Wie schnell „du Esel“ zu einem Kompliment wird

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Fritz Hummel (links) und Anton Gessler sind mit Esel-Macho Ole unterwegs auf den Wiesenwegen rund um Reute.
Fritz Hummel (links) und Anton Gessler sind mit Esel-Macho Ole unterwegs auf den Wiesenwegen rund um Reute. (Foto: Barbara Sohler)
Barbara Sohler

Martina Tagmann-Roth und ihre Esel bieten ständig Programme an für Menschen auf der Suche nach einer Auszeit, für Kurgäste und große und kleine Eselfans: Ein Esel-Workshop, Esel-Kuscheln oder ein Esel-Spaziergang. Weitere Infos und Termine unter www.eselundich.de oder direkt telefonisch unter Telefon 07524/4094718.

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Bei einem Spaziergang lässt sich prima abschalten, bei einem Spaziergang mit Esel auch wunderbar lernen. Über sich selbst, sein eigenes Durchsetzungsvermögen, seine Stärken. Und was so lapidar im Monatsprogramm der Bad Waldseer Homepage unter der Rubrik Veranstaltungen als „Eselspaziergang“ daherkommt, das ist weit entfernt davon, ein stures Langohr am Strick hinter sich herzuziehen. Barbara Sohler hat mit Tochter-Freundin-Gespann einen zweistündigen Spaziergang unter die festen Schuhe genommen.

Die Sonne stempelt warme Flecken auf den Asphalt, der Durlesbach murmelt leise vor sich hin, eine Gruppe junger Libellen segelt durch die Luft. Umschwirrt die kleine Gruppe Spaziergänger, die immer wieder mal stehen bleibt. Und das überhaupt nicht deshalb, weil die zwölfjährige Roberta, ihre Freundin Elea oder die beiden älteren Ehepaare Gessler und Hummel eine Pause bräuchten, sondern weil Schantall (ja, schwäbisch, nicht französisch)hin und wieder die filigranen Beine in die Erde stemmt, den Kopf senkt und ein Maul voll Gras abrupfen möchte. Das hilft wenig. Elea versucht es mit einem souveränen „Marsch!“, Roberta probiert es mit einer nachdrücklichen Aufforderung in Form eines leichten Knuffs in die Schulter. Dann scheint Schantall kurz zu überlegen. Das Eselmädchen zieht die Maulspalte etwas weiter nach oben, wackelt ein paar Mal mit den samtigen, langen Ohren - und geht weiter.

Martina Tagmann-Roth, die Eselmutter, hat die sechsköpfige Besucherschar schon vor dem Spaziergang gebrieft. Alles rund um den Esel, seine Herkunft, die Eigenarten und Vorlieben zu erklären, dafür reicht die Kennenlern- und Vorbereitungszeit auf dem Paddock –dem Auslauf am Stall- beileibe nicht aus. Aber Tagmann-Roth macht ihre Gäste so schlau es eben geht, in einer Stunde: Woher ihre Esel stammen – Pia aus einem Streichelzoo, Schantall aus Bad Buchau und der Esel-Wallach Ole vom Pferdehändler; dass die Heimat eines Esels aber grundsätzlich südliche Gefilde sind.

Dass Esels Fell nicht für Regen gemacht ist. Dass der Eselmagen mit viel gesundem Raufutter aber wenig frischem, fructanhaltigem Gras versorgt werden will. Dass die Fettreserven bei Schantall und Co im Hals stecken. Dass der Esel per se sehr feinfühlig ist und die dem Grautier zugesprochene Sturheit im Grunde viel eher Vorsicht und Weitsicht sind.

Eselsgeduld bewiesen

Während Martina Tagmann-Roth referiert, stehen die drei hübschen Tiere mit sprichwörtlicher Eselsgeduld am Zaun angebunden und merkwürdigerweise verteilen sich jeweils Zweier-Menschen-Teams ganz automatisch auf ihren späteren Spaziergeh-Begleiter: Inge Gessler und Elfriede Hummel landen bei der zierlichen Pia, ihre Ehemänner Anton und Fritz streben zum Macho Ole. Und die beiden Schülerinnen haben sich auf Anhieb in Oles Zweitfrau Schantall verguckt. Ausgerechnet in Schantall, der Tagmann-Roth bescheinigt, dass sie super intelligent sei, Eimer stapeln aber durchaus auch ihren hübschen Kopf mit dem eseltypischen, weißen sogenannten Mehlmaul durchsetzen könne. Die Schülerinnen kümmert das nicht. Nach einer sanften Fellmassage, dem Auskratzen der harten Hüfchen und der Ansage von Tagmann-Roth („Die Esel wissen genau, was sie wollen und was ihnen Unbehagen bereitet“) macht Roberta das erste Selfie. Süßes Mädchen mit süßem Esel.

Martina Tagmann-Roth,Kinderkrankenschwester mit Fachfortbildung Psychosomatik und ausgebildet in tiergestützter Pädagogik, hat ihren eigenen kleinen Haustier-Zoo auf dem Gelände einer alten Mühle in Reute, etwas abseits der Neubausiedlungen, direkt am Durlesbach. Alle Tiere – die Wollschnucken, die Hühner, Hund und Kater sowie drei Pferde- haben einen Namen und eine Geschichte. Und schon seit ein paar Jahren bietet die 43-Jährige Spaziergänge mit ihrem Esel-Trio an, wobei sie immer wieder von Neuem feststellt: „Die Esel holen die Menschen ab. Sie brauchen Sicherheit von dem, der sie führt. Aber sie verbreiten auch jede Menge Ruhe und schulen die Achtsamkeit“.

Streicheleinheiten als Belohnung

Genau das empfinden auch die sechs Spazierbegleiter am Samstag. Und Fritz Hummel, der sich mit Ole so prächtig entspannt hat, bei dem gemächlichen Ausflug durch den Kümmerazhofer Wald und über die Feldwege, der kommt kaum mehr los von seinem Langohr. Der kluge Ole kuschelt sich nämlich an Hummels Bein, steckt den schmalen Kopf zum Kraulen hin und scheint buchstäblich zuzuhören, was in der Menschenherde gesprochen wird. Grad so, als gefalle ihm besonders gut, was der Zweibeiner mit einem zärtlichen Augenzwinkern Richtung Gattin sagt: „Wenn jetzt jemand ,du Esel’ zu mir sagt, dann fasse ich das nur noch als Kompliment auf.“

Martina Tagmann-Roth und ihre Esel bieten ständig Programme an für Menschen auf der Suche nach einer Auszeit, für Kurgäste und große und kleine Eselfans: Ein Esel-Workshop, Esel-Kuscheln oder ein Esel-Spaziergang. Weitere Infos und Termine unter www.eselundich.de oder direkt telefonisch unter Telefon 07524/4094718.

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