Wie Betriebe eine Seele behalten

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 Seele und Betrieb gehören zusammen, sagt Werner Langenbacher, Betriebsseelsorger in Ravensburg.
Seele und Betrieb gehören zusammen, sagt Werner Langenbacher, Betriebsseelsorger in Ravensburg. (Foto: Kasou)
Wolfram Frommlet

Vor der Krise, nach der Krise? Das Wort des Jahres heißt: Zukunft. Was wird bleiben, was ist vorbei, was wird entstehen? Was dabei aus dem Blick gerät sind jene, die in allen Bereichen lange vor Corona darüber nachdachten, wie wir leben und wie wir leben können, ja müssten.

Deshalb werden in der neuen SZ-Serie „Wir haben Zukunft“ Orte vorgestellt, an denen nachhaltig, fair, gerecht gearbeitet wird, wo andere Modelle des Wirtschaftens, von Arbeit und Handel erprobt werden. Wo Menschen eine Zukunft finden, die keine hatten, wo Menschen, die gehen mussten, angekommen sind. (fro)

Katholische Betriebsseelsorge. Der Name des Arbeitgebers verleitet dazu, das Gespräch mit einem sprachlichen Spiel zu beginnen: Müssen wir uns Sorgen machen um die Seele von Betrieben? Gibt es sie? Mit diesem Spiel ist der Ravensburger Betriebsseelsorger Werner Langenbacher schon mitten in seinem Wertesystem, in den Veränderungen von Kapital und Arbeit.

Das Ziel von Arbeit

„In den westlichen Kulturen definieren wir uns über die Arbeit“, sagt er. Und: „Was aber sind die Ziele dieser Arbeit? Stellen wir etwas her, was für die ganze Gesellschaft einen positiven Wert hat oder nur wenigen Gewinn bringt? Hat der Souverän, der Bürger, eine Mitsprache im Betrieb oder nur die oben? Muss ich meine eigenen Werte verleugnen? Dann kann die Seele Schaden leiden. Deshalb gehören beide Begriffe, Seele und Betrieb, zusammen.“

„Liebe“ als zentrales Wort

Was waren Arbeit und Kapital, was sind sie heute, fragt sich der Betriebsseelsorger. Die katholische Soziallehre spricht von „lebensdienlichem Wirtschaften“. Ein zentrales Wort in der Sozial-Enzyklika von 2009 ist „Liebe“. Das Wohl des anderen achten, und das schließe Gerechtigkeit und Gemeinwohl ein, „weil sie sonst in Sentimentalität abgleite“. Der Jesuit und Soziologe Oswald von Nell-Breuning, der unter den Nazis Schreib- und Publikationsverbot hatte, war für Werner Langenbacher prägend: „Die Menschen im Faschismus waren für ihn Teil der Untertänigkeit der Herrschenden. Kirche bedeutete Befreiung daraus, Veränderung des Individuums und der Gesellschaft.“

Die Gesellschaft für den Menschen

Deshalb ist für Werner Langenbacher die Befreiungstheologie ein Leitbild. Die Option für die Armen, für die Benachteiligten. Sie sollen zu einem guten Leben befreit werden, „und das gilt nicht nur am Sonntag, sondern, wenn wir auf die Arbeit zurückkommen, auch von Montag bis Freitag. Das Kapital hat dem Men-schen zu dienen und nicht umgekehrt, und davon sind wir heute weit entfernt.“ Es gab, sagt er zurückblickend, unter Ludwig Erhard ein positives Modell – die soziale Marktwirtschaft. Da waren Ansätze der Soziallehre vorhanden, die in der katholischen Betriebsseelsorge sein Handeln bestimmen: Jeder Mensch hat eine Würde, einen Wert.

Die Gesellschaft muss für den Menschen, nicht der Mensch für die Gesellschaft da sein. Jeder Mensch muss die Bildungsvoraussetzungen haben zur Selbstverwirklichung, aber „ohne die anderen damit zu beeinträchtigen“. Was Langenbacher empört, wo er sich engagiert, ist, „dass auch in Sozialkonzernen wie Liebenau die Vermehrung des Kapitals im Vordergrund steht, dass Menschen in Pflegeberufen schlechter bezahlt werden als im Kirchlichen Dienst.“

