Auf den Krebs folgt der Wechsel zu Denizlispor

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Der 25-jährige Berkan Afsarli hat den Lymphdrüsenkrebs überstanden und spielt jetzt wieder Fußball.
Der 25-jährige Berkan Afsarli hat den Lymphdrüsenkrebs überstanden und spielt jetzt wieder Fußball. (Foto: Weber)
Schwäbische Zeitung
Redaktionssekretariat

Der Wechsel von Mersin Idman Yurdu zum türkischen Zweitliga-Verein Denizlispor Kulübü war vorherzusehen. „Es gibt mehrere Angebote“, sagte Berkan Afsarli schon vor ein paar Wochen. Sportlich und auch ganz persönlich erlebte der deutsche Fußballprofi in den zweieinhalb Jahren bei Mersin Idman Yurdu die volle Breitseite der möglichen Auf und Abs – einschließlich der Diagnose Lymphdrüsenkrebs im Februar vergangenen Jahres.

„Ich bin jetzt einfach glücklich, dass ich meinen Sport wieder zurückhabe“, meint Berkan Afsarli, eineinhalb Jahre nach der Entdeckung der Krankheit. Die persönlichen Werte haben sich verschoben. Die Dankbarkeit für all’ die Unterstützung von Eltern, Verlobter, Freunden und Bekannten, für die „Selbstverständlichkeit Leben“, ist noch größer geworden. „Ich habe in kurzer Zeit viel erlebt“, blickt der 25-Jährige auf die vergangenen Monate und Jahre zurück: „Schlechte Tage wurden von sensationell guten Tagen wettgemacht.“ Die Krankheit scheint besiegt. Nun kann sich der Wangener Fußballprofi wieder seinem Beruf widmen – an neuer Stätte und mit neuer Motivation.

Spürbare Liebe der Fans, aber auch ausbleibendes Gehalt

Leicht ist ihm der Abschied aus Mersin nicht gefallen. Auch dort wollte man den zentralen Mittelfeldspieler, der im Januar 2014 zum Kader kam, gerne halten. Immer wieder erzählt Berkan Afsarli von der großen und so spürbaren Liebe der Fans, dieser außergewöhnlichen und oft auch aufgeheizten Stimmung bei Spielen, dieser ganz besonderen Atmosphäre.

Und doch gab es auch die eher niederschmetternden Situationen, die mannigfaltigen Trainerwechsel und die Abhängigkeit von deren Launen und Einschätzungen, dem immer wieder „sich neu einstellen“, den fast zur Normalität gehörenden, ausbleibenden Gehaltszahlungen, Ersatzbank, den „Tiefs im Kopf“ und vielem mehr. In der südwesttürkischen Provinzhauptstadt Denizil will er sich nun weiterentwickeln und zum Stammspieler werden. Gestärkt und nicht geschwächt von der Krankheit.

Die Krankheit: Sie kam zu einem Zeitpunkt, die Berkan Afsarli, zumindest persönlich, eigentlich als eine der besten in seinem Leben bezeichnet. Ende 2015 hat er sich nun mit seiner Freundin Gizem verlobt, auch fußballerisch hatte sich vieles wieder zum Guten gewendet. Ende Dezember stand Berkan Afsarli wieder auf dem Platz, machte seine ersten Pokalspiele, schoss Tore, machte für Mersin in der Süperlig, also der ersten türkische Liga, Spiele: „Kurz nach Silvester habe ich bei einem Heimatbesuch in Wangen Kraft getankt und bin zurück nach Antalya gereist. Ich habe zu diesem Zeitpunkt so richtig gebrannt.“ Kein Wunder also, dass Mersin Idman Yurdo ihn nur ungerne ziehen lassen wollte. Dort hatte man ihm Zeit gelassen. Zeit gelassen, um die im Februar 2015 diagnostizierte Krankheit auszukurieren. Mitte August endeten die Chemotherapien, Ende August die Bestrahlungstherapie.

An den Ausbruch der Krankheit wird sich Berkan Afsarli wohl ein Leben lang erinnern. Den extremen Juckreiz schrieb er damals noch einer vermuteten Allergie zu. Auch der am Hals angeschwollene Lymphknoten beunruhigte ihn zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Anfang Februar vertraute er sich dennoch dem Mannschaftsarzt an. Nach einer Biopsie wurde Afsarli sofort an die Uniklinik verwiesen. „Als mir kurz darauf mehrere Professoren erklärten, dass sie Lymphdrüsenkrebs vermuten, habe ich gelacht und gesagt: Ihr könnt mir alles erzählen, aber ich und Krebs?“ Eine sofortige Operation bestätigte jedoch die Diagnose. Das Ergebnis behielt Afsarli erst einmal für sich: „Ich wollte nicht, dass 3000 Kilometer weiter meine Mutter leidet. Ich habe irgendetwas erzählt, damit meine Eltern beruhigt sind.“

Vater Ali und nacheinander auch andere Familienangehörige kam und kamen schließlich doch in die Türkei, kümmerten sich von der bei Krebspatienten notwendigen, fast schon übertriebenen, Hygiene der Wohnung bis zur gesunden und regelmäßigen Ernährung um alles, was für den Sohn und Bruder zu Zeiten der Chemotherapie nötig war. Im Rückblick ist Berkan Afsarli überzeugt: „Die Krankheit kam zu einem richtig guten Zeitpunkt. Soviel Zeit hatte ich lange nicht mehr mit meinen Eltern und Geschwistern verbringen können. Auch meine Verlobte war jeden Tag bei mir. Das alles hat mir nochmal ein bisschen mehr Kraft gegeben.“

Vereinsarzt hatte sich wegen der Knoten ernsthaft Sorgen gemacht

Aus zunächst sechs vorgesehenen Chemotherapieanwendungen wurden zwölf. Die Haare fielen aus. Erst spät erfuhr Berkan Afsarli, dass sich sein Vereinsarzt wegen zweier von Knoten befallenen Stellen „ernsthaft Sorgen gemacht“ habe. Im August 2015 konnte schließlich die Chemo abgeschlossen und Entwarnung gegeben werden. „Es ist zu 100 Prozent nichts mehr da“, sagt Berkan Afsarli. Und weiter: „Es war die schwerste und schlimmste Erfahrung meines Lebens. Aber ich fühle mich heute stärker denn je.“ Die Zeit der krankheitsbedingten, fußballerischen Abstinenz hat Spuren hinterlassen: „Ich habe es vermisst, auf den Platz zu gehen, zu kämpfen, zu machen. Nicht wegen des Geldes. Sondern weil ich einfach Spaß daran habe, Fußball zu spielen.“

Nun also geht es zu Denizlispor, einem türkischen Zweitligisten. „Die türkische Liga hat es mir angetan“, erklärt Afsarli. Und nicht nur sie. Auch anderes steht noch auf dem Plan: „Gizem und ich werden noch in diesem Jahr heiraten.“ Warum es gerade zu Denizilspor geht, erklärt Afsarli so: „Der Verein hat mir gegenüber eine hohe Wertschätzung an den Tag gelegt. Der sportliche Leiter von Denizilspor war 2014, als ich in die Türkei wechselte, noch Kapitän von Mersin. Auch er hat sich sehr um mich bemüht.“ Und noch etwas war Afsarli wichtig: „Ich möchte bei Denizilspor jetzt einfach eine neue Seite aufschlagen – und hier voll durchstarten.“

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