Weihnachtsoratorium bereichert mit unerwarteten und vertrauten Klängen

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Schwäbische Zeitung
Maria Anna Blöchinger

„Jauchzet, frohlocket“, hebt das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach im Tutti an, mit allen Stimmen und Instrumenten. In der Evangelischen Stadtkirche erwartet das überaus zahlreiche, aufmerksame Publikum ein herrliches Festkonzert. Zwar macht eine indisponierte Altstimme Sorgen, bringt aber auch eine eigene Spannung und tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch.

Erwartungsvolle Stille. Die Instrumente waren gestimmt, der Chor im breiten Bogen aufgestellt. Stille kehrte ein und alle warteten wie auf eine Geburt. Eine tiefe Sammlung umrahmte und durchdrang das geistliche Konzert. Kirchenmusikdirektor Michael Bender gelang es, den großen Projektchor zu einem einheitlichen und doch lockeren und beweglichen Klangorgan zu binden. „Wie soll ich dich empfangen“, fragt die fromme Seele im Choral, den der Chor mit Weite und Volumen wie mit offenen Armen intonierte. Die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben glänzte mit einer schlanken Trompete, Hermann Ulmschneider, und herausragendem Ensemblegeist, für den Michael Wieder (Violine) zu nennen ist. Im Duett mit Bass oder Tenor bezauberte Barbara Zeller mit einem Engelssopran, mühelos tragend, schwebend, kunstvoll natürlich. Solo-Bass Christian Feichtmair ließ durch Registerwechsel aufhorchen. Aus dem kraftvollen Brustton glitt er in eine rührende Kopfstimme, vom „Großer Herr, o starker König“ zu „Liebster Heiland, o wie wenig achtest du der Erden Pracht.“ Der Bass beeindruckte mit artikulierter, väterlicher Glaubwürdigkeit.

So ernst wie perfekt sang Tenor Ulrich Müller-Adam die Rezitative des Evangelisten aus dem Lukas-Evangelium, die den inhaltlichen Kern des Oratoriums ausmachen. Im Stall, auf niederster Stufe kommt Gott als Mensch zur Welt. Musikalisch veranlasste die wunderbare Geburtsgeschichte den barocken Tonmeister Bach die Freude am Schöpferischen mit dem Prinzip der Wiederverwertung zu verbinden. Sein Weihnachtsoratorium wirkt nachhaltig. In anderen Werken verwendete, bekannte Lieder wirken hier vertraut und doch neu, öffnen die Weihnachtsgeschichte zum alltäglichen hin und zur kommenden Passion.

Im zweiten Teil, den Hirten und dem Kind im Stall gewidmet, hatte die Altistin das Wiegenlied „Schlaf mein Liebster“ zu bestehen. Die tadellose Traversflöte (Katharina Heim) tröstete über die Besorgnis erregende Stimmschwäche hinweg. Die Altistin Ulrike Clausen hielt durch! Das nötigt schon mal Anerkennung ab. Im dritten Teil aber fand gegen alle Erwartungen die Alt-Stimme doch noch zu sich. Michael Wieder gab an der Violine die Richtung vor, spielte, als gäbe es nur den einen Augenblick. Die Altistin antwortete, ungetrübt und innig: „Schließe mein Herze, dies selige Wunder fest in deinem Glauben ein!“ Bravourstücke lieferte der Chor in den Fugen. Im „Ehre sei Gott in der Höhe“ ragten gerade auch die Männerstimmen hervor. „So recht, ihr Engel, jauchzt und singet“, lobte der Solo-Bass, worauf der Chor, von herrlichen Bläserläufen ermuntert, sich selber übertraf. In den Schluss-Chorälen zeigte er eine geradezu antike Wucht. Nachdem die Stille verebbt war, spendete das Publikum großen Applaus.

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