Viel Interesse an Kirchners Kunst – aber Erläuterung fehlt

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 Viele Besucher drängen sich um die farbstarken Gemälde Kirchners im Obergeschoss des Kunstmuseums – hier um das 1913 entstanden
Viele Besucher drängen sich um die farbstarken Gemälde Kirchners im Obergeschoss des Kunstmuseums – hier um das 1913 entstandene Gemälde „Fehmarndüne mit Badenden unter Japan-Schirmen“ aus dem Kirchner-Museum Davos. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Die Ausstellung läuft bis zum 10. Juni. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 19 Uhr, Montag geschlossen, außer feiertags. In der Reihe „Projektionen“ läuft im Foyer der Film „Traces“ von Nevin Aladağ, den die Autorin in ihrer Heimatstadt Stuttgart aufgenommen hat.

Wie immer war bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Vernissage das Ravensburger Kunstmuseum vom Gesumm’ der über 200 Gäste aufgeheizt und die große Menge harrte, obwohl mehr als die Hälfte stehen musste, geduldig aus, bis dann endlich eine knappe Viertelstunde später die Akteure zum Rednerpult schritten. Nach den großen Expressionisten-Ausstellungen der vergangenen Jahre war man in gespannter Erwartung.

Die Ausstellung mit Werken von Ernst Ludwig Kirchner (1880 - 1938) zeigt in der ersten Etage Zeichnungen und Grafik, auf dunkelrot gestrichener Wand Akte, Badende und erotische Motive, im Obergeschoss die farbstarken und großformatigen Portraits und Landschaften Kirchners aus der Schweizer Spätzeit. Der Löwenanteil von 63 Werken stammt aus dem Kirchner-Museum Davos, direkt aus der Bundeskunsthalle Bonn nach Ravensburg ausgeliehen. Einen bedeutenden Anteil haben die 32 Zeichnungen, Aquarelle und Grafiken aus der Ravensburger Sammlung Selinka, die einen dichten formalen Faden weben.

Grafiken stammen aus der Sammlung Selinka

So gingen auch die ersten Dankesworte von Oberbürgermeister Daniel Rapp und Museumsdirektorin Ute Stuffer an Gudrun Selinka, die mit diesem Grafikkonvolut einen wesentlichen Beitrag zur Ausstellung leistete. Nach Beratung mit dem auf Expressionismus spezialisierten Rahmenexperten Werner Murrer hatte sie alle Papierarbeiten in München neu rahmen und mit Passepartouts versehen lassen. Sie wirken nun wie „aus der Zeit“ und haben eine viel stärkere Aura. Zusätzlich zur Ausstellung gibt es den Katalog von Kuratorin Katharina Beisiegel, der zur Ausstellung 2018 in der Bundeskunsthalle Bonn erschienen ist, in Ravensburg zum ermäßigten Preis.

Nach zahlreichen Dankesworten an das gesamte Team und jeden Einzelnen gelangte das Wort an Katharina Beisiegel, Spezialistin für Expressionismus und vor allem für Kirchner, dessen Ausstellung in Bonn, die vor zwei Wochen endete, sie auch gestaltet hatte. Die Ravensburger Vernissage sei „die Geburt einer weiteren Kirchner-Ausstellung“, meinte sie. Sie sei glücklich über die „vielen wunderbaren Zeichnungen“ der Sammlung Selinka.

Informationen zum Künstler fehlen

Nun wäre es eigentlich an der Zeit gewesen, ein paar Sätze zu den Exponaten, zum Stil oder der Künstlerpersönlichkeit zu sagen, aber stattdessen kam noch einmal eine Erwiderungs-Eloge auf die Zusammenarbeit mit dem Team des Kunstmuseums und weiteren kundigen und hilfreichen Händen. „Solide, verlässlich, pfiffig“ seien sie, ja, das ist schön, das freut immer, aber es sollte nicht überwiegend Thema der Vernissage sein. Denn damit war diese beendet und das Auditorium nach gut 20 Minuten mit guten Wünschen entlassen.

Die Ausstellung lohnt sich, sie ist sehr gut präsentiert – bis auf manche etwas zu weit entfernte Beschilderung –, wartet mit einer ganzen Reihe von Überraschungen auf und bietet einen universalen Blick auf das Gesamtwerk von Kirchner, einer kontroversen Künstlerpersönlichkeit und einer gequälten Künstlerseele in politisch wirrer Zeit.

Die Ausstellung läuft bis zum 10. Juni. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 19 Uhr, Montag geschlossen, außer feiertags. In der Reihe „Projektionen“ läuft im Foyer der Film „Traces“ von Nevin Aladağ, den die Autorin in ihrer Heimatstadt Stuttgart aufgenommen hat.

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