Wer ist wichtig genug für Wikipedia?

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Welche Ravensburger haben es ins Online-Lexikon Wikipedia geschafft? Hauptsächlich Politiker und Sportler, aber nicht nur.
Welche Ravensburger haben es ins Online-Lexikon Wikipedia geschafft? Hauptsächlich Politiker und Sportler, aber nicht nur. (Foto: Jens Büttner/dpa)
Schwäbische Zeitung

Was haben Oberbürgermeister Daniel Rapp, Regisseur Jürgen Bretzinger, Künstler Robert Schad, Tennisspieler Andreas Beck und die Jazz-Sängerin Dotschy Reinhardt gemeinsam? Neben einem Bezug zu Ravensburg natürlich? Sie alle haben einen eigenen Eintrag in der Online-Enzyklopädie „Wikipedia“. Aber wie prominent muss jemand eigentlich sein, um sich dort einzutragen zu können? Die Schwäbische Zeitung hat nachgeforscht.

Peter Gedöns ist zu unbekannt

Als sich die Moderatoren von SWR 3 vor einiger Zeit den Spaß erlaubten, die Kunstfigur „Peter Gedöns“ auf Wiki einzutragen, wurde der Beitrag innerhalb kürzester Zeit wieder gelöscht von den Administratoren des virtuellen Nachschlagwerks. Zwar dürfte der griesgrämige Bonner, der regelmäßig in der „Morning-Show“ Sascha Zeus anruft und sich über das schlechte Radioprogramm beschwert, einem großen Hörer-Kreis bekannt sein, aber offenbar erfüllt er die Kriterien von Wikipedia nicht. Sein Erfinder und Sprecher, Moderator Michael Wirbitzky, ist hingegen bekannt genug, um in der Enzyklopädie aufzutauchen. Was nicht heißt, dass Wikipedia grundsätzlich erfundene Figuren ablehnt, was recht umfängliche Beiträge über „Micky Maus“ oder das weit weniger bekannte „Fliegende Spaghettimonster“ beweisen.

Was also sind die Relevanz-Kriterien bei Wikipedia? Warum fehlen dort bekannte Ravensburger Unternehmer wie etwa Otto Julius Maier (Ravensburger AG) oder die Chefs von Vetter Pharma? Warum hat der Schauspieler Uli Boettcher einen Eintrag, seine Kolleginnen Jutta Klawuhn oder Ana Schlaegel hingegen nicht? Warum tauchen B-Promis der Ravensburger Stadtverwaltung wie Stadtarchivar Andreas Schmauder oder die Leiterin des Kunstmuseums, Nicole Fritz, im Online-Lexikon auf, bekannte Ärzte, die ebenfalls regelmäßig in Fachmagazinen publizieren, aber nicht?

Wikipedia versteht sich nach eigenen Angaben nicht als allgemeines Personenverzeichnis. Die Relevanz-Kriterien seien Ergebnisse langjähriger Konsensfindungsversuche. „Sie sind aber gleichwohl nach wie vor umstritten“, schreiben die Betreiber selbstkritisch. „Zudem unterliegen die Maßstäbe einem gewissen Wandel.“

Relevante Personen sind etwa Politiker, die im Bundestag oder Landtag sitzen. Andreas Schockenhoff (CDU), Agnieszka Brugger (Grüne), Rudi Köberle (CDU) und Manfred Lucha (Grüne) sind auf Wikipedia vertreten, neuerdings auch der nachgerückte CDU-Bundestagsabgeordnete Waldemar Westermayer. Als Landrat schafft man es ebenfalls ins Online-Lexikon, ebenso als (oberster) Bürgermeister einer Stadt mit mindestens 20000 Einwohnern. Deshalb sind Landrat Kurt Widmaier und Oberbürgermeister Daniel Rapp vertreten.

Für einen Fußballspieler reicht es schon, in einer Semiprofiliga (zum Beispiel Regionalliga) mitzuspielen. Deshalb findet sich Omar Jatta (war bei den Stuttgarter Kickers, ist jetzt wieder beim FV Ravensburg) auf Wikipedia. Einen eigenen Eintrag haben dort selbstverständlich auch die meisten Spieler der Towerstars.

Theater-Schauspieler müssen lediglich in mindestens drei Inszenierungen an staatlichen, städtischen oder professionell betriebenen privaten Bühnen „in wesentlicher Funktion mitwirken“. Die oben erwähnten Ravensburger Schauspieler könnten also ohne Weiteres einen eigenen Eintrag bekommen.

Für Journalisten liegt die Hürde etwas höher. Chefredakteure von relevanten Tageszeitungen (mit Vollredaktion), Träger eines bedeutenden Journalistenpreises oder Ressortchefs überregionaler Zeitungen und Zeitschriften sind relevant genug für Wikipedia. So schaffte es die frühere SZ-Redakteurin Nina Poelchau ins Lexikon, nachdem sie Ressortleiterin beim „Stern“ wurde.

Etwas schwammig sind die Kriterien für Autoren. Wer in einem redaktionell betreuten Lexikon auftaucht oder im „Perlentaucher“, hat gute Karten. Verfasser von mindestens vier Sachbüchern oder zwei Romanen (als Hauptautoren) oder Träger eines Literaturpreises ebenfalls. Als Wissenschaftler sollte man schon eine Professur an einer Hochschule haben, Rektor sein oder international bekannt.

Kriterien für Unternehmer und Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, die deutlich unterrepräsentiert sind bei Wikipedia, fehlen. Dafür sind die Unternehmen selbst, sofern sie mindestens 1000 Mitarbeiter oder 20 Betriebsstätten oder einen Jahresumsatz von 100 Millionen Euro aufweisen können, vertreten. In Ravensburg etwa Vetter, Ravensburger, die Omira oder die Oberschwabenklinik.

Die scheinbare Willkür hat natürlich einen Grund. Wikipedia hat keine feste Redaktion, sondern speist sich aus einem weltweiten Netz tausender Autoren, die unentgeltlich und meist unter Pseudonym oder Kürzeln Beiträge anlegen oder umschreiben. Wer eine Person für irrelevant hält, kann einen Löschantrag stellen. Vielleicht verschwinden die B-Promis dann nach einigen Tagen oder Wochen wieder.

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