Wenn Streiten Spaß macht

Lesedauer: 7 Min
Katja Schuler (rechts) und Julia Baumann bereiten den Mediationswettbewerb vor. (Foto: Michael Scheyer)
Schwäbische Zeitung
Katja Schuler

Ein wenig aufgeregt sind wir ja schon, als wir an diesem Freitagnachmittag den Seminarraum an der Dualen Hochschule in Ravensburg betreten: Immerhin müssen wir als Geschäftsführerin und Rechtsanwältin der fiktiven Firma Supralon für unser Recht kämpfen.

Und das sollte möglichst friedlich geschehen, schließlich sind wir bei einer Mediation. Die Streitfälle sind frei erfunden, doch Dirk Bosselmann ist ein echter Mediator. Er wird uns und unsere „Kontrahenten“ Svenja Pestotnik und Johannes Müller durch die kommende Stunde begleiten. Die beiden Studenten vertreten die Firma Delta Tech, ein Unternehmen, das uns - laut Skript - fehlerhafte Heizkörper geliefert hat. Sie wirken noch nervöser als wir. Ihr Verhalten während der Mediation wird benotet.

Die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Ravensburg hat die International Mediation Competition, einen Wettbewerb zu Mediation und Verhandlung, schon zum zweiten Mal veranstaltet. In diesem Jahr nehmen zwölf Teams teil, jeweils zwei Teams treten gegeneinander an. Die Teilnehmer sind größtenteils Studenten der DHBW, die durch den Wettbewerb ihr Verhandlungsgeschick testen können.

Viel Zeit, uns auf unseren Fall vorzubereiten, hatten wir nicht: Vor zwei Tagen haben wir die Informationen zu unserer Firma Supralon und dem Streit mit der Firma Delta Tech bekommen. Es geht um Heizgeräte, die Delta Tech an uns geliefert hatte und die in der Wohnung unserer Kunden nicht funktioniert haben oder in Flammen aufgegangen sind. Die Rede ist von Beschwerdemanagement, Schadensersatzzahlungen und Rahmenverträgen, die nicht einfach so aufgelöst werden können. Kurz: Es ist kompliziert. Genauso kompliziert könnte es allerdings werden, eine gemeinsame, faire Lösung mit Svenja und Johannes zu finden.

„Bei einem Mediationsverfahren geht es insbesondere darum, kooperativ miteinander zu verhandeln. Die gegnerischen Parteien sollen nicht nur auf dem eigenen Standpunkt beharren, sondern versuchen, auch die gegnerische Position zu verstehen“, erklärt uns Julian Herrmann, einer der studentischen Mitorganisatoren. „Aktives Zuhören“ ist dabei ein entscheidendes Stichwort. Antworten wie „Ja, aber…“ sollen vermieden werden, stattdessen sollte das Gesagte des Gegners wiederholt werden, um aufmerksames Zuhören zu demonstrieren. Paraphrasieren nennt sich das im Fachjargon.

Eingeleitet wird unsere Mediation von Mediator Dirk Bosselmann. Mit Svenja und Johannes legen wir die Regeln für unser Gespräch fest, die Bosselmann auf bunten Kärtchen notiert und an eine Pinnwand heftet. Im Laufe der kommenden Stunde werden noch einige bunte Kärtchen dazukommen. Bosselmann hält darauf unsere Forderungen, Zugeständnisse und Lösungsvorschläge fest. Weiter hinten im Zimmer sitzen zwei so genannte „Judges“, die unser Gesprächsverhalten bewerten.

Renate Dendorfer-Ditges, Professorin des Kontaktstudiums Wirtschaftsmediation an der DHBW, hat den Wettbewerb nach Ravensburg gebracht. Sie selbst ist Wirtschaftsmediatorin und schwört auf diese Art der Konfliktlösung: „Es ist ein völlig anderer Weg, um Streitigkeiten zu lösen, als es etwa an Gerichten der Fall ist“, so Dendorfer-Ditges. Ursprünglich stammen diese Wettbewerbe aus Paris. Solche organisiert dort die Internationale Handelskammer (ICC) schon seit vielen Jahren für Studenten der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften aus aller Welt. Das sei eine gute Schule für die Studenten, um theoretisches Wissen auch mal praktisch einsetzen zu können.

Eine Stunde Vorbereitungszeit

Dieses praktische Umsetzen ist allerdings gar nicht so einfach – besonders, wenn die theoretischen Kenntnisse fehlen. Die Jury hat zwar auch einiges an unserer Competition auszusetzen, im Großen und Ganzen haben wir uns aber gut geschlagen. Jetzt wird es noch einmal spannend: Eine Stunde nach dem letzten Wettbewerb werden die Teams bekannt gegeben, die morgen in der nächsten Runde dabei sind. Denn nur acht der zwölf Teams kommen aus der Vorrunde weiter, für die anderen ist der Wettbewerb beendet. In den nächsten beiden Runden geht es Schlag auf Schlag: Im K.O.-System scheidet jeweils die Hälfte der Teams aus. Am Ende geht es für die letzten beiden Teams um den Titel – und einen Preis: Das Gewinnerteam bekommt zwei Plätze für das Kontaktstudium Wirtschaftsmediation 2014. Pro Platz entspricht das einem Gegenwert von etwa 1200 Euro.

Wir haben es leider nicht in die nächste Runde geschafft, dafür sind unsere Gegenspieler Svenja und Johannes weitergekommen. Sie bekommen einen neuen Fall. Morgen früh um acht beginnt die nächste Runde. Es bleibt also nicht viel Vorbereitungszeit. Das ist gewollt – schließlich soll der Wettkampf eine Herausforderung sein. Für die dritte Runde bleiben den Teilnehmern nur wenige Stunden, den Fall für die Endrunde bekommen die Teams erst eine Stunde vor der Mediation.

Die Regeln der Mediation sind sicherlich nicht nur in Wirtschaftskonflikten sinnvoll. Zuhören, andere aussprechen lassen und Konflikte aus der anderen Perspektive betrachten – das ist in jeder Lebenslage von Vorteil.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen