Was dein Zimmer über dich verrät

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Schwäbische Zeitung

Es gibt wohl wenig, das mehr über den eigenen Charakter aussagt als die eigene Wohnung oder das eigene Zimmer. Und seien wir doch mal ehrlich: Wenn wir irgendwo zu Besuch sind, achten wir mehr oder weniger verstohlen darauf, wie sich der andere eingerichtet hat. Welche Bücher stehen im Regal? Welche persönlichen Gegenstände liegen herum? Welche Farben haben die Sofakissen? Und ist überhaupt aufgeräumt? Johannes Lutz und Jasmin Bühler haben die Vorsitzenden des Ravensburger Schülerrats, Alina Nußbaum und Gian-Luca Orecchioni zu Hause besucht, um mehr über die beiden herauszufinden.

Den 15-jährigen Gian-Luca Orecchioni aus Alttann kann man als einen aufgeweckten und umtriebigen Teenager beschreiben. In seiner Freizeit probiert er gerne Neues aus – Hauptsache, es hat mit Action zu tun. Genauso engagiert ist der Werkrealschüler, wenn es um die Belange der Ravensburger Jugendlichen geht. Hier sieht der 15-Jährige noch einiges an Verbesserungsbedarf in der Stadt.

Seit diesem Schuljahr ist Gian-Luca nicht nur Schülersprecher am Bildungszentrum Sankt Konrad, sondern zum ersten Mal auch Vorsitzender des Ravensburger Schülerrates. „Als Betroffener möchte ich in der Stadt etwas bewegen“, sagt Gian-Luca. Zum Beispiel wolle er sich für den Street Workout Park einsetzen. „Ich will nicht nur schimpfen, sondern auch was machen“, meint Gian-Luca, der mit Mama Gisela Reich-Orecchioni und Schwester Lisa in einem Haus lebt.

Ehrgeizig und kreativ

Er selbst würde sich als ehrgeizig, sportlich, humorvoll, geduldig, abenteuerlustig und kreativ beschreiben – alles Eigenschaften, die sich auch in Gian-Lucas Zimmer widerspiegeln. Dem Besucher stechen als Erstes die vielen bunten Graffitis ins Auge, die rundum an den Wänden prangen. Unter Anleitung seines Cousins hat Gian-Luca mit dem Zeichnen angefangen. You-Tube-Videos und Internetseiten von anderen Sprayern gaben ihm weitere Impulse für seine Arbeit. „Ich habe damit angefangen, die Schrift nachzumachen, und irgendwann meinen eigenen Stil entwickelt“, erklärt der 15-Jährige.

Dass er die Wände in seinem Zimmer als Malunterlage nutzen darf, hat ihm seine Mama erlaubt. Denn ihr ist es lieber, ihren Sohn im eigenen Haus zu wissen, als dass er bei Nacht und Nebel irgendwelche gefährlichen oder illegalen Aktionen startet – wie es viele Sprayer tun.

Stammkunde im 14 Nothelfer

Aber auch sonst treibt es Gian-Luca bunt. Er fährt Skateboard und Snowboard, spielt Fußball, engagiert sich bei den Funkenbauern in Gaisbeuren, ist im dortigen Schützenverein aktiv (2015 sogar Schützenkönig) und während des Rutenfestes auch bei den Trommlern unterwegs. Seit er neun Jahre alt ist, steht Gian-Luca auf dem Brett: im Sommer auf dem Skateboard, im Winter auf dem Snowboard. Doch die Touren laufen bei ihm nicht jedes Mal glimpflich ab. „Action hab ich fast täglich“, grinst er. Da könne es schon mal zu Blessuren kommen: Gehirnerschütterungen, Schürfwunden, Bänderdehnungen und Knochenbrüche sind nur einige Beispiele. „Ich bin quasi Stammkunde im 14 Nothelfer“, scherzt der Teenager.

