Wie die Vesperkirche unter der Corona-Krise leidet

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 Stellvertretend für weit über hundert Helfer im Kreis Ravensburg setzen sie sich für die Belange der Vesperkirche ein (von link
Stellvertretend für weit über hundert Helfer im Kreis Ravensburg setzen sie sich für die Belange der Vesperkirche ein (von links): Felix Davidsen, Andrea Hegemann (Koordinatorin der Ehrenamtlichen bei der Diakonie) und Jürgen Schmid. (Foto: Herbert Guth)
Herbert Guth

Die „Vesperkirche unterwegs“ wird im Kreis Ravensburg deutlich weniger unterwegs sein, als vor der neuerlichen Verschärfung der Corona-Maßnahmen gedacht war. Angesichts der weiterhin hohen Inzidenzwerte steigt die evangelische Kirchengemeinde Leutkirch aktuell als Mitveranstalter aus.

Es wird somit keinen Auftakt am 17. Januar geben. Dafür wird gehofft, dass zur Jahresmitte im Allgäu eine Vesperkirche mit dann wieder persönlichen Kontakten angeboten werden kann. Eine im Vergleich zu den Vorjahren deutlich abgespeckte Version der Vesperkirche wird es, Stand heute, jedoch weiterhin in Ravensburg und Wilhelmsdorf geben. Hier werden vom 1. bis 13. Februar Menschen bei gebührendem Abstand mit Vespertüten versorgt. Auftakt wird am 31. Januar mit einem Eröffnungsgottesdienst im Betsaal in Wilhelmsdorf sein. Außerdem wollen die Initiatoren Telefongespräche und Briefkontakte anbieten.

Aktueller hätte das Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“ über den Stand der Vorbereitungen für die Vesperkirche im Kreis Ravensburg am Dienstag kaum sein können. Erst am Tag zuvor war Leutkirch aus dem gemeinsamen Projekt der Diakonie Oberschwaben Allgäu Bodensee und der Johannes-Ziegler-Stiftung in Wilhelmsdorf ausgestiegen.

Angesichts der aktuellen Corona-Lage im württembergischen Allgäu soll das Risiko für alle Beteiligten minimiert werden, wird Pfarrer Volker Gerlach von der evangelischen Kirchengemeinde Leutkirch als Begründung für die kurzfristige Entscheidung zitiert.

Neuer Ort in Ravensburg

Veränderungen gibt es auch am Standort Ravensburg, wie Vanessa Lang, Projektleiterin der Vesperkirche, erläuterte. Statt im Johannesgemeindehaus in der Ravensburger Weststadt sind die Angebote jetzt neu im ehemaligen Haus der Diakonie in der Eisenbahnstraße 49 im Stadtzentrum verfügbar.

Lediglich in Wilhelmsdorf bleiben die ursprünglichen Planungen bestehen. Wer unter dem Motto „Gelebte Nächstenliebe. Gegen Armut und Einsamkeit“ eine wohl gefüllte Vespertüte abholen möchte, kann dort einfach beim Gemeindehaus der Brüdergemeinde Wilhelmsdorf. Die Pakete können täglich zwischen 11 und 14 Uhr abgeholt werden. Wer nicht selbst kommen kann, wird ein Lieferservice an die Haustür angeboten. Anmeldungen dazu werden unter der Mobilnummer 0151 / 26347894 entgegengenommen.

Telefonische Begleitung

Die angedachten Spaziergänge, um ins Gespräch zu kommen, sind abgesagt. Dafür gibt es die Möglichkeit, mit ehrenamtlichen Helfern Telefongespräche zu führen oder eine Brieffreundschaft zu beginnen. Als Ersatz, so Lang, sollen unter anderem Geschichten aus der Corona-Pandemiezeit aufgearbeitet und veröffentlicht werden. In Wilhelmsdorf sind Erfahrungen aus den Bereichen Suchthilfe und der Menschen mit Behinderungen ins Auge gefasst.

