Vaude-Chefin vereint Geschäftssinn mit prophetischer Weitsicht

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Stadtwerke-Leiter Andreas Thiel-Böhm und Vaude-Chefin Antje von Dewitz kamen im Haus der Kirche mit einander ins Gespräch.
Stadtwerke-Leiter Andreas Thiel-Böhm und Vaude-Chefin Antje von Dewitz kamen im Haus der Kirche mit einander ins Gespräch. (Foto: Maria Anna Blöchinger)
Maria Anna Blöchinger

„Gemeinwohlorientiertes Wirtschaften – ein Gewinn für alle“ hat das Thema der Geschäftsführerin des Tettnanger Familienbetriebs Vaude gelautet: Am Sonntagnachmittag wechselt Antje von Dewitz in der Liebfrauenkirche zwischen wirtschaftlicher und persönlicher Perspektive, erzählt von ihrem Einsatz für eine lebenswerte Welt und der Angst als Spinner zu gelten.

Wenn eine sportliche, selbstbewusste Firmenleiterin, in der immer noch unübersehbar von Männern beherrschten Kirche auftritt, macht sich Spannung breit. Antje von Dewitz setzte sich erst mal zu den Besuchern in die erste Bank. Die Chorgemeinschaft Grünkraut unter Leitung von Ulrich Niedermaier sang „Lieder der Hoffnung, Lieder der Klage“. Pastoralreferent Michael Schindler staunte, wie viele Gäste zu der Fastenpredigt gekommen waren. Für die protestantisch aufgewachsene Antje von Dewitz war es nicht die erste Kirchenkanzel, aber doch die erste katholische. Zweimal hatte sie schon in einer evangelischen Kirche ihren Standpunkt vertreten. „Ich freue mich, da zu sein!“ antwortete sie auf den Begrüßungsapplaus.

„Die Textilbranche ist eine der schmutzigsten“, führte die Geschäftsführerin des Outdoor-Ausrüsters in ihr Thema ein. Detailliert schilderte sie, wie umweltschädlich und menschenverachtend die Produktion in der Regel ist. Und der Verbrauch habe sich seit dem Jahr 2000 verdoppelt! Aufgewachsen in Obereisenbach, einem Dorf bei Tettnang, sei sie schon als Kind für diese Probleme sensibilisiert worden, erzählte sie von sich selbst. Früh sei in ihr der Wunsch wach geworden, es einmal wirklich gut zu machen. Nachlesen kann man, dass ihr Vater im Jahr 1974 die Firma für Bergsportausrüstung Vaude gegründet hat. Im Jahr 2005 promovierte Antje von Dewitz an der Universität Hohenheim über „Die Gestaltung eines leistungsstarken Arbeitsverhältnisses durch Talent Relationship Management“. Sie wurde unter anderem 2017 mit den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Als sie im Jahr 2009 die Geschäftsführung von Vaude übernahm, hatte sie schon vier Kinder, erwähnte Antje von Dewitz am Verkündigungspult der Kirche. Auch für ihre Kinder habe sie zu einer lebenswerten Welt beitragen wollen, bekannte sie und musste eine Träne verdrücken. Als mittelständisches Familienunternehmen seien sie ein eher kleiner Mitspieler auf dem Markt, bemerkte sie. „Es hat unendlich viel Aufwand gekostet, die Lieferkette so umzukrempeln, dass Qualitätsstandards nachprüfbar eingehalten werden“, berichtete sie. 94 Prozent der von Vaude produzierten Bekleidung sei nun grün-ökologisch. Die Produktion sei zwar der schwierigste Bereich des Betriebs, wichtig sei aber auch, dass Mitarbeiter auf Augenhöhe um gute Lösungen mitkämpften. Es brauche Herz, Seele und Verstand, betonte die Unternehmerin. Rücksichtnahme auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, eine Biokantine machten unter anderem deutlich, dass ökologische Qualität Lebensfreude bedeute.

„Gottseidank!“ sagte Antje von Dewitz und schaute dabei nach oben, „hat sich in den letzten fünf Jahren die Nachhaltigkeit als Innovationstreiber erwiesen.“ Vaude sei überdurchschnittlich gewachsen und eine Marke des Vertrauens geworden. Dass nicht mehr Unternehmen diesen Erfolgsweg gingen, liege an unserem Wirtschaftssystem. Das System erfordere nicht, dem Gemeinwohl zu dienen, nicht nur dem Profit. Wieder wechselte Antje von Dewitz von der ökonomischen zur persönlichen Sicht und erinnert sich: „Am Anfang hatte ich Angst, als Spinner zu gelten, keinen Erfolg zu haben.“ Einer der durchaus kritischen Mitarbeiter habe ihr nach zwei Jahren gesagt: „Weisch was, ich bin auch ein bisschen grün!“ Keiner sei gegen eine lebenswerte Welt, schloss sie. „Ich habe gedacht, hier steht eine Prophetin“, sagte Michael Schindler, ehe er zum gemeinsamen Vaterunser und Segen überging. Beim Austausch im „Haus der katholischen Kirche“ dankte eine Zuhörerin der Unternehmerin für ihre authentische Predigt.

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