Vom geplatzten Traum am Meer

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Der verlorene Sohn Jan mit Schwester Martha und Mutter (von links) im Figurentheaterstück “Das Missverständnis” nach Albert Cam
Der verlorene Sohn Jan mit Schwester Martha und Mutter (von links) im Figurentheaterstück “Das Missverständnis” nach Albert Camus. (Foto: Babette Caesar)
Schwäbische Zeitung
Babette Caesar

Was sich so leicht entschuldbar anhört, gerät bei Albert Camus zu einer ausweglosen Situation. „Das Missverständnis“, 1943 im besetzten Paris als Theaterstück entstanden, hat das Figurentheater Ravensburg aufgegriffen und für die Bühne am Gespinstmarkt inszeniert. Das vierköpfige Ensemble unter der Regie von Andreas Banitsch hat am Wochenende vor ausverkauften Rängen Premiere gefeiert.

Düster blicken die fast lebensgroßen Figuren mit ihren dick schwarz umrandeten, weit geöffneten Pupillen (nach Entwürfen von Dolores Gregoric) in das Publikum. Fragend oder wissend, stoisch oder traurig bleibt als Ausdruck in der Gefühlsschwebe hängen. Nur eines ist sicher, dass sie alle mit dem eigenen Schicksal hadern.

Die Mutter (Martina Töpfer-Widmann) und deren Tochter Martha (Jutta Frick), die in einer abgelegenen Gegend ein Hotel führen, in das sich jedoch kaum Gäste verirren. Zum Glück möchte man sagen, denn kaum einer erblickt lebend den nächsten Morgen. Träumen die beiden – Martha mehr als die Mutter – doch von einem glücklichen Leben am Meer. Zwischen die Fronten gerät Jan (Thomas Töpfer) als der verlorene Sohn, der sich nicht gleich zu erkennen gibt und so sein Schicksal besiegelt. Hätte er auf seine Frau Maria (Mimmi Banitsch) gehört, wäre die Geschichte anders ausgegangen. Der Vierte im Bunde ist der stumme Knecht (Neriman Drescher), der am Schluss das letzte Wort hat.

Finstere Klänge aus dem Off stimmen auf das tragische Geschehen ein. Allein und reich ist der Fremde, sind sich Mutter und Tochter sicher, die aus dem dunklen Gastraum in die Nacht hinausschauen. Dass beide nicht mehr wirklich am selben Strang ziehen, zeigt sich in der ersten Szene. Die Mutter will Ruhe und Frieden haben. Sich am Ende ihres Lebens nicht so hart machen wie Martha, die nicht ablassen kann von ihrem Traum. Um diese gegensätzlichen Positionen des Zauderns und der Entschlossenheit kreist das Stück.

Aus Figuren werden Menschen

Albert Camus – 1913 in Algerien geboren, 1960 bei einem Autounfall in Frankreich tödlich verunglückt – und seine existenzielle Philosophie stehen für das Absurde, für die Sinnlosigkeit der Welt und des Lebens. „Man tötet leichter, was man sich nicht so sehr kennt“, ist die Mutter überzeugt. Nur bitte dieses Mal solle man den Fremden im ersten Stock einquartieren, damit das Herunterschleppen nicht wieder so anstrengend werde. Das birgt bei aller Tragik eine gewisse Komik oder Absurdität in sich. Mitten hinein schleicht sich Jan und tastet behutsam seine Vergangenheit ab. Seit 20 Jahren war er nicht mehr hier. Jetzt ist er gekommen, um seine Mutter und Schwester glücklich zu machen. Maria, seine geistesgegenwärtige Frau, ist das Gegenstück zu Jan. Sie will ihn bewahren, er will partout sein Stück Heimat zurück. Sie geht widerwillig, er bleibt (noch) zuversichtlich.

An dieser Stelle setzt Thomas Töpfer seine Figur auf einem Stuhl ab und ist „Jan“. Für den Moment wird er zum Menschen, indem er die Maske fallen lässt. Später geben auch die Mutter und Martha in emotionalen Ausbrüchen ihr wahres Gesicht zu erkennen. Spannungsreich sind Momente, in denen die Mutter das Schlimmste zu verhindern gedenkt, weil der Fremde irgendwie anders ist als seine Vorgänger. „Schauen Sie meine Hände, sie können die Beine eines Mannes tragen. Erstaunt Sie das nicht!“, sagt sie zu Jan, der nicht ahnt, was ihm blüht. Alle Warnrufe prallen an der Tochter ab. Dann, als Martha nach verrichteter Arbeit glücksstrahlend ihren noch schönen Körper in leuchtend rotem Kleid präsentiert, klappt sie den Pass des Fremden auf und schaut dem Drama direkt in die Augen. Doch entgegen aller Vernunft bleibt sie die Harte gegenüber der sterbenden Mutter und der eintretenden erwartungsvollen Maria. Ihr ist das Finale, die Trauer um Jan und dessen sinnlosen Tod vorbehalten. Nur hilft ihr auf der Suche nach Erlösung kein Niederknien vor Gott, dem Knecht, der sein kaltes Nein in den Saal ruft.

Die nächste Aufführung von „Das Missverständnis“ nach Albert Camus im Figurentheater Ravensburg e. V., Marktstraße 15, ist am Samstag, 5. November, um 20 Uhr. Näheres ist im Internet unter www.figurentheater-

ravensburg.de zu erfahren.

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