Wie Kinder von Inklusion profitieren

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Manfred Lucha, Landtagsabgeordneter der Grünen, macht sich selbst ein Bild vom Inklusionsmodell in der Ravensburger Neuwiesensch (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

„Dieses Modell ist vorbildlich“, freute sich Ravensburgs Oberbürgermeister Daniel Rapp mit Christina Herzer, Schulleiterin der Neuwiesenschule, als er zusammen mit Schulamtsleiter Karlheinz Beck vor einiger Zeit Gast in der Neuwiesenschule war. Er sprach damit das Kooperationsmodell zwischen Neuwiesenschule und Sprachheilzentrum der Zieglerschen an: Vor drei Jahren entstand hier die erste Inklusionsklasse, als eine Klasse des Sprachheilzentrums aus der Weststadt mit ihrer Lehrerin an die Neuwiesen Grundschule in Ravensburg zog. Dort werden die Grundschüler der Neuwiesenschule gemeinsam mit den Kindern mit Hör- und Sprachstörungen unterrichtet.

Das Modell hat sich für alle Kinder so gut bewährt, dass mittlerweile drei Klassen des Sprachheilzentrums in diese Kooperation eingebunden sind und zu Beginn des neuen Schuljahrs kommt sogar eine vierte hinzu. Nun besuchte der Ravensburger Landtagsabgeordneten Manfred Lucha die Neuwiesenschule, um sich über das Modell zu informieren. Schulleiterin Christina Herzer: „Wir verstehen Inklusion so, dass etwas Gemeinsames entstehen soll, von dem alle Kinder profitieren. Damit das gelingen kann, brauchen wir entsprechende Rahmenbedingungen.“ Das bedeutet: ein zusätzlicher Bedarf an Räumlichkeiten, eine intensive Zusammenarbeit zwischen Sonder- und Regelschullehrern sowie eine engagierte Unterstützung durch den Elternbeirat.

Auch getrennter Unterricht

In der Neuwiesenschule ist ein klares Konzept für Inklusion gewachsen: Die Kinder mit und ohne Behinderung werden in einer gemeinsamen Klasse von einer Sonderpädagogin und einer Grundschullehrerin unterrichtet. In manchen Schulstunden wird die Klasse getrennt in Kleingruppen unterrichtet, damit die Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen spezielle Förderung und die notwendige enge Betreuung erhalten können. „Die Kinder selbst wissen aber gar nicht, warum die Klasse manchmal in dieser Weise getrennt wird – weil sie gar nicht wissen, wer von ihnen offiziell ein Grundschüler der Neuwiesenschule und wer ein Grundschüler des Sprachheilzentrums ist“, erklärt Anne Kauderer, Sprachheillehrerin in der Kooperationsklasse.

Alle Schüler profitieren

„Im Gegensatz zum „Hubschrauberprinzip“ der Einzelinklusion, bei dem ein Sonderschullehrer an verschiedenen Schulen Kinder besucht und oft mehr im Auto sitzt als bei seinen Schülern, werden die vorhandenen Ressourcen in Kooperationsmodellen wie mit dem Sprachheilzentrum optimal genutzt und kommen allen Schülern zu Gute,“ so die Neuwiesenschule. Die Grundschulkinder profitieren von der Sprachförderung durch die Sprachheilpädagogen und die sprachbehinderten Kinder von der inklusiven Klassengemeinschaft, der wohnortnahen Versorgung und dem bewegungserzieherischen Profil der Neuwiesenschule mit ihrem tollen Außengelände.

Und die Übergänge können für die Kinder problemlos gestaltet werden: Zum neuen Schuljahr können zwei Schüler des Sprachheilzentrums innerhalb ihrer Klasse in die Grundschule wechseln, weil sie in den vergangenen beiden Jahren so große Sprünge in ihrer Sprachentwicklung gemacht haben. Gleichzeitig vollzieht ein anderes Kind der Grundschule einen Schulwechsel, damit es die sprachheilpädagogische Förderung kriegt, die es braucht – ohne dabei auch nur die Klasse wechseln zu müssen.

„Das ist ein überzeugendes Modell“, sagte Manfred Lucha, „zwar wissen wir, dass uns zukünftig nicht unbegrenzt Mittel zur Verfügung stehen werden, doch wir stehen zur UN-Menschenrechtskonvention, die auf inklusive Beschulung und eine langfristige Minimierung von Sondersystemen abzielt.“

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