Vertreter des Landkreises Ravensburg unterschreiben „Charta für Sterbende“

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Reges Interesse: Die Gäste im Medienhaus beim Studium der „Charta für Sterbende“.
Reges Interesse: Die Gäste im Medienhaus beim Studium der „Charta für Sterbende“. (Foto: Elke Obser)
Crossmediale Volontärin

„Jeder Mensch hat ein Recht auf Sterben unter würdigen Bedingungen“ – so lautet der erste Leitsatz der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland. Bei einer Veranstaltung der „Schwäbischen Zeitung“ in Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung Ravensburg, dem Katholischen Dekanat Allgäu-Oberschwaben und den Hospizen haben am Dienstagabend mehr als 40 Vertreter des Landkreises die Charta unterschrieben.

„Wir tun immer so, als ob es uns nichts angeht. Aber nichts ist sicherer, als dass wir sterben werden“, sagte Susanne Kränzle, Vorsitzende des Hospiz- und Palliativverbandes Baden-Württemberg. Eine oft verdrängte Gewissheit, die sie den rund 100 anwesenden Gästen an diesem Abend vor Augen führen will. Denn genau das ist es, worauf auch die „Charta für Sterbende“ seit der Veröffentlichung im Jahr 2010 abzielt.

Mit den in fünf Leitsätzen formulierten Aufgaben und Zielen rückt sie Menschen in den Mittelpunkt, die wegen einer schlimmen Erkrankung sterben müssen. Mithilfe der Charta soll der Diskurs über das Thema Tod und Sterben angeregt werden und ein flächendeckendes Netzwerk zwischen Politik, Gesundheitswesen und Bildungseinrichtungen entstehen. In der Praxis heißt das: Alle schwerstkranken und sterbenden Menschen sollen Zugang zu einem angemessenen palliativen Versorgungsangebot erhalten – egal ob sie einen Migrationshintergrund haben, wohnungslos, dement oder minderjährig sind und im Krankenhaus, Pflegeheim oder zu Hause im Sterben liegen. Bislang haben rund 2000 Institutionen und 24 000 Einzelpersonen die Charta unterzeichnet, „und heute kommen noch ein paar mehr dazu“, sagte Kränzle.

Unterschreiben allein reicht nicht aus

Mit den Unterschriften allein ist es allerdings nicht getan. In der Expertenrunde im Anschluss an Kränzles Vortrag zeigte sich, dass in einigen Bereichen Handlungsbedarf besteht. So darf sich der Landkreis laut der Ravensburger Sozialdezernentin Diana Raedler trotz einer hohen Dichte an ambulanten und stationären Hospizdiensten nicht auf dem Status quo ausruhen. Bestehende Strukturen müssten weiter ausgebaut werden. „Wichtig ist natürlich, nicht nur die Charta zu unterschreiben, sondern auch darüber zu berichten“, sagte Doktor Wolfgang Hänisch, Leitender Arzt für Allgemeine Innere Medizin und Intensivmedizin am Krankenhaus 14 Nothelfer in Weingarten und Vorstandsmitglied der Kreisärzteschaft. Geht es nach Hänisch, sollten die Leute über das bereits vorhandene Netzwerk informiert werden und einen Überblick erhalten, welche Wünsche für sie am Lebensende umsetzbar sind. Gerhard Schiele, ehemaliger Geschäftsführer der Stiftung Liebenau, bereiten die kommenden zehn bis zwanzig Jahre Sorge, wenn die geburtenstarken Jahrgänge ins pflegebedürf- tige Alter kommen. „Die Situation in der Versorgung von Pflegebedürftigen ist prekär“, sagte Schiele. Er sehe bislang keinen Weg, wie das einheitlich gestemmt werden könnte. Bernhard Preusche von der Stabsstelle Ethik der Stiftung Liebenau forderte einen stärkeren Diskurs zum Thema Eigen- und Fremdverantwortung.

Ein Kreis schließt sich

Für die „Schwäbische Zeitung“ hat sich mit dieser Veranstaltung im eigenen Haus ein Kreis geschlossen. Denn für ihre Multimediaserie „Menschenwürdig leben bis zuletzt“ erhielt die Regionalzeitung 2016 den Katholischen Medienpreis der Deutschen Bischofskonferenz. Im Dezember 2015 erschienen mehr als 40 Beiträge im Mantelteil und in den Lokalausgaben, im Fernsehen und online. In Zusammenarbeit mit dem Caritasverband der Diözese Rottenburg/Stuttgart verschaffte die „Schwäbische Zeitung“ so den Themen Krankheit, Sterben und Tod erhöhte Aufmerksamkeit und schuf eine Grundlage für den öffentlichen Diskurs in der Region. „Wir waren der Meinung, dass man dieses Thema dem Leser nicht nur zumuten kann, sondern dass es im Tiefsten auch ein positives Thema war. Die ganze Reportage hat, glaube ich, auch Hoffnung gemacht“, sagte Chefredakteur Hendrik Groth. Begleitend zur Berichterstattung rief die Zeitung zu einer Weihnachtsspendenaktion auf. Die Leserinnen und Leser spendeten knapp 180 000 Euro für Hospize und Hospizgruppen und trugen so dazu bei, den letzten Lebensabschnitt der Betroffenen ein Stück würdevoller zu gestalten.

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