Was das Zentrum Oberschwabens so lebenswert macht

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Das waren noch Zeiten. Wo heute Fußgänger flanieren, parkten früher Autos: historische Aufnahme des Ravensburger Marienplatzes m
Das waren noch Zeiten. Wo heute Fußgänger flanieren, parkten früher Autos: historische Aufnahme des Ravensburger Marienplatzes mit dem Rathaus und dem Blaserturm im Hintergrund (links). Mit dem Kunstmuseum (rechts), das 2013 eröffnet wurde, hat Ravensburg ein neues kulturelles Highlight bekommen. (Foto: Fotos: privat, Roland Rasemann)
stellv. Redaktionsleiter

Ravensburg ist einzigartig. Das weiß niemand besser als die Ravensburger selbst. Ihr Lokalpatriotismus ist äußerst ausgeprägt. Weder konservativ noch reaktionär ist er, sondern eher liebevoll zu nennen.

Wenn auch ziemlich selbstbewusst. Ravensburg vergleicht sich nicht mit Ulm oder Konstanz, sondern, wenn es sein muss, eher mit München.

Niemand möchte auf Dauer weg 

Wenn ein Ravensburger einen Spitzenjob in Stuttgart ergattert, dann heißt es nicht selten vonseiten anderer Einheimischer: Das tut mir leid. Denn auf Dauer weg will hier niemand. Spätestens nach dem Ende des Studiums oder Berufserfahrungen andernorts kehren viele Ravensburger wieder zurück, wenn es denn möglich ist.

Und natürlich zum Rutenfest, das einmal im Jahr und immer zu Beginn der Sommerferien gefeiert wird – wenn nicht gerade Corona dazwischenkommt – reisen (fast) alle wieder an, die im Moment im Exil leben müssen.

Von Kriegszerstörungen verschont

Ravensburg ist halt einfach etwas Besonderes. Eine ehemalige Freie Reichsstadt mit einem starken Bürgersinn, der sich auch in Stiftungen und dem mannigfaltigen gesellschaftlichen Engagement Ehrenamtlicher ausdrückt. Im Gegensatz zur Industriestadt Friedrichshafen, 20 Kilometer entfernt, blieb Ravensburg von Kriegszerstörungen durch Luftangriffe verschont.

Das Aktionsbündnis „Autofreie Innenstadt“ fordert, dass nur noch Anwohner, Busse und Taxis sowie eingeschränkter Lieferverkehr i
Das Aktionsbündnis „Autofreie Innenstadt“ fordert, dass nur noch Anwohner, Busse und Taxis sowie eingeschränkter Lieferverkehr in die Oberstadt fahren dürfen. (Foto: Archiv: Benjamin Wagener)

Auch den Wahnsinnsideen einer „autogerechten Stadt“ konnte die Oberschwabenmetropole in den 1960er-Jahren entgehen. Die Ravensburger Altstadt ist bis heute mit ihren Türmen und Toren ebenso mittelalterlich geprägt wie durch die gotischen Bauformen der opulenten Bürgerhäuser. Kein Wunder, wird der pittoreske Kern immer wieder mal despektierlich als Puppenstube bezeichnet.

Menschen aus 120 Ländern leben in Ravensburg

Den Ravensburgern geht es gut, zumindest der Mehrzahl von ihnen. Die Bevölkerungszahl wächst kontinuierlich, Menschen aus 120 Ländern leben in der 50.000-Einwohner-Stadt.

Die Arbeitslosenquote ist gering, die Wirtschaft durch Handel, aber auch Industrie (Vetter, Ravensburger, EBZ), stark. Soziale Brennpunkte gibt es nicht, die Kneipenkultur ist nicht nur äußerst vielfältig, sondern auch sehr lebendig und ein Anziehungspunkt für die Menschen aus der gesamten Region. Nur der Gastronomie fehlen die großen Highlights.

Ravensburg ist sauber und diskret. Eine kleine Großstadt, die viel zu bieten hat, aber in der die Bewohner noch ihren Nachbarn kennen – oder sich mit dem auf dem traditionell samstags veranstalteten Wochenmarkt treffen.

Das vielleicht größte Ärgernis in dieser liebenswerten Kleinstadt ist der Verkehr, weil wirkungsvolle Umfahrungen noch immer nicht komplett realisiert werden konnten und Autos und Lastwagen sich vielfach noch immer durch das Zentrum quälen.

Museumsviertel ist ein Anziehungspunkt 

Doch man kann ja auch mal selber raus fahren. Die Waldburg ist nicht weit, der Bodensee sowieso nicht, stadtnahe Erholungsgebiete sind vorhanden und die Skigebiete in Vorarlberg binnen einer guten Stunde zu erreichen.

Ravensburg selbst hat mit seinem Museumsviertel einen wichtigen kulturellen Anziehungspunkt für Touristen wie Einheimische, das Kloster Weißenau eine prachtvolle Anlage für Besucher zu bieten, ein Theater mit eigenem Ensemble kann die Stadt ebenso vorweisen. Es gibt neben zahlreichen Kirchen eine Moschee mit Minarett und ein buddhistisches Zentrum. Weltoffen war die Stadt der Händler schon immer.

Gleich zwei Geschäfte in der Ravensburger Innenstadt schließen.
Die Ravensburger Innenstadt aus der Luft. (Foto: Archiv: Felix Kästle)

Manche Probleme hat Ravensburg aber bisher dennoch nicht gelöst. Obwohl wirtschaftlich und kulturell gesegnet, kommt die Lokalpolitik bei anstehenden Herausforderungen wie dem Klimawandel nur langsam und mühsam voran. An Verkehrskonzepten wird seit Jahren ohne durchschlagenden Erfolg gearbeitet.

Radfahrer müssen an manchen Stellen Nahtoderfahrungen machen. Und die Altstadt wird im Sommer immer noch heißer, weil die warme Luft nicht abfließen kann. Die beliebten Hanglagen sind massiv zugebaut, was dem Stadtklima nicht guttut. Auch an dieser Stelle fehlen noch nachhaltige politische Beschlüsse, um die lebenswerteste Stadt Oberschwabens auch in Zukunft lebenswert sein zu lassen. Und um das zu erhalten, was Ravensburg ausmacht: seine Einzigartigkeit.

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