„Wir wollen nicht nur an den Besucherzahlen gemessen werden“

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Nicole Fritz (44) ist seit 2011 Direktorin des Kunstmuseums Ravensburg. Davor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der St (Foto: Archiv)
Schwäbische Zeitung

Vor einem Jahr wurde das umstrittene Ravensburger Kunstmuseum an der Burgstraße eröffnet. Seitdem hatte es schon 60000 Besucher. Ursprünglich war man von 25000 jährlich ausgegangen. Zudem sparten auch überregionale Medien nicht mit Lob: zum einen für den bedeutenden Wert der Sammlung Selinka, für die das Haus gebaut wurde, zum anderen für die Architektur. Annette Vincenz zog mit Museumsleiterin Nicole Fritz Bilanz nach einem Jahr.

Die Besucherzahlen sind um ein Vielfaches höher als angenommen, das Gebäude heimst zahlreiche Preise ein, überregionale Zeitungen überschlagen sich mit Lob. Hätten Sie vor einem Jahr mit diesem Erfolg gerechnet?

Ich war von Anfang an von der Architektur, der Qualität der Sammlung und unserem Konzept überzeugt, aber dass unsere Arbeit auf so viel Resonanz und Begeisterung stoßen würde und dass dieser Zuspruch auch nach einem Jahr noch anhält und wir den großen Hunger nach Führungen und Gesprächen kaum stillen können, das hätte ich nicht gedacht.

Wenn Sie auf das erste Jahr im Kunstmuseum zurückblicken, was freut Sie am meisten?

Erstmal bin ich natürlich begeistert von der Offenheit und Neugierde des Ravensburger Publikums. Darüber hinaus freut es mich, dass wir in Ravensburg eine fast vorbildliche Situation für die Kunst vorfinden. Als Leiterin eines Kunstmuseums benötigen Sie Autonomie und Unterstützung. Beides ist hier vorhanden. Ich konnte die Institution aufbauen und stieß bei den Stadtoberhäuptern, der Sammlerin, dem Bauherren, unseren Sponsoren, bei meinem Team wie auch beim Publikum auf große Unterstützung. Das Konzept, ein möglichst breites Publikum zu erreichen, ist aufgegangen. Mich freut besonders, mit welcher Selbstverständlichkeit unser Versprechen, ein „Museum für alle zu sein“, mittlerweile durch alle Altersschichten hindurch nachgefragt wird. So forderte ein sechsjähriger Junge kürzlich anlässlich des Ateliers zur Marktzeit, dessen Beginn sich verzögerte, ungeduldig, endlich mit dem Kinderatelier anzufangen, er hätte immerhin bereits gezahlt.

Was hat Sie im Gegenzug geärgert?

Etwas ärgern wir uns manchmal über maßlos überzogene Forderungen – wie nach durchgängiger Beschriftung in Englisch, nach Audioguide-Stationen für jedes Werk oder Plakatwerbung in München, Stuttgart, Bregenz oder regelmäßige Anzeigen in Kunstzeitschriften oder Printmedien. Dann erklären wir jedoch immer wieder geduldig, dass wir eine städtische Institution sind mit einem kleinen Team, das verstehen dann auch die meisten. Auch wollen wir nicht primär an Besucherzahlen gemessen werden. Museen sind trotz Zahlenrankings in einer sich immer weiter ökonomisierten Gesellschaft wichtige Orte der zweckfreien Reflexion. Sie haben eine wichtige Aufgabe bei der Identitätsbildung. Lassen Sie uns ab jetzt mehr über Inhalte als über Zahlen sprechen.

Welche Ausstellungen kommen als nächstes?

Derzeit arbeiten wir unter Hochdruck an der Sommerausstellung. Wir zeigen einen der bekanntesten Bildhauer Deutschlands: Stephan Balkenhol. Der 1957 geborene Künstler hat in den letzten drei Jahrzehnten neben Reliefs und Zeichnungen ein ganzes Volk von Menschen- und Tierfiguren – zumeist aus unterschiedlichen Holzarten oder auch aus Bronze – geschaffen. Seine Skulpturen wie die vier Männer auf der Boje in Hamburg oder der Mann in Themse wirken so lebensecht und beseelt, dass sich schon Passanten ins Wasser stürzten, um den vermeintlich Hilfesuchenden zu retten. Im Herbst folgt dann wieder ein Klassiker: der Expressionist Otto Mueller, der als Reaktion auf den ersten Weltkrieg malerische Gegenwelten zur eigenen und gesellschaftlichen Wirklichkeit entwarf. Unter dem Format Fremde Blicke werden sich zudem die beiden Künstlerinnen Eva Paulitsch und Uta Weyrich auf die Suche nach Handyfilmen der Ravensburger Jugendlichen machen und diese zu einer begehbaren Installation im Foyer des Museums aufbereiten.

Wird es auf Dauer gelingen, die Sammlung Selinka spannend zu halten? Oder hat das Ravensburger Publikum nicht mittlerweile die wichtigsten Werke (das Spanische Mädchen von Jawlensky etc.) gesehen?

Die Sammlung Selinka ist der Grundstock unseres Hauses. Da sie nach Amsterdam oder nach Emden fahren müssen, um Cobra- oder Spur-Künstler zu sehen, ist die Präsentation der Sammlung allein für viele überregionale Besucher schon ein Grund, immer wieder nach Ravensburg zu kommen. Wenn wir die Sammlung vollständig gezeigt haben, werden wir neue Wege finden, diese mit anderen Künstlern und Sammlungen in Dialog zu bringen und die einzelne Positionen und Themen aus unserer Gegenwart neu zu befragen. Es gibt sehr viele Ansatzpunkte und existenzielle Fragen, die von den Künstlern der Peter und Gudrun Selinka-Sammlung thematisiert werden, wir haben ja gerade erst damit begonnen, diese kennenzulernen.

Angenommen, Sie hätten ein unbegrenztes Budget. Welchen Künstler würden Sie am liebsten nach Ravensburg holen? Und warum?

Momentan würde es mich reizen, die schwedische Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944) nach Ravensburg zu holen und deren faszinierendes abstraktes Oeuvre den Ravensburgern nahezubringen. Sie war eine Pionierin der Abstraktion, die früher als Wassily Kandinsky abstrakte Bilder gemalt hat und deren Werk von einer zeitgemäßen Verbundenheit mit dem Kosmos geprägt ist. Deren erste umfassende Retrospektive tourt gerade erstmals durch Europa. Auch würde ich gerne auswärtige Gäste einladen, wie beispielsweise derzeit Kaspar König, den ehemaligen Direktor des Museum Ludwig in Köln, der in St. Petersburg gerade die 10. Manifesta vorbereitet und sicherlich Interessantes zu berichten hätte.

Mit einer Geburtstagsüberraschung feiert das Kunstmuseum Ravensburg am Samstag, 8. März, um 11.30 Uhr seinen ersten Geburtstag. Bei ermäßigtem Eintritt können die Besucher den ganzen Tag das erste Ausstellungsjahr Revue passieren lassen und sich nochmals von der Videopräsentation über die Eröffnungszeremonie inspirieren lassen. Die Ausstellung Egon Schiele läuft noch bis zum 23. März. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags bis 20 Uhr.

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