Werte ohne Ethik

Unser Wertesystem entbehrt für ihn jeder Ethik. „Was ist bei uns die Entwicklung einer Rakete, eines Autos wert, gemessen an der Pflege eines Menschen?“ Ein E-Auto sei o.k., aber die Pflege eines Menschen „die Voraussetzung einer am Gemeinwohl orientierten Gesellschaft“. Auch die Abfindungen von Managern in Relation zu den Mindesteinkommen treiben ihn um. Arbeit diene in vielen Betrieben nur dem Gewinn, dem Markt. Jetzt. Und nicht für die Zukunft. „Die Lebensgrundlagen der künftigen Generationen kommen nicht vor“, sagt Langenbacher. Das „falsch übersetzte Wort“ aus der Bibel, „Machet Euch die Erde untertan“, habe zwar immer Unheil angerichtet, aber „es war kein solches Problem wie heute, weil man weniger rausholte, als möglich war. Die Kirche sollte mehr Verantwortung übernehmen. Schöpfung ist schließlich ein zentraler Begriff.“

Kosumrelevante Arbeitsverhältnisse

Auch Aktuelles fließt in seine Arbeit ein: „Nach Corona müssen wir neu bewerten, wie wollen wir arbeiten? Zusammenarbeiten oder gegeneinander?“, fragt der Betriebsseelsorger. In der Sozial-Enzyklika ist auch von Globalisierung die Rede, „die alle Menschen tangiert. Aber es geht nur um uns.“ Langenbacher: „Mit Corona erst fiel unser Blick auf Arbeitsverhältnisse, die doch längst bekannt sind und auch systemrelevant für unser Konsumsystem. Die Billigkräfte in den Fleischfabriken bei Tönnies, für den Spargel. Oder die Trucker quer durch Europa.“

Die Bedingungen – Rastplätze, Arbeitszeiten, wie oft sie ihre Familien sehen können, die Löhne – seien „unmenschlich“, weiß Langenbacher aus den Kontakten vor Ort. Viele Arbeitnehmer seien durch Corona verunsichert, wann auch sie eingespart würden.

Keinen Schutz mehr

Doch was, fragt Langenbacher, ist so neu daran? Alleinerziehende Müttter, mit den „schlechtesten Bedingungen in vielen Unternehmen“, berät er schon lange. Nicht im Betrieb. In seinem Büro darf sie keiner sehen, damit sie nicht noch mehr belastet werden, sagt er. Seit Mitte der 90er-Jahre ist Langenbacher dabei. „Schon damals hatten wir Rezession, knallharte Entlassungen, Mobbing und Burn-outs.“

Wohin entwickelt sich dieser Kapitalismus? Er antwortet: „Wie in der Kirche. Die leeren Kirchen sind vergleichbar dem leeren Grab Jesu. Der Engel fragte: „Was sucht ihr mich bei den Toten? Geht zu den Lebenden.“ Soll heißen, auf seine Arbeit bezogen: Die Sorgen der Beschäftigten ernst nehmen, begreifen. Sie begleiten, aber auch sich kümmern um die Strukturen der Gesellschaft, die ihnen Angst machen. Corona, glaubt der Betriebsseelsorger, habe an einigen Stellen die Unmenschlichkeit des Systems deutlicher gemacht: „Wer nicht spurt, Forderungen stellt, dem wird die Kündigung angedroht. Alleinerziehende haben keinen Schutz mehr.“

Kraft für Hoffnung

Langenbacher ermuntert sie, sich ihrer Situation zu stellen, statt sie zu verdrängen. „Mache ich mich kaputt und alles um mich? Was wäre eine Alternative?“ Er will ihnen helfen, die verschütteten Potenziale freizulegen, die beschädigte Identität. „Ich verkünde kein Seelenheil, woran viele eh nicht mehr glauben.“ Als Seelsorger sieht Langenbacher für sich auch eine andere Aufgabe, eine, da ist die Befreiungstheologie wieder Vorbild, die Menschen, die Hilfe brauchen, nicht dominiert, sondern ihnen wieder einen Glauben an sich selbst gibt, sie befähigt, Kritik zu üben. Die Kraft für Hoffnungen haben, eine Zukunft für sich denken können. Für ihn heißt dies, „sich einmischen und Visionen entwickeln“.

Vor der Krise, nach der Krise? Das Wort des Jahres heißt: Zukunft. Was wird bleiben, was ist vorbei, was wird entstehen? Was dabei aus dem Blick gerät sind jene, die in allen Bereichen lange vor Corona darüber nachdachten, wie wir leben und wie wir leben können, ja müssten.

Deshalb werden in der neuen SZ-Serie „Wir haben Zukunft“ Orte vorgestellt, an denen nachhaltig, fair, gerecht gearbeitet wird, wo andere Modelle des Wirtschaftens, von Arbeit und Handel erprobt werden. Wo Menschen eine Zukunft finden, die keine hatten, wo Menschen, die gehen mussten, angekommen sind. (fro)

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