Welche Strategien verhelfen zu einer besseren Welt

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Mehr als 100 Teilnehmer von zivilgesellschaftlichen, kommunalen und kirchlichen Initiativen haben sich am zweiten Entwicklungspo
Mehr als 100 Teilnehmer von zivilgesellschaftlichen, kommunalen und kirchlichen Initiativen haben sich am zweiten Entwicklungspolitischen Dialog der Landesregierung beteilitg. (Foto: Elke Obser)
Wolfram Frommlet

Zum zweiten Entwicklungspolitischen Dialog der Landesregierung haben Dutzende von zivilgesellschaftlichen, kommunalen, kirchlichen Initiativen den Schwörsaal gefüllt. Unter dem zentralen Slogan „Global denken, lokal handeln“ tauschten sie sich über Strategien für eine nachhaltigere, gerechtere, ökologischere und friedliche Welt aus. Handeln einte die weit mehr als 100 Teilnehmer, statt mit politischen Statements zu beruhigen und von den globalen Konflikten ablenken, wie sie es der Politik, regional wie international, vorwarfen.

Der gemeinsame Slogan „global denken, lokal handeln“ ist weltweit und damit auch bei dieser Regionalkonferenz der gemeinsame Nenner geworden. Er ist an vielen Orten entstanden, zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter „Think Globally Act Locally“ als völlig neue Werte unter schottischen Architekten und bei der heute weltweiten Organisation „Freude der Erde“. Die Grundidee war „grün“, also ökologisch – wir produzieren, wir konsumieren im Heute, in Wirklichkeit aber auf Kosten der künftigen Generationen und schon seit dem Kolonia- lismus auf Kosten der Dritten Welt und der Ausbeutung von jenen Teilen des Planeten, die wir in unserer Wahrnehmung ausblenden. Das Ausmaß, dies war in jeder Initiative im Schwörsaal zu hören, hat sich verschlimmert. Unser Wohlstand ging und geht kontinuierlich nach oben, von Kaffee und Südfrüchten, der Baumwolle und Produktion für Billigklamotten und den die SUV und die E-Mobilität. Die Zusammenhänge zwischen unserer Wohlstandsökonomie und globaler Gefährdung des Planeten haben Auswirkungen für alle. Wie mit der Welt umgegangen wird, wird an Rohstoffbörsen entschieden, in den Topetagen eines kleinen Konsortiums von Supermärkten und globalen Konzerne. Aber, so ein zentraler Satz zu fairem Wirtschaften, lokal entscheidet sich mit jedem Konsumenten die soziale Akzeptanz ungerechter und nicht-enkelgerechter Produkte, „jeder hat die Wahl, Teil der Problems oder Teil der Lösung zu sein“. Deshalb setzen die vielen Initiativen auf die Änderung, die Macht der Zivilgesellschaft.

In einem leidenschaftlichen, kompetenten Referat erinnerte der baden-württembergische Integrationsminister Manne Lucha an jene großartigen Errungenschaften unserer Demokratie, die bei uns einem zunehmend größeren Teil von „Ausgegrenzten“ nicht zugänglich ist, einem unvergleichlich größeren Teil dort, wo unser ungerechtes Wirtschaftssystem ein Teil der Ursachen ist von beispielsweise Armut.

So sehr der globale Klimawandel uns betrifft, „er trifft die Ärmsten am meisten“. Deshalb müssten wir mit zukunftsfähigen Modellen vorangehen – mit einem fairen Handel mit Kooperativen im Süden, den auch die einheimischen Eliten nicht immer unterstützten. Mit den fairen Preisen bei uns können die Bauern sich einen Lehrer, einen Arzt leisten, und die Jungen müssen nicht in die städtischen Slums abwandern. Die 17 Ziele einer Globalen Agenda für Nachhaltige Entwicklung, so Manne Lucha, gehörten auch in regionale wie kommunale Programme.

Wahid Abkarzada von Impuls Afghanistan, der seit vielen Jahren in seiner geschundenen Heimat Schulen auch für Mädchen ermöglicht, steht für einen anderen Wandel: Denn die Definition entwicklungspolitischer Ziele und deren Realisation sei nicht mehr länger Sache der „weißen Zivilisation“. Die Inklusion von Partnern aus anderen Kulturen, die Relevanz „fremden“ Wissen sei erfreulicherweise Realität geworden.

Globale Gerechtigkeit oder ökologischer Konsum seien allzu häufig Bluff, wie zahllose Nicht-Regierungs-Organisationen recherchiert haben. Die Bio-Äpfel aus Neuseeland, 13 000 Kilometer in den hiesigen Supermarkt. Die in der EU hergestellten Pullover, von Migranten ohne Sozialversicherung. Und die Ausbeutung von Lohnsklaven aus Osteuropa findet in Schlachtfabriken dieser Demokratie statt.

Noch sind euphorische „Weltenänderer“ im Schwörsaal eine moralische, ethische Minderheit. „Die billigsten machen mehr Profite und die Konsumenten zahlen nicht gerne mehr“, war ein zentraler Konflikt für Antje von Dewitz, die das Erbe ihres Vaters, den Outdoor-Produzenten Vaude, komplett änderte. Neue Materialien, recyclingfähig, chemiefrei, sozial hergestellt. „Eine Herkulesaufgabe, eine Transformation über circa fünf Jahre“, so Von Dewitz.

Dazu musste sie es schaffen, alle einzubeziehen, weil für jeden Produktionsschritt neue Lösungen gefunden werden mussten. Die völlig neuen Materialien der Zulieferer, die neuen Produktionsverfahren, das schaffte sie nur mit dem Vertrauen aller und deshalb mit allumfassender Transparenz. Ihren Mitarbeitern verstünden, warum sie mit ihrer Arbeit glückliche Menschen seien. So sehe ihre Illusion aus, wenn Menschen mit ihrem Konsum, ihrer Arbeit glücklich würden und damit aber auch anderen eine lebenswerte Welt ermöglichten. Dies war die Forderung in einem Arbeitskreis: Es bräuchte an Universitäten, vor allem in den natur- und ingenieurwissenwissenschaftlichen Disziplinen und bei Volkswirten, moralphilosophische, ethische Inputs, die kaum zu finden seien. Ein Bewusstseinswandel beginnt für Tillmann Stottele, Nachhaltigkeitsbeauftragter der Stadt Friedrichshafen, in den Schulen. Die für alle nutzbaren, speziell ausgestatteten „globalen Klassenzimmer“ wurden ein Erfolg.

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