Diese 61-Jährige läuft und läuft und läuft

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Susanne Brillisauer vor ihrem Haus
Kein ausgemergeltes und drahtiges Muskelpaket, aber eine großartige Läuferin: Susanne Brillisauer aus Vogt. (Foto: Bettina Musch)
Bettina Musch

Es ist schon sehr ungewöhnlich, dass eine Läuferin in gesetztem Alter von 61 Jahren so erfolgreich extrem lange Laufstrecken bewältigt. Susanne Brillisauer aus Vogt absolviert mehrmals im Jahr Marathonläufe und hat vor kurzem erst den 100-Kilometerlauf in Biel in der Schweiz als zweite in ihrer Altersklasse gewonnen.

Da komme ich nicht mehr mit, konditionell und mental ist sie unglaublich stark.

Josef Brillisauer, der Ehemann von Susanne

„Da komme ich nicht mehr mit, konditionell und mental ist sie unglaublich stark“, sagt Josef Brillisauer, der Ehemann von Susanne und lacht auf die Frage, ob er denn auch ein Läufer sei. Am Anfang der Laufkarriere seiner Frau, vor 20 Jahren, sind sie gemeinsam unterwegs gewesen. Wie ist sie dann bis heute so erfolgreich geworden? „Ich habe damals mit dem Rauchen aufgehört und brauchte einfach einen Ausgleich zu meiner Arbeit“, erinnert sich Susanne Brillisauer.

Sie ist Hospizmitarbeiterin, selbständige Podologin und Wundberaterin und hat die Nachbarschaftshilfe in Vogt gegründet, wo sie ebenfalls aktiv ist. Außerdem hat sie vier Kinder großgezogen und ist inzwischen auch schon vierfache Großmutter. „Beim Laufen, das war die Zeit, wo ich meine Ruhe hatte“, sagt sie. Und so habe sich das nach und nach entwickelt.

Irgendwann kam der Wettkampfgedanke

„Am Anfang habe ich das nur für mich getan, aber dann kam irgendwann der Wettkampfgedanke“, sagt sie und ergänzt: „dann wird man ehrgeizig und will sehen, was geht“. Und es geht eine ganze Menge, denn sie bestreitet inzwischen etliche Langstreckenwettkämpfe. Wie bereitet sie sich neben ihrer Vollzeitarbeit darauf vor? Sie ist Mitglied im SC Vogt und trainiert dort, aber das reicht nicht. „Ich laufe am frühen Morgen, fünfmal in der Woche, bei Schnee, Regen, Sturm, das ganze Jahr über, etwa ein bis zwei Stunden lang“, erklärt sie. An Ostern startet sie mit dem ersten Marathonlauf. Dann kommt die Steigerung, denn das Ziel ist der 100-Kilometerlauf in Biel im Juni.

„Das ist dort etwas ganz Besonderes,“ erzählt sie. „Der Start ist um 22 Uhr abends und wenn der Stadionsprecher sagt: „Kommt gut durch die Nacht“, dann stellt sich eine Gänsehautatmosphäre ein“. Alle Läufer sind mit Stirnlampen unterwegs und ein langer leuchtender Lindwurm schlängelt sich am Horizont entlang. Es sei kein Ellenbogengeschubse und kein Gerangel am Start, alle begeben sich ruhig auf ihren Lauf.

Ab 80 Kilometern tut es weh, dann heißt es die Zähne zusammenzubeißen. 

Susanne Brillisauer

Und genau das ist es, was ihr am Langstreckenlaufen so gefällt. Sie ist eine Läuferin aus Leidenschaft, sagt aber: „Ich bin nicht darauf aus, einen Blumentopf zu gewinnen, sondern dass ich durchkomme und das Ziel erreiche“. Das war auch in Biel so, denn trotz Training ist das keine lockere Angelegenheit. „Ab 80 Kilometern tut es weh, dann heißt es die Zähne zusammenzubeißen“, erinnert sie sich an den Kampf. Sie musste das Tempo wegen muskulärer Probleme drosseln. Trotzdem hat sie die Strecke in 12 Stunden und 23 Minuten als zweite in ihrer Altersklasse gewonnen.

In der Regel begleitet sie ihr Mann auf dem Fahrrad, nur dieses Mal sei sie alleine unterwegs gewesen. Sie läuft auch nicht mit anderen Sportlern zusammen, jeder habe seinen eigenen Rhythmus. Alle fünf Kilometer ist eine Versorgungsstation aufgebaut, wo sich die Läufer mit Getränken, Nüssen oder Brühe versorgen können. Wer aufgibt, kann auf einen Shuttlebus vertrauen, der sich um die Rückfahrt kümmert.

Knieprobleme halten sie nicht auf

Aufgeben gibt es allerdings nicht für Susanne Brillisauer. Dieser Ehrgeiz hat jedoch seinen Preis. Sie plagt eine Arthrose im rechten Knie und hat schon viele Spiegelungen hinter sich. „Deswegen laufe ich aber trotzdem“, meint sie. Allerdings keine kurzen und schnellen Wettläufe, keine Sprints. Auf ihr Outfit beim Laufen legt sie wenig Wert, das Wichtigste seien die Schuhe. Und das schlägt ordentlich auf den Geldbeutel, denn sie braucht alle zwei Monate ein Paar neue. Durch die Knieprobleme laufen sich die Schuhe unregelmäßig ab und deshalb sei der Verschleiß so groß.

Ihr Mann ist ihr größter Fan 

Was sagt denn ihre Familie zu ihrer Laufleidenschaft? „Ich bin die Einzige, die so läuft“, erzählt sie und lacht. Weder ihre Kinder noch die Enkelkinder seien davon angesteckt worden. Aber ihr Mann ist ihr größter Fan, begleitet sie, wann immer es möglich ist und hat tiefen Respekt vor ihrer Leistung. Ein Ende ihrer Laufbahn ist für sie nicht in Sicht. „Ich möchte in Ruhe laufen mit Spaß und ohne Stress. Ich habe schon noch vor, bis 70 Jahre zu laufen“, meint sie zuversichtlich.

Jetzt ist erstmal der Bodensee-Marathon am 14. September in Kressbronn geplant und dann der 50 Kilometerlauf in Schwäbisch Gmünd am 26. Oktober, bei dem drei Hausberge zu bewältigen sind. Bis dahin werden wohl noch ein Paar Schuhe auf der Strecke bleiben.

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