mit kinderpornografischen Inhalten gefunden hatte.

Nicht zum ersten Mal wurde vor dem Schöffengericht ein Fall wegen des „Besitzes und des öffentlichen Zugänglichmachens von Dateien mit kinderpornografischen Fotos und Videos“ verhandelt. Neu war jetzt das, was der 65-jährige Angeklagte aus dem Raum Wangen zu seiner Entlastung dem Gericht auftischte. Die Begründung reichte von der angeblich lieblosen Mutter bis hin zum Wunsch, „mit etwas Verbotenem Grenzen zu überschreiten“.

Lang war die Liste mit über eine Tauschbörse heruntergeladener Dateien, die der Oberstaatsanwalt in seiner Anklageschrift zu verlesen hatte. Dem Mann wurde vorgeworfen, seit April 2010 rund 2500 dieser „in der Tat üblen Darstellungen sexueller Handlungen an und mit Kindern unter 14 Jahren“, wie Richter Peter Pahnke sie bezeichnete, auf dem PC gespeichert zu haben. Aber auch vorher schon war der Mann auffällig geworden. Die ersten Ermittlungen gehen in die Jahre 1994 und 1995 zurück. Allerdings wurden die Ermittlungen damals eingestellt.

Nach Vernehmung weitergemacht

Erneut auf ihn aufmerksam wurde das Landeskriminalamt, als er sich als angeblicher Tauschpartner ins System eingeloggt und Recherchen angestellt hatte. Zu Hilfe kam den Beamten ein Ordner, der von dem Verdächtigen freigegeben worden war. Als besonders verwerflich sahen es Staatsanwaltschaft und Gericht an, dass die Vernehmungen im Juli 2010 und das Verfahren den Beklagten nicht abgeschreckt hatten, im gleichen Stil weiterzumachen.

„Ich habe nicht wissentlich Dateien weitergegeben, sondern war der Meinung, dass niemand Zugriff darauf hatte.“ Mit diesem Satz eröffnete der Angeklagte seine weitschweifigen Ausführungen, die für das Gericht „schon arg vor Selbstmitleid trieften“ und einzig dazu bestimmt waren, nach Entschuldigungen zu suchen. Das strenge katholische Elternhaus, in dem Ge- und Verbote das Zusammenleben bestimmten, musste ebenso herhalten wie das Empfinden, sich in allen denkbaren Bereichen als „Mülleimer“ zu fühlen.

„So war es einfacher“

Die Frage, warum er sich ausgerechnet Kinderpornografie als „Möglichkeit zum Auflehnen“ ausgesucht habe, wurde so beantwortet: „Ich hätte auch eine Bank überfallen können, aber so war es einfacher.“ Doch damit nicht genug. „Ich habe mich schon immer gefragt, warum ich so schnell die Lust an dem verliere, was mich interessiert“ war da ebenso zu vernehmen wie „Ob Autos, Uhren, Beruf und Beziehungen – mir wurde es schnell langweilig“.

Auf eine E-Mail angesprochen, in der er einer Freundin in Österreich mitgeteilt hatte, „wie schön es sei, Geschlechtsverkehr mit einer Zehnjährigen zu haben“, sagte der Beschuldigte: „Das hat sich rein auf der Fantasie-Ebene bewegt und war deshalb so reizvoll, weil es neu war.“ Gerne gab der Mann zu, froh zu sein, „dass alles aufflog“, war dann aber schnell wieder bei seiner Mutter, „einer zutiefst unglücklichen Frau, die allen anderen ihr Glück missgönnte“.

Alle diese Erklärungen machten es der Staatsanwaltschaft schwer, „sie nur ansatzweise nachzuvollziehen“, um dann einen Gedanken mit ins Spiel zu springen: „Ihre Mutter ist 2003 verstorben – da gab es doch eigentlich nichts mehr zu rebellieren!“ Doch auch hier blieb der Angesprochene die Antwort nicht schuldig. Wörtlich sagte er: „Ich frage mich als intelligenter Mensch ja selber, warum das alles so gelaufen ist. Ich habe stets korrekt gelebt. Und auf einmal bricht es so aus mir heraus.“

Eisern blieb der Angeklagte bei seiner Einlassung, dass er keinerlei Interesse am Inhalt der Dateien gehabt hätte. Gleich nach dem Herunterladen habe er sie in den Löschordner verschoben, sich die Bilder also nicht einmal angesehen. „Ich wollte sie nur haben, aber auf keinen Fall tauschen.“

„Keine seelische Störung“

Zusammenfassend stellte Richter Pahnke vor der Urteilsverkündung fest: „Die Sachverständigen gehen von keiner seelischen Störung aus, können auch keine Sucht im Hinblick auf eine pädophile Neigung feststellen. Sie sprechen allerdings von narzisstischen Zügen, die sich beispielsweise in der Inszenierung von Suizidversuchen äußerten.“

Das Urteil war so bemessen, dass dem Beschuldigten noch Bewährung zugebilligt werden konnte: ein Jahr und elf Monate Freiheitsentzug. Dazu muss der für schuldig Befundene 1000 Euro an die „Tafel“ im Landkreis Ravensburg zahlen und 60 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Eine dreijährige Bewährungszeit wurde deshalb gewährt, weil der Mann seither nicht mehr „in dem Bereich tätig war, keine Eintragungen hat und seit 2012 wegen Überlastung des Gerichts mehrere ungewisse Jahre verbringen musste.“

Richter Pahnke wies in seiner Urteilsbegründung noch einmal darauf hin, dass jede Datei einen Missbrauch an Kindern darstelle und die Täter verantwortlich dafür seien, „dass überhaupt solche üblen Dinge hergestellt und vertrieben werden können“.

Überaus schockiert über das Gehörte zeigten sich nach der Hauptverhandlung zwei Schülerinnen der neunten Realschule-Klasse, die derzeit ein Praktikum bei einem Wangener Rechtsanwalt absolvieren. Besonders getroffen hatte sie unter anderem die Aussage des Beklagten, sich „null Gedanken“ darüber gemacht zu haben, „was das letztendlich für die Kinder bedeutet“.

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