Beim Jugendschutz sind die Sportvereine verunsichert

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Ehrenamtliche, die mit Kindern arbeiten, müssen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Die Kreisverwaltung hat
Ehrenamtliche, die mit Kindern arbeiten, müssen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Die Kreisverwaltung hat nun eine Handlungsempfehlung für Vereine herausgegeben. (Foto: Archiv)
Redaktionsleiter

Die seit 2012 vom Gesetzgeber und jetzt auch vom Jugendamt des Kreises geforderte Prävention zum Kinder- und Jugendschutz in Vereinen und Organisationen sorgt derzeit für Verunsicherung in den Wangener Sportklubs. Aktueller Anlass ist eine Vereinbarung mit der Behörde, die Vereinsverantwortliche unterschreiben sollen. Im Kern geht es um Haftungsfragen, sollten Mitarbeiter oder Ehrenamtlicher gegen das Bundeskinderschutzgesetz verstoßen, zum Beispiel wegen sexueller Delikte.

„Es ist vielen noch gar nicht bewusst, dass alle Organisationen, die irgend etwas mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, hier gefordert sind“, sagte Sportverbandsvorsitzender Gottfried Sauter bei einer Informationsveranstaltung zum Thema am Donnerstagabend in der MTG-Sportinsel. Und unter den gut 60 anwesenden Vertretern Wangener Sportvereine war überhaupt nicht strittig, dass die Zielrichtung des Gesetzes in die richtige Richtung geht.

Wohl aber stellte sich in vielen Facetten die Frage des „Wie“. Denn zur Umsetzung sollen Vereine einen Maßnahmenkatalog realisieren. Darin ist unter anderem gefordert, dass Vereinsmitglieder aus der Jugendarbeit alle fünf Jahre (erweiterte) polizeiliche Führungszeugnisse vorlegen sollen (siehe Kasten). Zudem sei dem Jugendamt „abgerungen“ worden, so Sauter, dass die Vereine bis Ende des Jahres Präventionskonzepte entwickeln und verwirklichen sollen. Und es steht die Vereinbarung zur Unterzeichnung an, eigentlich mit Fristsetzung bis Ende März.

„Wir stehen erst am Anfang“

Wie man Jugendschutz-Prävention umsetzen kann, zeigte Timo Petersen, Geschäftsführer der MTG Wangen. Der Großverein hatte bereits vor geraumer Zeit ein Konzept erarbeitet und es im vergangenen Sommer der Öffentlichkeit vorgestellt. Vom Sportkreis Ravensburg wurde die MTG in dieser Sache unlängst als Vorbild gelobt. Aber selbst Petersen sagt: „Wir stehen erst ganz am Anfang.“

So stellte er vier vom Verein ausgearbeitete Module vor: einen Ehrenkodex, regelmäßige Kommunikation, Kriterien, wer wem das polizeiliche Führungszeugnis vorlegen muss, und die Benennung einer Schutzbeauftragten. Laut Petersen taugen diese Module für den eigenen Verein, weil sie dort umsetzbar seien. Aber: „Jeder Verein ist speziell.“ Deshalb müssten alle Klubs schauen, welche Art der Prävention passe, vor allem aber, was sich tatsächlich auf die Beine stellen lässt. Petersen riet zudem: Ein Präventionskonzept müsse gelebt werden und dürfe nach dem Vorstandsbeschluss nicht in der Schublade verschwinden.

Für Fragen von den Vereinsvertretern sorgte vor allem das polizeiliche Führungszeugnis. Hier lassen Gesetz und Jugendamt Spielraum: „Wer es vorlegen muss, entscheiden Sie als Verein“, so Petersen. Gleiches gelte für den Beauftragten, dem die Jugendmitarbeiter das Dokument zur Einsicht vorlegen sollen. Beim ersten Punkt hat die MTG aktuell den Jugendvorstand, Hauptamtliche, 450-Euro-Käfte und Trainer mit intensivem Kontakt zu Minderjährigen verpflichtet. Allein dabei handele es sich schon um rund 340 Personen, weshalb der Verein auf entsprechende Vorlagen zusätzlich noch vom erweiterten Helferkreis absieht. Diese unterschreiben aber den Ehrenkodex des Vereins.

