„Die Goißa können auch mal wild werden“

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Die Goißa, zu denen Wolfram Dietrich gehört, hatten ihren ersten Auftritt 1971 in Reute. (Foto: Dejan Lazarevic)
Schwäbische Zeitung
Dejan Lazarevic

Wolfram Dietrich hat die Narrengilde Reute mitbegründet. Er trägt seit 35 Jahren das Häs vom „Goißa“ und springt Jahr für Jahr bei 15 Umzügen der Gilde mit. Die Fasnet hält ihn jung, denn mit 73 Jahren, ist er der älteste Goiß der Narrengilde, der aktiv im Häs springt.

Als erste Maske der Narrengilde hat der Goiß besondere Tradition. Viele der Masken, so auch seine, wurden vom Bad Waldseer Maskenschnitzer Eugen Schmid in Handarbeit gefertigt. So pflegt Dietrich eine enge Verbindung zu seiner Maske. An ihr ist echtes Ziegenfell befestigt und so erinnert sich Dietrich gerne an sein erstes Fell zurück: „Mein altes Ziegenfell hatte einen sehr authentischen Geruch, wir haben versucht es in der Reinigung zu waschen. Geholfen hat es gegen den Goißa-Geruch leider nicht“, erinnert er sich und lacht. Vor ein paar Jahren hat er es durch ein neues Fell ersetzt. „Wenn das Fell nass wurde, war es nicht auszuhalten.“

Das Plüschmaterial, das zur damaligen Zeit noch von der Firma Steiff stammte und zur Herstellung der Hose und Oberbekleidung diente, sieht auch nach unzähligen Umzügen fast wie neu aus. „Die fünf Glocken, die an einem Ledergürtel befestigt sind, gibt es in dieser Ausführung nicht mehr“, sagt der Goiß stolz zu seinen drei Jahrzehnte alten Schmuckstücken. Denn die Glocken werden jetzt auf Bestellung von Dietrich in einer Gießerei in Straubingen extra für Neumitglieder angefertigt.

Fasnet bringt Freunde zusammen

Die Fasnetszeit ist für den Ur-Groiß jedes Jahr etwas besonderes, denn über die Zeit hat er viele Narren kennengelernt, die er auf Umzügen wieder trifft. „Das schönste ist die Kameradschaft. Wenn ich Menschen, die ich das restlichen Jahr nicht sehe, bei einem Umzug wieder treffe, dann wird viel geredet und gelacht“, erzählt Dietrich. „Die größte Freude ist, wenn das Publikum mitmacht.“

Die Mitgliedschaft zur Narrengilde zeigt sich aber nicht nur in der Fasnetszeit. Seit 50 Jahren ist Dietrich auch beim Maibaumkranzen dabei. Zudem unterstützt die Narrengilde verschiedene Veranstaltungen, wie zum Beispiel das Lauffieber mit Ständen. Jedes Jahr treffen sich die Goißa auch zu Grillabenden im Sommer und stärken so die Gemeinschaft. „Bei einer gemütlichen Kegelrunde entstand sogar unser Narrenlied, dass heutzutage gesungen wird“, erklärt Dietrich.

Beim Umzug in Reute springt Dietrich selber nicht mit, er bewirtschaftet, kassiert und sammelt Geld für eine langjährige Tradition: Würste und Brötchen an Kindergartenkinder und Schüler in Gaisbeuren und Reute verteilen. „Über die Jahre ist mir auch aufgefallen, dass es immer weniger Kinder gibt“, merkt er an.

Obwohl die Goißa einen ruhigen Charakterzug haben, gäbe es ab und zu auch ein paar temperamentvolle, meint Dietrich: „Die Goißa müssen lange in ihrem Stall warten bis sie raus dürfen, da kann der ein oder andere auch mal wild werden“, sagt Dietrich und zwinkert mit einem Auge. Jedes Jahr freut sich der 73-Jährige auf die traditionelle „Goißawäsch‘“. Bei diesem Fasnetsball werden neue Goißa unter einer Wasserpumpe zuallererst ausgiebig gewaschen. Nach der Wäsche sind sie dazu berechtigt auf Umzügen mit zu springen. „Maskenträger kann jeder ab zwölf Jahren werden, jedoch ist das immer eine individuelle Entscheidung, denn es kommt auch auf die Körpergröße an.“

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