WM-Kolumne: Freundliche Gespräche und Mysterien in Doha

 Nach der ersten Partie der deutschen Nationalmannschaft hatten in Doha nur die Japaner etwas zu Feiern.
Nach der ersten Partie der deutschen Nationalmannschaft hatten in Doha nur die Japaner etwas zu Feiern. (Foto: Christian Metz)
Christian Metz

1:0 für Nippon – in der Gunst vieler neutraler Zuschauer hier in Katar lagen die Japaner schon vor Anpfiff der Partie gegen Deutschland in Führung. Der Grund: Ihre Tradition, im Stadium nach dem Spiel sauberzumachen. Nach dem Eröffnungsspiel ging auf Tiktok ein Video von @omr94 viral, in dem er sich bei den Japanern bedankte, die Müll in großen Säcken sammelten. Tausende kommentierten begeistert. Der katarische Unternehmer Mohammed Hassan Al Jefairi twitterte: „Sie machen das Stadion sauber, obwohl es nicht ihr Match, nicht ihr Land und nicht mal ihr Müll ist.“

Freundliche Einwanderer – und Nationalspieler in Hochhausgröße

Und wie ist es um unser Image bestellt? Was ich festgestellt habe: Man kommt hier unglaublich schnell ins Gespräch. Die Leute sind sehr freundlich und heißen einen willkommen – egal ob es Zuschauer, die überall gegenwärtige Security oder das Personal im Hotel sind. Wenn ich dann sage, dass ich aus Deutschland bin, steigt die Anerkennung sogar noch, gerade bei den Einwanderern. Die Tunesierin Marwa, die in einem Restaurant im Service arbeitet, wünscht sich ganz direkt: „Ich habe zwei Diplome in Biologie – könnt ihr mich nach Deutschland bringen?“

Unsere Fußballstars kennen dank weltweiter Vermarktung von Champions League, Premier League, La Liga und auch der Bundesliga sowieso alle: Als im Stadion die Spieler vorgestellt werden, bekommen Manuel Neuer und Thomas Müller mit Abstand den meisten Applaus. Sie sind hier das Gesicht unseres Teams – wer in den Stadtteil Westbay fährt, wird von einem Neuer in Hochhausgröße begrüßt.

So ist im Khalifa-Stadion, wo die Partie zwischen Deutschland und Japan stattfindet, Schwarz-Rot-Gold gefühlt sogar vorne. In meinem Block haben gleich mehrere Einwanderer-Familien komplett – von Papi bis zum kleinen Töchterlein – den Adler auf der Brust.

Sieg von Saudi-Arabien lässt Stimmung explodieren

Davon, dass unsere Spieler beim Mannschaftsfoto aus Protest gegen die FIFA die Hand vor den Mund halten, bekommen sie nichts mit. Überhaupt ist die Diskussion um Katar als Austragungsort der WM offenbar auf einen Teil der Welt beschränkt. Mexikaner, Argentinier oder Brasilianer zucken mit den Schultern, wenn ich sie frage, ob das bei ihnen ein Thema ist. Auch ich erfahre von der Aktion unserer Mannschaft erst aus den deutschen Medien. Dort lese ich auch, dass Innenministerin Nancy Faeser auf der Tribüne die One-Love-Binde trug.

Wie das hier ankommt? Ganz ehrlich: Ich kann es nicht sagen. Es ist meiner Frau und mir bisher nicht gelungen, mit Kataris direkt ins Gespräch zu kommen. Sie sind ein kaum greifbares Mysterium. Was greifbar ist: Die Kritik hat die ganze arabische Welt ein Stück weit zusammengeschweißt. Der Sieg Saudi-Arabiens über Argentinien ließ die Stimmung förmlich explodieren. Beim Autokorso fuhren zahlreiche Autos mit, aus deren Fenstern die katarische und die saudi-arabische Flagge geschwenkt wurden. Bis vor kurzer Zeit undenkbar: 2017 hat Saudi-Arabien zusammen mit anderen Ländern noch ein Embargo gegen Katar verhängt, erst seit Januar 2021 ist die Grenze zwischen Katar und Saudi-Arabien wieder offen.

Schadenfreude eines katarischen Unternehmers

Im Spiel läuft zunächst alles nach Plan für die deutsche Mannschaft. Aus einer enormen Ballbesitz-Übermacht macht das Team in Halbzeit eins allerdings nur ein Elfmetertor. Ansonsten haben die Jungs offensichtlich den Kopf nicht frei und verballern neben dem Elfmeter 25 Torschüsse. Dadurch wird unsere bekannte Abwehrschwäche tatsächlich zu einem Problem – außer Rüdiger und Neuer wackeln wir hinten mehr und mehr. In der zweiten Halbzeit dreht sich mit immer mutigeren Japanern auch endgültig die Stimmung. Ausgerechnet Ritsu Doan, der einen großen Anteil am momentanen Erfolg des SC Freiburg hat, macht den Ausgleich. Und als Japan den Siegtreffer erzielt, jubelt ein Großteil des Stadions mit dem Underdog. Direkt neben mir feiern vier Jungs aus dem Libanon mit.

Klar, dass die Japaner nach diesem epochalen Sieg draußen feiern – und drinnen wieder aufräumen. Diesmal sind auch Al Jazeera und viele andere Fernsehsender dabei. Und Mohammed Hassan Al Jefairi twittert nach dem Spiel über einem Hand-vorm-Mund-Bild unseres Teams: „Which team is this?“

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