Weder völlig urban noch ganz Natur

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Dorothee L. Schaefer

Zwei zunächst gegensätzlich scheinende Kunstwelten finden sich in der neuen Ausstellung der Galerie 21.06 mit dem Wortspiel-Titel „Groß statt Idyll“, die die Künstler am vergangenen Freitag während der Ravensburger Kunstnacht eröffnet haben.

Detlef Waschkau, der in Aachen ausgebildet wurde und nun in Berlin lebt, und der gebürtige Ire Pete Kilkenny, der im oberbayerischen Tittmoning nahe der Grenze zu Österreich lebt, haben auf den ersten Blick weder Stil noch Motivik gemeinsam. Doch verbindet sie mehr, als man zuerst denken würde.

Imposante Formate

Detlef Waschkau hat, trotz der Jahre in Berlin und seiner vielen Arbeitsaufenthalte in Japan und China in den Jahren seit 2002, noch einen unverkennbaren niederrheinischen Zungenschlag. Höflich und geduldig erklärt er seine Technik, während der Blick von den teils imposanten Formaten seiner Arbeiten gefangen wird, die den Hauptraum der Galerie mit ihren leuchtenden Lokalfarben dominieren. Erst wenn man näher hinsieht, wird klar, dass es fein gearbeitete, flache Reliefs mit faszinierender Haptik sind, deren Material aus hellem Pappelschichtholz besteht. Dieses nimmt Waschkau mit unterschiedlich breiten Stechbeiteln (oder Stemmeisen) in verschiedenen Richtungen ab, sodass das faserige Holz manchmal fast ein Flechtmuster erhält.

Zuallererst aber bekommt die Platte eine Einteilung in verschiedene Quadrate oder Rechtecke, so entsteht die Wirkung einer aus vielen Teilen bestehenden, arrangierten Komposition. Seine ausgehobenen und aufgemalten Motive oder Szenerien – Hochhäuser, Wolkenkratzer, typische Industriebauten wie der Gasometer in Berlin, Geschäfts- und Wohnhäuser, seltener auch Menschen – finden in einem lockeren städtischen Zusammenhang ihren Platz, den sie in der Realität so nicht haben. Besonders faszinierend ist eine Arbeit im Querformat, die in hellem kräftigem Blau auf seidig schimmernden Pappelgrund verschiedene Lichtreflexe auf hohen Glasfassaden zeigt. Neben diesen Reliefs hängen Aquarelle in verdünntem Acryl, die im Kleinformat eine ähnliche Großräumigkeit besitzen: ein beeindruckender Dialog zwischen Zwei- und Dreidimensionalität.

Pete Kilkenny ist ein Bilderbuch-Irishman – und sein mit Kuhsilhouetten bunt bedrucktes Hemd fast schon Programm. „Die Kühe haben mein Leben gerettet“, sagt er zu seinem Hauptmotiv. Sie hätten ihn, als er nach der Trennung von Frau und Sohn vor 18 Jahren in eine Depression fiel, mit ihrem ihn aufmerksam betrachtenden Blick existenziell getröstet. Traurig und schön wie die meisten wahren Geschichten. Aber was er daraus gemacht hat, ist doch so eigen, dass bereits die erste Kuh prompt von der Sammlung Würth erstanden wurde. Mit seinen auf Titelseiten der „Süddeutschen Zeitung“ gemalten Kühen wurde er erst nach einem Jahr bekannt, so lange dauert es oft, bis man an die richtige Person in einem Verlag gerät. Die thematischen Verbindungen zwischen der Zeitungsseite und dem Tiermotiv – eins bezaubernder oder skurriler als das andere – sind so vielseitig, dass es anhand der Titel sehr viel zu entdecken gibt. Und nicht nur auf dem neuesten Bild, das Kilkenny kurz vor der Eröffnung auf ein Titelblatt der „Schwäbischen Zeitung“ malte: eine Kuh im Van Gogh-Pinselstrich und in der starken Palette der Fauves, ein Ohr der Kuh ist übrigens der Stadtsilhouette von Ravensburg gewidmet.

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