Wenn Gräberpflege zur Brücke zwischen den Völkern wird

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Ralf Reiter

Seit 1922 wird in Deutschland am Volkstrauertag den gefallenen Deutschen aus beiden Weltkriegen gedacht. In einem Beitrag beleuchtet der Historiker Ralf Reiter die Anfänge und Entwicklung des Gedenktages, der mit der Gründung des Volksbundes der deutschen Kriegsgräberfürsorge einhergeht, und verdeutlicht dies beispielhaft an seiner eigenen Familiengeschichte.

Hungersnot auch in Ravensburg

Deutschland im Dezember 1919: Ein zerrissenes Land, geprägt von Gewalt und wirtschaftlicher Not. Die Last des verlorenen Krieges war allgegenwärtig, der aufgezwungene Friede von Versailles lähmte nicht nur einen möglichen Neubeginn.

Er vergiftet langfristig auch das politische Klima im Reich und wurde zur verhängnisvollen Hypothek. Symbolisch für die damaligen Verhältnisse stehen die sogenannten Hungerkrawalle in Ravensburg. Der eklatante Nahrungsmangel hatte die Arbeiter im Schussental im Dezember zu massiven Straßenprotesten veranlasst. Im Jahr darauf gab es bei den Unruhen sogar einige Tote.

Sorge um Vermisste

Viele Deutsche plagte neben der materiellen Not aber auch die Frage: Was wurde aus dem Mann, dem Sohn, dem Bruder, der nicht zurückgekehrt und vermisst war? Gab es das Grab dessen noch, über dessen Tod man Gewissheit hatte? Der Schutz der Kriegsgräber war zwar vertraglich gesichert. Doch die deutsche Regierung war aufgrund der Situation nicht in der Lage, sich um dieses Thema zu kümmern.

Volksbund gegründet

So kam die Idee einer nichtstaatlichen Vereinigung auf, die schließlich mit der Gründung des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge am 16. Dezember 1919 verwirklicht wurde. Der Unterstützerkreis bei der Gründung umfasst fast alle gesellschaftlichen Gruppen und Parteien. Mit dabei war auch der damalige Oberbürgermeister von Köln und spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Frontfriedhöfe zunächst nicht zugänglich

Die segensreiche Arbeit des Volksbundes eröffnete schon bald den Weg, der Trauer einen Platz zu geben. Der Besuch der Frontfriedhöfe war noch kaum möglich. Doch konnten Fotografien der Grabstätten erstellt und versandt werden. In den Jahren ab 1925 kam es endlich auch zu einer politischen Entspannung im Verhältnis zu Frankreich. An der Schaffung einer Vertrauensbasis war auch der Volksbund beteiligt. Im Juni 1926 wurde in Paris die Zusammenarbeit beider Verbände vereinbart.

„Versöhnung über den Gräbern“

Leider wurde dieses Verhältnis wenige Jahre später wieder zerstört. Die Gleichschaltung im Nationalsozialismus und der nächste Krieg mit weit größeren Opferzahlen und noch mehr Zerstörung machten zunächst alles zunichte.

Aber bald stellte sich der Volksbund wieder den anstehenden Herkulesaufgaben. Unter dem Motto „Versöhnung über den Gräbern“ vollzog sich in den Nachkriegsjahrzehnten eine unglaubliche Erfolgsgeschichte.

Gewaltige Herausforderung nach 1989

Die Einbeziehung der Jugend begann früh und wird heute noch intensiv praktiziert. Nach der Wende in Osteuropa Anfang der 1990er-Jahre stellten sich neue, gewaltige Aufgaben für den Volksbund.

In Zusammenarbeit mit den neuen Regierungen wurde begonnen, das furchtbare Erbe des Ostkrieges zu bewältigen. So konnten bis heute im Osten weit über 900.000 deutsche Soldaten geborgen und bestattet werden. In der ehemaligen Sowjetunion entstanden große Sammelfriedhöfe, wie Solobugowka bei St. Petersburg oder Rossoschka bei Kaliningrad.

Vorfahre in Frankreich begraben

Doch zurück zur konkreten Arbeit des Volksbundes. Der Verfasser dieses Beitrags möchte hier ein persönliches Beispiel anführen. Durch einen Zufall stieß er auf die Spuren seiner Vogter Vorfahren. Auf dem dortigen Kriegerdenkmal finden sich die Namen der Brüder Andreas und Magnus Endrass.

Der Gräberdienst des Volksbundes konnte das Schicksal beider Männer, die an der Front im Argonnerwald gedient haben, klären und damit dem Vergessen entreißen.

Familienvater wird eingezogen

Andreas erlag am 15. August 1915 einer schweren Krankheit und wurde im Frontfriedhof von Grandpre bestattet. Die Totenmesse fand in der Ravensburger Liebfrauenkirche statt.

Nach dem Krieg erfolgte die Überführung durch den französischen Gräberdienst auf den Sammelfriedhof in Buzancy. Bei seinem Bruder Magnus fragt man sich, warum er als Bauer und Vater von sechs Kindern, damals fast 40 Jahre alt, noch ins Feld ziehen musste. Er erkrankte und starb 1916 an doppelseitiger Lungentuberkulose im Reserverlazaratt Gesellenhaus in Ravensburg.

Erster Volkstrauertag im Jahr 1922

Begraben wurde er auf dem heimatlichen Vogter Friedhof. Das Grab von Andreas Endrass in der Ferne lässt der Verfasser jedes Jahr durch den Gräberdienst des Volksbundes mit Blumen schmücken. Somit leistet diese Organisation einen unschätzbaren Beitrag zur Erinnerungs- und Trauerkultur.

Damit wird bis heute verwirklicht, was einer der Gründer des Volksbundes, der sozialdemokratische Reichstagsvorsitzende Paul Löbe, am ersten Volkstrauertag 1922 formuliert und damit den Kern der Aufgabe des Volksbundes getroffen hat: „Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch Tote zu ehren, Verlorene zu beklagen, bedeutet Abkehr vom Hass, Hinkehr zur Liebe und unsere Welt tut Liebe not.“

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