Wo die Pflege fehlt, aber dringend gebraucht wird

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Auf den Landgemeinden rund um Ravensburg und Weingarten sind die Pflegedienste überlastet und die Nachbarschaftshilfen bangen um
Auf den Landgemeinden rund um Ravensburg und Weingarten sind die Pflegedienste überlastet und die Nachbarschaftshilfen bangen um Nachwuchs. Sie fürchten, dass ein neues Gesetz im Land für viele Interessierte eine große Hemmschwelle ist. (Foto: Archiv: Markus Scholz/dpa)
Schwäbische Zeitung

Die Nachbarschaftshilfen in Vogt und Waldburg sowie die Sozialstation St. Martin in Schlier schlagen Alarm: Auf dem Land herrscht Pflegenotstand und eine Verbesserung ist nicht in Sicht. Sie sehen gar eine Verschlechterung der Situation auf die Region zukommen – insbesondere auf den Landgemeinden.

Roswitha Gesugrande, die Pflegedienstleiterin der Sozialstation St. Martin in Schlier, beschreibt die Situation aus der Praxis: „Jeden Monat habe ich rund 20 Anfragen von Menschen, die betreut werden wollen, und ich muss alle ablehnen, weil wir sie nicht aufnehmen können.“ Zuständig ist die Station mit ihren 34 Mitarbeitern für die Gemeinden Amtzell, Bodnegg, Grünkraut, Schlier, Vogt und Waldburg – ein Gebiet mit rund 22 000 Einwohnern. Seit April kann sie niemanden mehr aufnehmen.

Klara Öngel hat jahrelang die Nachbarschaftshilfe Waldburg geleitet und kennt die Situation aus eigener Erfahrung. Früher haben sich Nachbarschaftshilfe und Pflegedienst als Konkurrenten gesehen, heute wissen sie, dass die Gesellschaft auf beides angewiesen ist und jede helfende Hand gebraucht wird. „Wir sehen, wenn Menschen Bedarf an Pflege haben, und wenn wir bei Pflegediensten anrufen, sehen wir, dass die Dienste überlastet sind. Niemand nimmt noch auf“, berichtet Öngel. Die Sozialstation St. Martin sei nur ein Beispiel, bei den anderen Pflegediensten ist es nicht besser.

Täglich in der Zwickmühle

Und das bringt die Freiwilligen bei den Nachbarschaftshilfen tagtäglich in eine Zwickmühle: vor ihren Augen hilfsbedürftige Menschen, die sie aber nicht pflegen dürfen – auch wenn sie darum gebeten werden. Das darf nur speziell ausgebildetes Personal, wie die Angestellten der Pflegedienste, übernehmen. Nachbarschaftshilfen dürfen älteren Menschen lediglich eine Hilfestellung im Alltag bieten, sogenannte niederschwellige Angebote wie zum Beispiel mit den Senioren einkaufen gehen, den Haushalt machen oder vorlesen.

„Was soll aber mit der steigenden Zahl Hilfsbedürftiger passieren?“, fragt Klara Öngel. Und Susanne Brillisauer von der Nachbarschaftshilfe Vogt berichtet, dass sie die hilfsbedürftigen Menschen ins Krankenhaus bringen, wenn es gar nicht mehr anders geht, wenn Menschen gar verwahrlosen. Deswegen sei man in den Krankenhäusern auch nicht gerne gesehen, weil es für die Krankenhäuser eine zusätzliche Belastung sei. Ein Teufelskreis.

An Pflegekräften – und insbesondere in der Altenpflege – mangelt es überall im Lande, und so überrascht es nicht, wenn auch Roswitha Gesugrande von der Sozialstation berichtet, dass sie großen Bedarf an Fachkräften hat, aber schlichtweg niemanden findet. „Auf Stellenanzeigen gibt es keine Bewerbungen“, sagt sie. Bis eine ausgefallene Fachkraft (Krankheit oder Schwangerschaft) wieder ersetzt wird, dauere es circa zehn Monate.

Die Situation ist nicht neu, die Ursachen auch nicht. Ein Grund dafür ist die körperliche und psychische Belastung des Personals, ein weiterer die Schicht- und Feiertagsdienste und nicht zuletzt die Bezahlung. Laut Informationen des Bundesgesundheitsministerium verdienen Altenpfleger bundesweit im Durchschnitt 2621 Euro pro Monat, Baden-Württemberg liegt mit 2937 Euro leicht über dem Bundesschnitt. Öngel und Brillisauer beobachten, dass mittlerweile auch im Ravensburger und Weingartener Umland immer mehr osteuropäische Pflegekräfte die Pflege von Senioren übernehmen. Sie kämen über Agenturen nach Deutschland, berichten Öngel und Brillisauer. „Die Qualität ist nicht schlecht, aber es hapert bei der Sprache und die ist so wichtig für diese Arbeit“, sagt Klara Öngel.

Eine Studie des Statistischen Bundesamtes und des Bundesinstitutes für Berufsbildung aus dem Jahr 2010 geht davon aus, dass der Bedarf an Pflegevollkräften (sowohl Fachkräfte als auch Pflegehelfer) bis 2025 bundesweit um rund 27 Prozent gegenüber 2005 ansteigt. „Dies könnte bei konstanter Fortschreibung der Beschäftigungsstruktur zu einer Lücke von ausgebildeten Pflegekräften von rund 200 000 Pflegekräften im Jahre 2025 führen“, heißt es dazu auf der Homepage des Bundesgesundheitsministeriums. Angenommen wurde, dass die Pflegefallwahrscheinlichkeit und der Personalaufwand gleich bleiben.

Immer mehr Pflegebedürftige

Der demografische Wandel zeigt aber klar, dass es in Zukunft immer mehr Pflegebedürftige geben wird, weil die Gesellschaft altert. Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg geht laut einem Ministeriumspapier davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in Baden-Württemberg allein aus demografischen Gründen von heute bis zum Jahr 2030 um 103 000 zunimmt. Das wären dann rund 402 000 pflegebedürftige Menschen im ganzen Land. Roswitha Gesugrande von der Sozialstation in Schlier sieht aber schwarz, was Nachwuchs anbelangt, weil keine jungen Leute in die Altenpflege wollen, und verdeutlicht: „Unser Stammpersonal ist 45 bis 50 Jahre alt. In absehbarer Zeit geht auch dieses in Rente.“ In kaum einem anderen Berufsstand gehen die Beschäftigten so früh in den Ruhestand, weil viele es nicht mehr schaffen.

Laut den Nachbarschaftshilfen Waldburg und Vogt verschärft jetzt noch eine neue gesetzliche Regelung die Situation: die sogenannte „Unterstützungsangebote-Verordnung“ der baden-württembergischen Landesregierung vom Januar 2017. Anfang Dezember gab es dazu eine Informationsveranstaltung im Landratsamtes Ravensburg. Verkürzt gesagt geht es darum: Wer in der Nachbarschaftshilfe seinen ehrenamtlichen Dienst beginnen will, muss eine Art Grundausbildung machen, die 160 Schulstunden umfasst. Dies soll von politischer Seite zur Qualitätssicherung dienen. Nur dann können die Betroffenen die 125 Euro Entlastungszahlung von der Pflegeversicherung für die Hilfsangebote wie die Nachbarschaftshilfe in Anspruch nehmen. Die Nachbarschaftshilfen, die eh schon Nachwuchssorgen plagen, befürchten, dass durch diese Regelung in Zukunft niemand mehr einsteigen will und es noch weniger Hilfe für Senioren gibt.

Das glaubt auch Kerstin Schulz, die das „Netzwerk Senioren“ in der Gemeinde Waldburg betreut. Die Hemmschwelle werde durch die Bürokratie größer. „Viele wollen sich im Ehrenamt nicht mehr so lange binden. Man will mal zwei Jahre arbeiten, dann wieder aussteigen, was anderes machen oder doch wieder einsteigen“, sagt sie. Gerade für Frauen (sie stellen den Großteil in diesem Bereich), die Familie haben und heutzutage meistens berufstätig sein müssen, erschwere die 160-Stunden-Regelung den Einstieg in ein solches Ehrenamt. „Bei uns hat es bisher auch schon Fortbildungen gegeben, zum Beispiel in Sachen Erste Hilfe oder Hygiene, allerdings konnten wir das selbst einteilen“, sagt Schulz. Am Gedanken Fortbildung stört sich auch Klara Öngel nicht, sie sei sogar elementar, aber es werde falsch angegangen.

Das Problem Pflegenotstand lasse sich nur politisch lösen, ist man sich in Waldburg und Vogt einig. Es müsse wieder eine Wertigkeit in den Beruf des Altenpflegers kommen – zum Beispiel durch den Verdienst, ein neues Image in der Gesellschaft und er müsse vor allem für Wiedereinsteiger attraktiv gemacht werden. „Da gibt es ein Potenzial, das man dringend nutzen muss“, sagt Susanne Brillisauer.

Das alles ändert aber erst einmal nichts an der Zwickmühle für die Ehrenamtlichen der Nachbarschaftshilfen – jeden Tag aufs Neue.

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