Verkehrskonzept: Bürger reagieren ungeduldig und enttäuscht

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Die Ravensburger Burgstraße ist eng und eine beliebte Abkürzungsstrecke, die viel Verkehr in die Altstadt zieht. Die Obersta (Foto: Felix Kästle)
Schwäbische Zeitung
Günter Peitz

Ungeduld war bei der Bürgerinformation der Stadt Ravensburg zum künftigen Verkehrskonzept für die Oberstadt spürbar, Ungeduld und Enttäuschung, weil die Stadtverwaltung in der SZ angekündigt hatte, erste Überlegungen für ein von der Agendagruppe Oberstadt immer nachdrücklicher gefordertes neues Verkehrsberuhigungskonzept für diesen Stadtteil beim Bürgergespräch im Schwörsaal zu präsentieren - was dann nicht geschah.

Vielmehr, so stellte Baudezernent Dirk Bastian klar, gehe es an diesem Donnerstagabend lediglich darum, die Ergebnisse der von der Verwaltung in Auftrag gegebenen Verkehrs-Analysen und Befragungen vorzustellen, aber auch Wünsche und Anregungen der Bürger zu sammeln. Erst im Juni oder Juli, nach einer weiteren Gesprächsrunde mit Unternehmern der Oberstadt und einem Workshop mit dem Gemeinderat hofft Bastian dem Ausschuss für Umwelt und Technik und schließlich dem Stadtparlament einen Verwaltungsvorschlag, eventuell auch mit Alternativen, zur Entscheidung vorlegen zu können. Wobei sich der Baudezernent und seine Mitarbeiter darüber klar sind, dass sie bei dem Bemühen, als Vermittler zwischen den verschiedenen Interessengruppen (Wifo, Agendagruppe, Bürgerforum) eine allseits akzeptierte Lösung zu finden, unter erheblichem Zeitdruck stehen. Denn 2015 und 2016 soll der Gespinstmarkt umgestaltet werden, wahrscheinlich mit Auswirkungen auf die gesamte Oberstadt. Voraussetzung dafür ist ein Verkehrskonzept für den Stadtteil.

Stadt: Verkehr wird weniger

Im ersten Teil des Abends, der sachlich, wenngleich nicht ohne Emotionen verlief, erläuterte Verkehrsplaner Timo Nordmann vom Tiefbauamt mit einer durch besagte Analysen und Befragungen gewonnenen Fülle von Zahlen, dass im Unterschied zur Gesamtstadt, wo die Verkehrsbelastung eindeutig gestiegen ist, in der Oberstadt von 2006 bis 2013 ein deutlicher Rückgang des Verkehrs um 28 Prozent eingetreten sei, in der Kirchstraße durch deren Ausbau, den Wegfall von zwei Dritteln der Parkplätze sogar um 31 Prozent. Die naheliegende Frage, ob und inwieweit sich das auf den Umsatz der Geschäfte ausgewirkt hat, beantwortete die Sprecherin der „Engel“-Apotheke für diese eindeutig: „20 Prozent Umsatzverlust!“ Eine Umfrage, die allerdings nach Ansicht von Verkehrsplaner Nordmann mit Vorsicht zu genießen ist, ergab, dass 70 Prozent der Befragten der Oberstadt als Kunden des Einzelhandels, Besucher der Gastronomie und der Museen auch dann noch die Treue halten würden, wenn von den derzeit noch 85 öffentlichen Parkplätzen in der Oberstadt die Hälfte wegfiele, um den belastenden Parksuchverkehr zu reduzieren. Die Marienplatz-Tiefgarage würde dann stärker genutzt werden, sagte Nordmann, die Gastronomie allerdings sieben Prozent ihrer Gäste verlieren. Eine Sperrung der Marktstraße würde acht Prozent der Autofahrer veranlassen, nicht mehr in die Oberstadt hinein zu fahren, eine nächtliche Zufahrts-Beschränkung der Oberstadt eine Entlastung um 100 bis 200 Kraftfahrzeuge in acht Stunden bescheren. Wilfried Krauss (Bürger für Ravensburg), der sich am Schluss der Veranstaltung als einziger der anwesenden Stadträte kurz zu Wort meldete, forderte eine Nachtsperrung der gesamten Altstadt ab 20 Uhr. „Das funktioniert doch schon in anderen Städten.“ Außerdem plädierte er unter anderem nachdrücklich für die Nachtöffnung der Tiefgarage Gänsbühl.

Ein Anliegen nicht weniger Mitbürger ist es offensichtlich, die Ampelschaltung so zu optimieren, dass es für Autofahrer, die aus Richtung Süden kommen und in Richtung Wangen weiterfahren wollen oder aber in der umgekehrten Richtung, attraktiver ist, um die Altstadt herum zu fahren als sich durch die Burgstraße zu quälen. Da müsse bereits „beim Rundel“ angesetzt werden, auch durch andere den Verkehr lenkende Maßnahmen, forderte ein Redner und regte außerdem an, die Burgstraße versuchsweise bergauf für sechs Monate zu sperren.

Klagen über Lastwagen

Als unerträglich wird in großen Teilen der Bürgerschaft offenkundig die enorme Verkehrsbelastung der Wangener Straße/Wilhelmstraße/Leonhardstraße durch den stark angeschwollenen LKW-Verkehr auf diesem Autobahnzubringer empfunden. Durch andere Ampelschaltung hier den oft stehenden Verkehr zu beschleunigen, das stößt laut Verkehrsplaner Nordmann aber ebenso an technische Kapazitätsgrenzen wie etwa der Vorschlag, einen Kreisverkehr auf dem Frauentorplatz einzurichten, der aber nur maximal 24 000 Fahrzeuge pro Tag verkraften würde, ganz abgesehen von dem großen Platzbedarf. Tatsächlich sind es aber schon in der Wilhelmstraße 30 000 Fahrzeuge täglich (Burgstraße 8000).

Dass Bestrebungen, die Burgstraße ganz oder teilweise für den rollenden Verkehr dicht zu machen, durchaus nicht nur auf Gegenliebe stoßen, bewies die Wortmeldung eines Mitbürgers: „Dann fahren noch mehr auf der (ohnehin extrem belasteten) Wilhelmstraße.“ Fazit: Jeder den Verkehr mindernde beziehungsweise beruhigende Eingriff will wohl abgewogen sein, denn er wirkt sich an anderer Stelle in Form von Mehrbelastung aus. Das Stichwort für ein Projekt, das die Lösung vieler Probleme brächte, fiel übrigens an diesem Abend überhaupt nicht: Molldietetunnel.

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