Gespräche mit der Stadt

Zum zweiten Punkt berichtete Gottfried Sauter: Wunsch des Sportverbands sei die Vorlage bei einem Verantwortlichen der Stadtverwaltung. Dies sei vom Ordnungs- und Sozialamt sowie dem Sport- und Kulturamt bislang abgelehnt worden. Einen erneuten Vorstoß will er aber unternehmen. „Das wäre ein Riesenschritt für die Vereine“, glaubt auch Petersen.

Dass hinter den geforderten Maßnahmen aber nicht nur Prävention steckt, sondern auch die Frage, wer im Fall von Gesetzesverstößen von Vereinsmitarbeitern verantwortlich ist, brachte eine der Anwesenden auf den Punkt: „Es geht darum, uns aus der Haftung rauszuhalten.“

Dem widersprach niemand, zumal Sauter und Petersen eingangs gemahnt hatten: Nichts zu tun, wäre fahrlässig. Der MTG-Geschäftsführer nannte beispielhaft einen Verein aus dem Raum Stuttgart: Dort habe ein Vorstand der Kripo nach einem Missbrauchsfall im Verein entsprechende Konzepte nachweisen können. Er wurde nicht belangt.

Was Vereinsverantwortlichen in Sachen Haftung möglicherweise droht, ist aktuell offen. „Es gab noch keinen, der strafrechtlich verfolgt worden ist, der die Vereinbarung noch nicht unterschrieben hat“, erklärte Timo Petersen.

Petersen warnt vor Unterschrift

Um sicher zu gehen, riet er den Anwesenden übrigens von der Unterschrift ab, bevor der Verein bei der Prävention konkret tätig werde. Selbst die MTG habe das Dokument bislang nicht unterzeichnet. Sie besitze zwar das Konzept, aber dessen Umsetzung sei bislang nicht hinreichend abgeschlossen, so der Geschäftsführer auf SZ-Nachfrage.

Dass es bei der Unterschrift zeitliche Spielräume gibt, räumt das Landratsamt ein. Sprecherin Claudia Roßmann erklärte am Freitag: Die Frist bis Ende März sei nur gesetzt worden, weil sich sonst erfahrungsgemäß gar nichts tue. „Wir wollen alle mitnehmen“, sagte sie. Gern könne sich jeder Verein telefonisch oder schriftlich an das Jugendamt wenden, wenn er Zeit bei der Umsetzung von Kinder- und Jugendschutzkonzepten brauche. Dies werde dann dokumentiert. Aber auch, sollte ein Verein sich am Ende komplett verweigern. Damit will das Landratsamt bei Haftungsfragen nämlich selbst auf der sicheren Seite stehen.

So sehen die Eckpunkte der Vereinbarung aus

Die Vereinbarung regelt, wann in der freien Jugendhilfe Tätige ihre Arbeit „aufgrund von Art, Intensität und Dauer des Kontakts zur Kindern und Jugendlichen nur nach Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses ausüben dürfen“. Konkret sollen die Träger (hier die Vereine) unter anderem die Qualifikation von Mitarbeitern in der Kinder- und Jugendarbeit sicherstellen und Präventions- und Schutzkonzepte umsetzen. Ferner sollen sie dem Jugendamt die Tätigkeiten benennen, wegen derer die Vorlage des erweiterten Führungszeugnisses vorzulegen ist. Der Träger muss dies dokumentieren und auch nicht genannte Kriterien überprüfen. Das Führungszeugnis darf laut Vereinbarungstext nicht älter als drei Monate sein. Spätestens nach fünf Jahren ist eine aktuelle Version vorzulegen. Auch die Einsichtnahme in das Dokument müssen die Vereine schriftlich nachweisen. Zu bestimmten Straftaten Verurteilte sind von der Kinder- und Jugendarbeit ausgeschlossen. (sz)

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