Ulrich Michael Heissig verkörperte die Zwillingsschwester von Hildegard Knef.
Ulrich Michael Heissig verkörperte die Zwillingsschwester von Hildegard Knef. (Foto: Vera Stiller)
Vera Stiller
Redakteurin

Zum vierten Mal hat Irmgard Knef, die „Zwillingsschwester von Hildegard Knef“, die Häge-Schmiede besucht. Auch wenn es am Ende keine Rosen regnete, zeigte sich das Publikum von der Darstellungskunst eines Ulrich Michael Heissig tief beeindruckt.

Man durfte sich schon mehr als einmal verwundert die Augen reiben und Zweifel bekommen, ob da nicht doch die leibhaftige Schwester der legendären Hildegard Knef auf der Bühne stand. Doch es war Ulrich Michael Heissig, der nun schon seit 1996 in diese Rolle schlüpft und das „Alter Ego“ von Hildegard Knef kabarettistisch verkörpert. Der 53-Jährige tut das in Aussehen, Mimik und Gestik so hervorragend, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Hatte Hildchen beim Sprechen nicht genauso mit den Lippen gezittert? Waren ihre Augen nicht in gleicher Weise verschleiert und ihre blond gefärbten Haare ständig „im Weg“, sodass sie ein übers andere Mal hinter die Bügel der großen Sonnenbrille geschoben werden mussten?

Als „altes Zirkuspferd mit Ablaufdatum und dem Stallgeruch vergangener Tage“ tritt Irmgard vor ihr Publikum. Um gleich zu beteuern, dass sie dennoch Wünsche und Träume hat. Und die müssen für sie nicht einmal etwas kosten, denn: Silberfische in der Dusche gibt es gratis. Dann ruft sie Alfred Neumann an der Technik ein „Kindchen, fahr ab!“ zu und legt los: „Ich möchte mal in Berlin vom neuen Flughafen fliegen, bei Mondschein ein Sonnenbad nehmen, dazu beitragen, dass Flüchtlinge aus Sachsen flüchten.“

1925 in Ulm als zweites Kind geboren, hat sie zur Vorgruppe von Johannes Heesters gehört, war als bejahender Mensch dreimal verheiratet und hat noch immer klare Vorstellungen vom idealen Partner: „Two in One“, aber realistischer wohl „Nimm 2“. Bereits im fortgeschrittenen Alter hatte sie einen Kerl mit Namen Karl, der 87 Jahre jung war und „von dr Alb ra“ kam. Und Irmgard zählt auf, woher die Männer sonst noch so kommen: Japaner von der Mainau, Piloten aus Echterdingen und Feinstaubverursacher aus Stuttgart.

Dann wendet sich Irmgard, die noch einen Trolley in Shanghai hat, in dem ein „Buch über einen Gaul“ liegt, dem kommenden Fest zu und singt: „Auch auf der Reeperbahn steht sicherlich bald der Weihnachtsmann.“ Nicht ohne zuvor noch an die verblichenen Freundinnen Klara Leander, Helga Meisel, Renate Uhse und Helene Dietrich zu erinnern. Apropos Helene. Die „Fischerin“ scheffelt ihr einfach zu viel Geld. Aber so ist das, wenn sich alles ständig verändert hat. Früher gab es „Wein, Weib, Gesang“, dann „Sex, Drugs and Rock ‚n‘ Roll“ und heute eben „Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer“.

Nach der Pause erscheint Irmgard Knef mit Weihnachtsmütze. Aber so wohl scheint sie sich damit nicht zu fühlen. Würde sie sonst „Der Lack ist ab“ oder „Früher bin ich auf Partys gegangen, heute sind es die Beerdigungen“ jammern? Urplötzlich wird es besinnlicher. Die Chansonnette macht sich Gedanken über den Glauben. „Der eine wandert auf dem Jakobsweg, der andere durch die Fußgängerzone zum ,Billigen Jakob’“, sagt sie und triumphiert: „Weihnachten ist eine schöne Zeit. Da kann man Verwandte zum Essen einladen und ist danach glücklich, weil man sie ein Jahr nicht mehr sieht.“

Am 100. Geburtstag in Wangen?

Nachdem sie die Geburt Christi von der satirischen „Ur-Geschichte“ her verlesen hat, ist es Zeit für ein letztes Liebeslied: „Ich will der Hafen für deinen Kutter sein.“ Der nicht enden wollende Beifall rührt Irmgard so sehr, dass sie gesteht: „Wenn ich Euch nicht hätte, wäre ich längst in der Traube mit einer Schlaftablette.“ Ja, Irmgard Knef hat ihre Fans. Und die haben nur den einen Wunsch, dass sie mit ihnen auch den 100. Geburtstag in der Häge-Schmiede feiern wird.

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