Zwei Genies in der Sinnkrise

Lesedauer: 4 Min
 Lea Singer
Lea Singer (Foto: Helmut Voith)
Schwäbische Zeitung
Helmut Voith

Zur Lesung aus ihrem 2015 erschienenen Roman „Anatomie der Wolken“ haben die Goethe-Gesellschaft und die Stadtbücherei Ravensburg am Dienstagabend die Münchner Autorin Lea Singer alias Eva Gesine Baur in den Kornhaussaal eingeladen. Ein Roman um dokumentierte Begegnungen Wolfgang von Goethes mit Caspar David Friedrich – zweier Männer in der Sinnkrise.

Nach Lesungen auf dem Literaturschiff beim Bodenseefestival und in Tettnang nun, mit drei Jahren Abstand, die dritte Lesung aus demselben Roman und mit Abstand die beste. Dies war dem souverän moderierenden Ravensburger Kulturamtsleiter Franz Schwarzbauer zu verdanken, denn Lea Singer, so ihr Pseudonym als Romanautorin, würde sehr schnell bei den Wolken und der Wolkenforschung hängenbleiben, wenn man sie nicht immer wieder auf andere Themenstränge des Romans lenken würde.

Am Bodensee aufgewachsen, hat Eva Gesine Baur, wie sie erzählt, hier die Faszination der Wolken erfahren, die auch den berühmten Maler Caspar David Friedrich so gepackt hat. Die Tatsache, dass auch Goethe nach seiner abgelehnten Farbenlehre sich den Wolken zugewandt hat und dass beide Männer, der alternde Klassiker und der junge Romantiker, einander zwei Mal begegnet sind, sei der Ausgangspunkt für den Roman gewesen.

Lea Singer stellte die beiden sehr plastisch gezeichneten Protagonisten vor. Dass sie um die gleiche Frau konkurrieren, kam hier nicht zur Sprache, aber ungemein packende Details aus der Denkart der so grundverschiedenen Männer. Ein Glücksfall, dass die Autorin, die neben Literatur und Musik auch Kunstgeschichte studiert und darin promoviert hat, für ihre Werke intensive Quellenstudien betreibt: „Ich delegiere die Recherche nie, ich mache meine eigenen Fehler.“ Immer wieder versichert sie die Authentizität der Zitate, die sie Briefen und Tagebüchern entnommen hat. Raffiniert verwebt sie die Techniken des inneren Monologs und der erlebten Rede, um eine echt scheinende Situation zu zeichnen. Um die Personen nahezubringen und Emotionen zu wecken, lässt sie sie in Monologen und Dialogen lebendig werden – das gehe in einem Sachbuch nicht, darum habe sie hier von vornherein die Romanform gewählt.

Die philosophische Grundeinstellung der Protagonisten erscheint zum Greifen nah. Man erlebt die Leiden des großen Geistes Goethe an der geistigen Enge, am Mief seiner kleinstädtischen Umgebung in Weimar, die Einsamkeit des sich unverstanden fühlenden 60-jährigen „Alten“, der den Generationenbruch erfahren muss, den Aufbruch der Jugend in die Romantik. Man nimmt teil am Leben des 25 Jahre jüngeren Malers, der später an die Spitze der Romantik vordringen sollte, hier aber, unfähig, Kontakte zu knüpfen, seinen Freiraum in den Wolken sucht. Viele Personen werden noch am Rande genannt, illustrieren das Milieu, unter dem beide leiden. Geschickt hat Schwarzbauer einige herausgegriffen und Lea Singer zum Reden gebracht. Jede Lesung ist anders – diese war etwas Besonderes, vielleicht kam der relativ kleine Saal hoch oben in der Stadtbücherei der Intensität entgegen.

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