Vertretungslehrer müssen ohne Geld durch den Sommer

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Eine Schülerin meldet sich. Vor den Klassen in Baden-Württemberg stehen immer wieder auch befristet angestellte Lehrer.
Eine Schülerin meldet sich. Vor den Klassen in Baden-Württemberg stehen immer wieder auch befristet angestellte Lehrer. (Foto: dpa/Marijan Murat)

Julia S. ist Lehrerin und hat auch in den Sommerferien viel zu tun. Sie bereitet sich seit zwei Wochen auf das neue Schuljahr vor. Bezahlt wird sie dafür nicht. Julia S. ist arbeitslos. Erst ab dem 10. September wird sie wieder vom Land Baden-Württemberg beschäftigt und bezahlt. Und keinen Tag früher. „Wie naiv ist das denn?“, sagt sie. „Jeder, der im Schuldienst ist, weiß: Es ist Quatsch, unvorbereitet ins Schuljahr zu starten.“

Julia S. heißt eigentlich anders, hat aber Angst, ihren sowieso unsicheren Job ganz zu verlieren, wenn sie unter echtem Namen von ihrer Situation erzählt. Sie ist als Lehrerin befristet angestellt und nicht verbeamtet, wie die meisten Lehrer. In Baden-Württemberg werden jedes Jahr 3300 befristet angestellte Lehrer mit Beginn der Sommerferien arbeitslos. So viele wie in keinem anderen Bundesland. In den Landkreisen Konstanz, Ravensburg und im Bodenseekreis sind nach Angaben der Arbeitsagentur jedes Jahr bis zu 120 Lehrer von der Sommerferien-Arbeitslosigkeit betroffen.

Julia S. wird wieder gebraucht

Sie waren als Vertreter für Lehrer angestellt, die krank geworden sind oder wegen Mutterschutzes und Elternzeit ausfielen. Im vergangenen Schuljahr hatten im Kreis Ravensburg 35 Lehrer aus solchen Gründen befristete Verträge – eben bis der abwesende Lehrer wieder zurück ist oder maximal bis zum letzten Schultag des Schuljahres, wie das Regierungspräsidium (RP) Tübingen mitteilte. Die Bildungsgewerkschaft GEW fordert, diese Praxis zu beenden und die Lehrer über die Sommerferien zu bezahlen. Ein Sprecher des Kultusministeriums argumentierte hingegen, dass befristete Verträge nur je nach Vertretungsbedarf geschlossen werden können.

Julia S. arbeitet seit 2016 an baden-württembergischen Schulen und hat in den Ferien zum vierten Mal einen befristeten Arbeitsvertrag unterschrieben. Das hat bei ihr auch damit zu tun, dass sie keine klassische Lehrerausbildung gemacht hat, sondern nach einem geisteswissenschaftlichen Studium als Quereinsteigerin an einer Schule anfing. Im Lehrerjargon ist sie „Nichterfüllerin“. Obwohl der Unionsfraktionschef im Bundestag, Volker Kauder, kürzlich angesichts des Lehrermangels von einem aufziehenden Bildungsnotstand sprach, sieht es das Regelwerk des Landes nicht vor, Lehrer wie Julia S. fest anzustellen. Dabei wird sie wieder an derselben Schule gebraucht.

„Das passt nicht zusammen“, sagt die Vorsitzende der Jungen Philologen in Baden-Württemberg, Martina Scherer. Schließlich werde den Kollegen doch auch Verantwortung übertragen. An Gymnasien arbeiten ihren Angaben zufolge wenige „Nichterfüller“, aber an anderen Schularten würden sie dringend gebraucht. Unter anderem durch Lehrer wie Julia S. waren im Kreis Ravensburg bereits im August laut RP fast keine Stellen mehr offen.

Unsicherheit im Hinterkopf

Für Julia S. bedeutet die Befristung Unsicherheit. Im ersten Schulhalbjahr denke sie nur selten daran, aber im zweiten Halbjahr stelle sie sich wieder die Frage: Geht es nach den nächsten Sommerferien weiter oder nicht? Das Kollegium an ihrer Schule habe sie freundlich aufgenommen. „Aber man hat immer im Hinterkopf: Wie lange darf man sich hier wohlfühlen?“ Lehrerin ist ihr Traumberuf. „Das liegt mir, macht mir Spaß“, sagt sie. „Um so trauriger ist es, diese Ohrfeige zu bekommen und wieder ins Ungewisse geschickt zu werden.“

Für die Arbeitsagentur sind arbeitslose Lehrer ein Sonderfall. Ihnen werde Arbeitslosengeld ausbezahlt, damit sie über die Ferien kommen, sagt der Pressesprecher. Ansonsten könne man eher wenig für sie tun. „Bei den meisten ist schon klar, ob es Anschlussverträge gibt.“ Alternativen zur Arbeitslosigkeit, etwa Nachhilfe oder Ferienbetreuung, seien rar. Julia S. ist froh, dass kein Arbeitsvermittler sie zu Bewerbungen aufgefordert hat. Für einen „Ferienjob“ hätte sie keine Zeit gehabt. Jetzt, in der letzten Ferienwoche, ist sie schon ganztägig in der Schule, etwa weil eine Gesamtlehrerkonferenz abgehalten wird. „Das wird erwartet“, sagt sie. „Würde ich sagen, ich komme erst zum 10.9., wäre ich nicht mehr an dieser Schule, glaube ich.“

Aufgrund ihrer fehlenden Lehrerausbildung wagt sie kaum an eine Festanstellung zu denken. Aber einen zaghaften Wunsch hat sie: „Mindestens die letzte Ferienwoche, wo Pflichttermine sind, müsste auch in einem befristeten Arbeitsvertrag dabei sein.“

 

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