„Wir benutzen die Vorlagen als Spielmaterial“

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Haben großen Spaß an ihrem Job als Drehbuchautoren fürs Rutentheater (von links): Ekkehard Zeim und Bodo Klose. (Foto: Ruth Auchter)
Schwäbische Zeitung

„Es ist ein bisschen wie Ostereiersuchen“, sagt Ekkehard Zeim. Und meint damit: Wer mit seinen Kindern ins Rutentheater geht, weiß nicht, was auf ihn zukommt. Denn der Witz an der Sache ist: Klose und Zeim schreiben Märchen, Opern oder Romane so um, dass das Ravensburger Publikum dank einer Menge lokaler Anspielungen was zu lachen hat. Seit 2002 sind die beiden für die Drehbücher beim Rutentheater zuständig; Klose führt zudem noch Regie.

Seit 1821 gehört das Rutentheater zum Rutenfest. Es sei allerdings ziemlich lange als Erwachsenen-Veranstaltung dahergekommen, weiß Klose. Erst Mitte des vergangenen Jahrhunderts sei das Ganze immer kinderfreundlicher und mit dem Regie-Einstieg von Brian Lausund, einst Ensemblemitglied am Theater Ravensburg, auch professioneller geworden. Als Lausund vorübergehend nach Hamburg „auswanderte“, traten der pensionierte Deutschlehrer und passionierte Milka-Ideenlieferant Zeim und der studierte Film- und Fernsehregisseur Klose auf den Plan. Um im Rutentheater laut Zeim fortan „etwas andere Töne anzuschlagen“: Mittels pfiffiger Pointen und ironischer Wortspiele setzen die beiden seither alles dran, um die Aufführungen auch für Jugendliche und Erwachsene zum attraktiven Ruten-Programmpunkt zu machen. Und lassen im aktuellen Stück „Des Kaisers neue Kleider“ beispielsweise Graf Linus von Bausch oder Baron Mull von Gutenfurt über die Bühne spazieren; selbstredend fehlen auch die obligatorischen Weingarten-Seitenhiebe nicht.

„Wir benutzen die Vorlagen als Spielmaterial“, erläutert Zeim. Das heißt: Gruselige Details - wie sich unter siedendem Öl sich windende Räuber - fliegen raus. Stattdessen reichern die Autoren die ursprünglichen Geschichten mit zusätzlichen Motiven und zusätzlichen Personen an - schließlich stehen die Ravensburger Schüler, die beim Rutentheater mitspielen wollen, jedes Jahr Schlange: 230 waren im Januar beim Casting - mehr als die Hälfte der Sieben- bis 18-Jährigen musste Klose schweren Herzens wieder heimschicken. Denn mehr als 50 Rollen (in Doppelbesetzung, versteht sich) sind beim besten Willen nicht drin - für mehr reicht der Platz im Konzerthaus nämlich nicht. Wobei Klose klarstellt, dass der Zuschlag für eine Rolle kein abgekartetes Spiel ist: „Jedes Jahr sind rund 40 Prozent der Mitspielenden Neulinge.“

Wer eine Rolle ergattert, muss sich ein halbes Jahr lang ziemlich reinhängen: Nach den Faschingsferien wird zweimal die Woche jeweils drei Stunden lang geprobt, im Juli fallen dann sogar täglich drei Stunden an. „Das ist kein Spaziergang, sondern eine Herzensangelegenheit“, macht Klose deutlich. So wie für ihn und Zeim - wobei Zeim nur alle zwei Jahre beim Drehbuchschreiben mit von der Partie ist. In der Regel wird schon während der Sommerferien überlegt, welche Stoffe sich fürs nächste Stück eigenen könnten. Nach eifrigem Lesen stimmt das Autorenteam dann im September mit Bühnentechnik und Kostümbildnerin ab, was möglich ist. Im Oktober und November schließlich schreiben Zeim und Klose die jeweiligen Vorlagen in ihrem Stil um. Und Mitte Dezember liegt die erste Rutentheater-Fassung vor.

Unter anderem haben die zwei in den vergangenen zehn Jahren „Die kleine Meerjungfrau“, „Carmen“, „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ oder „Die Bremer Stadtmusikanten“ auf die Bühne gebracht. Wobei es Zeim jedes Mal aufs Neue fasziniert, wenn die trockenen Texte beim Vorsprechen „ein Eigenleben entwickeln“. Klose ist von seinem Rutentheater-Job ebenfalls total begeistert, arbeitet gern mit Kindern und steckt voller Ideen für die kommenden Jahre. Ganz besonders freut es ihn immer, mitzuerleben, wie die jungen Schauspieler „auf der Bühne aufblühen“.

So sind Schreiberlinge zuversichtlich, dass heuer bei der Premiere von „Des Kaisers neue Kleider“, in das sie noch das Märchen vom Schweinehirten reingestrickt haben, alles hinhaut. Das Ganze sei nicht nur „eine wunderbar kompakte Geschichte, die eigentlich eine Satire ist“, findet Zeim. Das aktuelle Rutentheaterstück wartet darüber hinaus mit einer „zeitgemäßen und politischen Komponente“ auf. Dass sich nämlich „keiner traut, Missstände anzusprechen, weil er befürchtet, dann seinen Job zu verlieren“, komme, wie Klose ergänzt, ja nun durchaus nicht bloß im Märchen vor.

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