Wie der moderne Jazz nach Ravensburg kam

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 Pat Metheny mit dem eigens für ihn gebauten Instrument namens Picasso spielte in der Oberschwabenhalle.
Pat Metheny mit dem eigens für ihn gebauten Instrument namens Picasso spielte in der Oberschwabenhalle. (Foto: Archiv: Roland Rasemann)
Wolfram Frommlet

Wenn man Gerhardt Reuther und Thomas Fuchs erzählen hört, vom ersten Konzert am 15. April 1994, mit dem lokalen Bel Art Trio im „Bacchus“ unter dem frisch gegründeten Verein Jazztime, und dann holen sie nochmals tief Luft und schwärmen über die 35 Bands, die sie aus der halben Welt zum Landes-Jazz-Festival im November 25 Jahre später engagierten, dann hat man das Gefühl, sie waren am verrücktesten Start-up beteiligt, das es jemals in dieser Stadt gab – und für eines der schönsten Produkte: Jazz. Auch wenn damals noch niemand diesen Begriff benutzte. Und für Kultur gleich gar nicht.

Die Bedingungen waren ähnlich. Jazz gab es seit 1958 mit den „Old Town Dixie Promenaders“ unter dem Bandleader Gunter Stotz. New Orleans swingte und die Fans auch. Der Jazz war nicht stehen geblieben, nicht überm Atlantik, in Ost-Europa, und nicht in Deutschland. Dauner und Mangelsdorff kamen in den Hades-Keller, „Ein kurzes Strohfeuer, dann legte sich der Mehltau wieder über die Kultur in der Provinz“, erinnert sich Gerhardt Reuther. Er spielte mit Jupp Zeltinger Jazz, verstand, angesichts der Energie im Münchener Domicil, die Welt nicht mehr. Die neuen Sounds kommen hier an.

Der Sound der Big Bands des Hessischen, des Westdeutschen Rundfunks ist Vorbild für den Jazzer und Musiklehrer Rolf Frambach, der sie Jahrzehnte lange leiten, aufbauen wird. Die ersten jungen, lokalen Talente bilden das Bel Art Trio: Veit und Gregor Hübner, mit Tobias Hölz an den Drums. Bald dann geht es weiter, mit Rainer Böhm, Johannes Lauer, Peer Kaliss (mehr in die musica moderna) und Phillipp Schlotter.

Was sich seit 1982 langsam aber kontinuierlich verbesserte waren die Spielorte: die durch das Altstadtforum vom Abriss gerettete Zehntscheuer, das von Albert Bauer und Peter Frey aufgebaute Theater Ravensburg, Stippes „Kantine“, die „Humpis“ Kneipe, in Weingarten die „Linse“. 1994 war Kulturamtsleiter Thomas Knubben Geburtshelfer von Jazztime. Man muss nicht mehr in die Jazz-Clubs nach Wangen und Lindau, die Jazzer aus der Region kommen nach Ravensburg. Mahdi Milla, Andieh Merk, Norbert Dehmke, anfangs die legendäre Kölner Saxophon Mafia und Frantisek Uhlir aus Prag.

Das musikalische „Start-up“ nimmt Fahrt auf. Mit 44 Mitgliedern fingen sie an, Ende 1994 waren es bereits 100, acht Spielorte nach nur einem halben Jahr, heute über 30 bei einem Festival. Seit 1997 öffnen beim jährlichen „Jazztime in Town“ sich den meist etwa 20 Bands Kneipen, Kirchen und die Stadtbibliothek. Es wird in der Markthalle die halbe Nacht gespielt.

In einer Stadt dieser Größe war der Entschluss, 2004 noch im November über fünf Tage erstmals das Trans4JAZZ-Festival zu wagen, dem Atemverbrauch der Trompeter Charlie Parker und Miles Davis vergleichbar. Dieses Festival mit internationalen Top-Bands und Solisten braucht weit mehr als die finanzielle Unterstützung des Kulturamtes und von Sponsoren. Werbung, Presse, Betreuung der Musiker, Technik an Dutzenden von Orten, und, als „Niemand“ quasi gegen phänomenal ausgestattete Veranstalter, die Kontakte zu den Konzertagenturen und die Kenntnisse der internationalen Musikszene in zahlreichen Genres.

All dies hat Jazztime in den 25 Jahren geschafft, aufzubauen. 360 Mitglieder sind es geworden, ohne die Konzerte und Festivals undenkbar und unbezahlbar wären. Thomas Fuchs, Gerhardt Reuther, Tim Kleinecke kennen die regionale, die skandinavische, die internationale Szene. Andreas Piesch, Jürgen Caillet, Fritz Erb und Gerhardt Reuther waren und sind unermüdliche Koordinatoren, um nur ein paar als Beispiele für kulturelles Ehrenamt zu nennen.

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