Vor völlig neue Herausforderungen sieht sich in diesem Jahr Andrea Hegemann gestellt. Sie ist Assistentin der Geschäftsführung bei der Diakonie Oberschwaben Allgäu Bodensee in Ravensburg und nunmehr im fünften Jahr verantwortlich für die Koordination der Arbeit mit den freiwilligen Ehrenamtlichen, die sich für die Belange der Vesperkirche einsetzen. Nach den neuesten Zahlen meldeten sich 74 Helfer in Ravensburg und 36 in Wilhelmsdorf, um dabei zu sein.

Welche Aufgaben Hegemann zu bewältigen hat zeigt folgendes Beispiel: Wer dafür eingeteilt wird, die Vesperbrote zu schmieren und mit Wurst und Käse zu belegen, muss eine Hygienebelehrung nachweisen. Die erfolgte in der Vergangenheit eine Woche vor Beginn der Aktion durch das Gesundheitsamt. Wegen Überlastung durch die Aufgaben rund um Corona kann die Behörde diese Belehrung nicht anbieten.

Belehrung als Bedingung

Für die Bereitung der Vespertüten können deshalb nur Mitarbeiter eingesetzt werden, die die Belehrung im Vorjahr absolviert haben. Diese gilt dann zwei Jahre lang, also bis 2021. Andrea Hegemann hat in ihrer Liste 39 Helfer mit einer gültigen Hygienebescheinigung. Ob diese alle während dem Aktionszeitraum zwischen 1. und 13. Februar zu den notwendigen Tagen auch Zeit haben, muss sie jetzt klären. Nicht zuletzt ist es nicht überschaubar, wie viele Vesperpakete überhaupt benötigt werden.

Von all diesen Ungewissheiten lässt sich Jürgen Schmid (64) nicht abhalten, wie seit Jahren seine ehrenamtliche Arbeit in den Dienst der Vesperkirche zu stellen. Bereits beim Start im Jahr 2008 war er mit dabei. Mit Unterbrechungen ist der Betreiber eines Wirtschaftsbüros in Ravensburg, der unter anderem Finanzberatungen anbietet, seit einigen Jahren als Fahrer eingespannt.

„Emotionaler Knochenjob“

Die schweren Arbeiten bei der Aufbauhilfe, dem Abholen von Geschirr, Besteck und Essenscontainern sowie Getränkepaletten wird es in diesem Jahr so nicht geben. „Früher war es ein körperlicher Knochenjob, dieses Mal ein eher emotionaler“, blickt er auf Februar hinaus. Schmid wird vor allem in Ravensburg als Fahrer eingesetzt, vielleicht bei Bedarf auch als Springer in Wilhelmsdorf.

Felix Davidsen (20) hilft als Ehrenamtlicher erstmals mit und weiß deshalb noch viel weniger, was auf ihn zukommt. Der Student an der Dualen Hochschule Ravensburg kam über Veröffentlichungen im Umfeld des Sozialunternehmens Die Zieglerschen darauf, sich für die Vesperkirche engagieren zu wollen. Er studiert Gesundheitsmanagement, Die Zieglerschen sind sein dualer Partner in der Studienzeit.

„Helfe gerne anderen Menschen“

Seine Beweggründe formuliert er folgendermaßen: „Ich helfe gerne anderen Menschen. Ich selbst bin auch ein sozial eingestellter Mensch.“ Und da er in Corona-Zeiten viel mehr Zeit als sonst zur Verfügung hat, meldete er sich einfach an. Zu Beginn der Vesperkirchenzeit wird Davidsen erstmals seine Mithelfer in einem Vorbereitungskreis kennenlernen. An diesem Morgen werden dann auch die Aufgaben verteilt.

Jeder, der sich für eine Mithilfe anmeldete, wird mindestens an einem Tag auch eingesetzt, betont die Koordinatorin der Diakonie. Etwa zwei Drittel der Ehrenamtlichen können sich vorstellen, Telefonate zu führen oder einen Briefwechsel zu beginnen. Die Tendenz lag bei den Rückmeldungen jedoch eher bei den Telefonaten.

Als Dank soll es eigentlich im Sommer ein Helferfest geben, das aber schon im vergangenen Jahr wegen Corona ausfiel. Vanessa Lang und Andrea Hegemann hoffen natürlich, dass es im Jahr 2021 wieder klappen wird.

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