„Wir kommen aus der Hölle“

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 Bobby (von links) und Franky Guttenberger, Wolfram Frommlet und Alija Zwerglo.
Bobby (von links) und Franky Guttenberger, Wolfram Frommlet und Alija Zwerglo. (Foto: kruska)
Martina Kruska

Einen wahrlich bewegenden Abend haben die mehr als 100 Gäste im Ravensburger Matthäus-Gemeindehaus erlebt. Sie waren der Einladung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Begegnung (CJB) gefolgt. Wolfram Fommlet las aus seinem Buch „Von Liebe und Leid, von Arbeit und Würde – Ravensburger Lebensgeschichten aus 100 Jahren“. Musikalisch umrahmt wurde die Lesung vom Sinti-Trio Bobby und Franky Guttenberger und Alija Zwerglo.

Zwischen seinen eigenen Texten über die Ravensburger Sinti streute Frommlet packende Lyrik von europäischen Literaten, die – selbst Sinti und Roma – Verfolgung und Ausgrenzung am eigenen Leibe erfahren haben. „Auschwitz ist mein Mantel … Ich habe keine Angst mehr“, heißt es da unter anderem. Die Texte verdeutlichen, Hass und Ausgrenzung sind kein geografisch begrenztes Phänomen und noch heute überall auf der Welt zu finden. So auch unter anderem in Bulgarien, Serbien, China und Indien.

Bedrückend war die Stimmung im Saal beim Lesen der Geschichten aus dem Ummenwinkel, dem Wohnviertel der Ravensburger Sintifamilien. Dank der wunderbaren Gipsy-Musik ergaben sich wohltuende Pausen. Diese Musik strahlt Lebensfreude aus, lässt aber zuweilen auch still und nachdenklich werden.

„Lustig ist das Zigeunerleben, faria, faria ho“, damit begann Frommlet seine Lesung. Das Lied befördere ebenso romantische Klischees wie der „Zigeunerbaron“ oder das „Zigeunerschnitzel“. Dabei sei die Volksgruppe der Sinti und Roma seit dem Mittelalter antiziganistischen Rassismen ausgesetzt gewesen. In Ravensburg hatte man sie in den Ummenwinkel fernab der Stadt abgeschoben, wo sie unter ärmlichen Bedingungen lebten. Die Männer arbeiteten im Straßenbau oder als Schrotthändler, die Frauen verkauften Kurzwaren oder flochten Körbe für die Firma Fischinger.

Nach 1937 änderte sich die Situation. Im Oberschwäbischen Anzeiger vom 27. September 1937 titulierte man „Der Zigeuner, ein biologischer Fremdkörper“. Die Sintifamilien lebten nun hinter Stacheldraht in eigens für sie von der Stadt aufgestellten primitiven Baracken ohne fließendes Wasser (bis 1984) und ohne Toiletten. Sie wurden zu Zwangsarbeit verpflichtet und mehr und mehr Schikanen durch die Gestapo ausgesetzt.

Am Morgen des 13. März 1943 wurden 35 Sinti selektiert und deportiert. Fünf Kinder und sechs Enkelkinder von Franz Guttenberger wurden nach Auschwitz oder Dachau gebracht. Von der Tochter und ihren Kindern hörte man nichts mehr.

Die meisten Erzählungen stammen von der Überlebenden Martha Reinhardt, die in Auschwitz die beiden Guttenbergertöchter Amalia und Maria kennnengelernt hatte und mit in den Ummenwinkel zurückkehrte, seelisch und körperlich geschunden. Bis Biberach waren sie von Auschwitz aus gelaufen, dreieinhalb Monate, immer nachts. Dort trafen sie auf einen Sinto, den Sohn eines Antiquitätenhändlers. „Wo kommt ihr her?“, fragte der. „Wir kommen aus der Hölle. Doch eigentlich aus dem Ummenwinkel.“ Er fuhr sie mit seinem Wagen nach Hause.

Das Unfassbare, das Morden und Quälen, das die Deportierten in Auschwitz und Dachau erlebt hatten, konnte Martha Reinhardt erst nach vielen Jahren erzählen.

22 Jahre nach Rückkehr aus dem KZ erhielt die Familie Guttenberger als Entschädigung für das unaussprechliche Leid, das ihr angetan worden war, eine „Soforthilfe“ von 3000 D-Mark.

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