Wachsskandal: Jetzt sollen Zertifikate her

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Zahlreiche Imker kauften gefälschte Mittelwände für ihre Bienenvölker ein – in dem Glauben, es handle sich um reines deutsches
Zahlreiche Imker kauften gefälschte Mittelwände für ihre Bienenvölker ein – in dem Glauben, es handle sich um reines deutsches Bienenwachs. (Foto: dpa)
Crossmediale Redakteurin

Vergangene Woche hat im baden-württembergischen Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz eine Expertenrunde zum Bienenwachsskandal getagt. Neben Wissenschaftlern und Mitgliedern der Imkerverbände waren auch Vertreter aus dem Landkreis Ravensburg vor Ort. Denn ein hiesiger Händler hatte das verfälschte Wachs mit in Umlauf gebracht und so den Skandal ausgelöst (die SZ berichtete mehrfach). Die polizeilichen Ermittlungen gegen ihn dauern an. Um ähnliche Qualitätsprobleme in Zukunft zu vermeiden, beschlossen die Experten in Stuttgart: Der Deutsche Imkerbund soll Wachszertifikate auf den Weg bringen, mit denen Händler ihre Ware auszeichnen und für gute Qualität bürgen können.

So weit die Theorie. Denn wie sich die Idee in der Praxis umsetzen lässt, wird sich erst noch herausstellen – zumal es zum Bienenwachs bislang keine Vorschriften gibt. „Bei der Expertenrunde wurde klar, dass nahezu nichts geregelt ist“, berichtet Klaus Wallner von der Landesanstalt für Bienenkunde, der als Sachverständiger mit dabei war. Schon im Vorfeld der Sitzung gab es immer wieder Überlegungen, ob Bienenwachs nicht als Lebensmittel deklariert und entsprechend reglementiert und kontrolliert werden könne. „Aber das ist nicht möglich“, informiert Wallner. Stattdessen will man jetzt auf den Deutschen Imkerbund zugehen und ihn zum Handeln animieren. Der Wissenschaftler aus Hohenheim erklärt: „Zertifikate wären eine Lösung. So kann beispielsweise deklariert werden, ob das Wachs aus Deutschland stammt oder international eingekauft wurde.“

Gefälschtes Wachs aus China

Eben solch ein Fall sorgt im Landkreis Ravensburg und weit darüber hinaus aktuell für Aufregung. Ein Händler aus dem Kreis soll mit Stearin gepanschtes Bienenwachs aus China gekauft und zu Mittelwänden weiterverarbeitet haben. Zahlreiche Imker kauften die Fälschungen ein – in dem Glauben, es handle sich um reines deutsches Bienenwachs. Die Honigbienen nutzten die Mittelwände als Grundlage für ihre Waben, zur Aufzucht ihrer Larven und zum Einlagern von Honig. Doch so mancher Imker erlebte ein böses Erwachen, als ganze Waben zusammenbrachen und sogar Bienenvölker verkümmerten.

In Folge haben Imker gegen den Händler aus dem nördlichen Kreis Ravensburg Anzeige erstattet. Immer mehr Geschädigte aus ganz Deutschland melden sich. Die Ermittlungen laufen. Die Staatsanwaltschaft Ravensburg teilt offiziell mit: „Derzeit werden Proben entnommen und durch ein Labor auf Verunreinigungen (Vermengung mit synthetischem Wachs) untersucht.“

Die Frage ist nun, inwieweit Qualitätsnachweise solche Skandale künftig verhindern können. Selbst Experte Klaus Wallner gesteht ein, dass der Plan den einen oder anderen Haken hat. „Erst einmal müssen die Händler mitmachen und ihre Ware zertifizieren“, meint er. Auch könne nicht gewährleistet werden, dass jeder Imker reines Bienenwachs anliefert. „Die Quelle der Verfälschung kann in den eigenen Reihen liegen“, so Wallner. Daher müsse der Händler schon beim Ankauf sicherstellen, dass es sich um sauberes Wachs handelt – egal, ob er es von einem Lieferanten oder einem Imker annimmt. „Eine Möglichkeit wäre, bei jeder produzierten Charge ein Rückstellmuster anzulegen“, überlegt Klaus Wallner, „so kann der Schuldige im Falle eines Falles leichter ermittelt werden.“

Das Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerium sieht ebenfalls Handlungsbedarf und spricht sich für „brancheneigene Verbandszertifikate“ aus, die „in erster Linie auf die Verwendung von Eigenwachs oder auf Wachs mit einem starken regionalen Bezug“ hinweisen. Die Imker müssten sich intensiver mit der Frage beschäftigen, woher ihr Wachs komme und wo und wie es umgearbeitet werde. Jürgen Wippel, Pressereferent im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, sagt: „Wo Bienenwachs draufsteht, muss auch Bienenwachs drin sein. Das Land unterstützt die Imker in ihrer Anstrengung, die Qualität der bei der Imkerei verwendeten Mittelwände weiter zu verbessern. Aufgabe ist es nun, den angestoßenen Dialog fortzuführen.“

Demeter-Imker verzichten auf Mittelwände

Zu dem Ökoverband Demeter gehören etwa 80 Imkereien, die nach Demeter-Richtlinien arbeiten – also ihre Bienenvölker so naturgemäß wie möglich halten – und dementsprechend zertifiziert sind. Eine der Vorgaben ist, dass die Demeter-Imker im Brutraum ihrer Bienenvölker keine Mittelwände einsetzen dürfen. Stattdessen leben die Bienen ganzjährig auf den Naturwaben, die sie aus ihrem selbst ausgeschwitzten Bienenwachs gebaut haben. Michael Weiler, Imkerexperte bei Demeter, erklärt: „Mittelwände verwenden die Imker, weil sie glauben, dass sie eine Erleichterung für die Bienen bedeuten. Denn für die Wachsproduktion brauchen die Bienen Energie, und die sparen sie sich auf diese Weise. Aber bienengemäß sind Mittelwände nicht.“ Viele Imker würden auf die künstlichen Hilfsmittel setzen, weil die Basis für die Waben dadurch schon gegeben sei. Die Bienen könnten sich auf andere Dinge konzentrieren, zum Beispiel auf die Honigproduktion. „Die Zugabe von Mittelwänden ist wie eine Blaukorndüngung im Garten“, beschreibt Michael Weiler. Das Problem: „Man holt sich damit auch immer die alte Geschichte in die Völker, die im Wachs eingeschrieben ist.“ Die Demeter-Imker werden jährlich auf die Einhaltung der Demeter-Richtlinien kontrolliert. Passt alles, bekommen sie das Zertifikat für ein weiteres Jahr.

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