Wenn er nicht gerade durch die Gegend düst oder eine Spraydose in der Hand hält, dann spielt der 15-Jährige Computerspiele auf seiner Playstation. Aber nicht die ganze Nacht durch. Um spätestens 22 Uhr ist Schluss mit Zocken. „Wenn ich am nächsten Tag in die Schule muss, bin ich vernünftig“, meint Gian-Luca.

Nicht so bei Überraschungen: Von seiner Freundin hat Gian-Luca im Jahr 2015 einen Socken-Adventskalender bekommen. „Am liebsten hätte ich gleich alle Socken aufgemacht“, gibt er zu. „Ich mag keine Überraschungen.“

Für die 19-jährige Schülerin Alina Nußbaum ist dieses Schuljahr ein ganz besonderes, denn sie besucht die 13. Klasse der Ravensburger Humpisschule und macht nächstes Jahr Abitur. Das Außergewöhnliche an Alina: Sie hat drei verschiedene Ämter inne. Sie ist Klassensprecherin, Schülersprecherin und zusätzlich im Schülerrat. Dort wurde sie mit einstimmiger Mehrheit zur Vorsitzenden gewählt.

Zusammen mit ihrer Mutter lebt Alina in der Gemeinde Berg, in einem neu sanierten Haus. Wirft man einen Blick in die Wohnung, dann fällt auf, dass es dort sehr ordentlich ist. Die 19-Jährige nennt drei Zimmer ihr eigen: ein Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer (siehe Foto) und ein Badezimmer. Die meisten persönlichen Gegenstände stehen in einem weißen Regal – genauso wie Alinas Bücher. Unter diesen finden sich einige Werke über die deutsche Geschichte. Alina hat die Bücher, um sich auf die Geschichtsprüfung im Abitur vorzubereiten.

Gemeinsam etwas verändern

Obwohl sie vor der Abschlussprüfung viel Zeit mit Lernen verbringt, ist es ihr ein Anliegen, sich ehrenamtlich zu engagieren: „Es ist mir wichtig, dass ich mit den Schülern zusammen in Ravensburg etwas verändern kann“, sagt sie. „Dabei denke ich auch speziell an die nachkommenden Generationen.“

Seit wann sie politisch interessiert ist, kann sie gar nicht genau sagen: „Ich hatte schon immer Interesse an der deutschen Geschichte, aber auch an der politischen Entwicklung“, erklärt sie. Nationale Politik begeistert sie ebenso wie internationale. Um sich zu informieren, verfolgt sie regelmäßig die „Tagesschau“.

Schule statt Eishockey

Neben den Büchern stehen auch Sportauszeichnungen im Regal: Pokale, Medaillen und Anstecker. Alina erzählt, dass sie eine Medaille von der Stadt Ravensburg bekommen hat, als sie mit dem Mädchen-Team der Ravensburger Towerstars aufgestiegen ist. Aus dieser Zeit hängt auch noch ihr früheres Eishockeytrikot an der Wand. Sie spielte rund sieben Jahre lang, bis zu ihrem 16. Lebensjahr. Der Sport musste aber nach und nach in den Hintergrund treten, als sie den Fokus mehr auf die Schule legte. „Ich habe bei den Mädchen und den Jungs mittrainiert“, erzählt sie. „Bei den Jungs geht es etwas härter zu. Ich mag Herausforderungen.“

Mittlerweile macht Alina anderweitig Sport: Sie geht gerne wandern, fährt Ski und hält sich mit Workout-Übungen fit. Für die Übungen, die sie zuhause macht, benutzt sie eine lila Fitnessmatte.

Weniger fit hingehen sieht der dicke braune Plüschbär auf ihrem Regal aus. Doch der ist der Bergerin besonders wichtig: „Den Teddybär habe als Baby bekommen. Er war immer da, egal ob bei Tag oder Nacht“, meint Alina lächelnd.

Was in ihrem Zimmer noch heraussticht, sind die Postkarten aus aller Welt, die an dem Regal kleben, ebenso wie die Reiseführer, die Alina sammelt. Die Schülerin ist fasziniert von anderen Kulturen und zeigt sich weltoffen. Besonders reizen würde sie eine Reise nach Asien und Südamerika.

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