„Unter Boxern besteht ein hohes freundschaftliches Verhältnis“

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Boxtrainer Jürgen Hauser (Foto: pr)
Schwäbische Zeitung

Jürgen Hauser, Chef von Champ Boxing Ravensburg, ist es gelungen, die Internationalen baden-württembergischen Jugend Meisterschaften im olympischen Boxen nach Ravensburg zu holen. Keine Kleinigkeit, finden solch hochklassige Veranstaltungen sonst doch fast ausnahmslos in der Sportschule des Landessportbundes in Ruit statt. Hauser will den Ravensburgern am Wochenende Spitzensport zeigen und zugleich für das Boxen mit einem fast gesamtheitlichen Ansatz werben. Und der ehemalige erfolgreiche Amateurkämpfer möchte ein Zeichen setzen: für Toleranz, Respekt und Zivilcourage. Die SZ hat mit dem Box-Enthusiasten gesprochen.

SZ: Herr Hauser, die Einnahmen der Veranstaltung gehen zum Großteil an den Verein „I am Jonny“. Jonny war der junge Mann, der auf dem Alexanderplatz in Berlin totgeprügelt wurde. Was ist Ihre Motivation für die Unterstützung gerade dieser Initiative?

Jürgen Hauser: Der Haupttäter war Amateurboxer, dieser Aspekt ist natürlich in der Öffentlichkeit sehr stark wahrgenommen worden. Da werden dann schnell alle Klischees und Vorurteile bedient. Ich will zeigen, dass die große Mehrzahl aller Boxer genau das Gegenteil ist. Das friedliche Miteinander zu fördern, ist das Ziel des Vereins, der von Jonnys Schwester Tina gegründet worden ist. Das ist exakt auch der Anspruch, den ich mit dem Champ in Ravensburg verfolge. Wir stehen für Toleranz, Respekt und Zivilcourage. Dass sich der schreckliche Vorfall von Berlin gerade am Wochenende der Meisterschaft jährt, ist ein weiterer direkter Bezug.

Ausgerechnet Boxer als Botschafter eines friedlichen Miteinanders?

Ja, unbedingt. Kaum ein Sportler ist besser geeignet dafür. Unter Boxern besteht ein hohes freundschaftliches Verhältnis. Man hat Respekt vor dem Gegner, auch Empathie, weil man weiß, was er geleistet hat, um sich dieser ganz speziellen Herausforderung zu stellen. Es gibt genügend wissenschaftliche Untersuchungen darüber, wie positiv sich das Boxen auf die Persönlichkeitsbildung auswirkt und wie gut es sich zur Gewaltprävention eignet. Es ist kein Zufall, dass viele Boxclubs sich in diesem Bereich so stark engagieren. Der Täter von Berlin war meiner Meinung nach nicht Schläger, weil er Boxer war, sondern obwohl er Boxer war. Das soll natürlich nicht die schlechten Beispiele ignorieren, die es auch in dieser Sportart vereinzelt gibt.

In Ravensburg sehen wir Jugendmeisterschaften. Ist Boxen für Kinder und Jugendliche geeignet?

Ganz eindeutig, ja. Kinder lernen hier, ein Grundbedürfnis nach festen Regeln auszuleben, Gefühle in Bahnen zu lenken. Ich bin angesichts der steigenden Gewalt in der Gesellschaft sogar sicher, dass nur fachkundig angeleiteter Kampfsport in frühen Jahren diese Entwicklung stoppen kann.

Das würde für Boxunterricht auch an Schulen sprechen.

Dafür trete ich seit Jahren ein. Ich freue mich, dass die Kinderstiftung im Bodenseeraum jetzt Lehrer und Jugendarbeiter bei mir ausbilden lässt. Boxen bietet Kindern und Jugendlichen ein ausgewogenes und abwechslungsreiches Training, es fordert heraus und, das beobachte ich immer wieder, es packt die Kids sofort. Man muss sie zu nichts zwingen. Jeder kann auf seinem Level und angstfrei trainieren – im Leichtkontakt beispielsweise oder beim reinen Fitnessboxen. Und es wird niemand ausgegrenzt. Hier gibt es keinen, der als Letzter in eine Mannschaft gewählt wird. Voraussetzung aber sind gut ausgebildete Lehrer und Trainer. Man legt ein Programm nach dem anderen auf, um Kindern Sport nahezubringen, vergisst aber dabei häufig die, die mit ihnen arbeiten sollen.

Boxen hat sich auch bei Erwachsenen als Fitnesssport etabliert. Gilt das auch für das Champ?

Ja, da kommt täglich ein buntes Völkchen von Menschen zusammen, die man nie mit Boxen in Verbindung bringen würde. Die Leute schätzen die Effekte auf Körper, Geist und Persönlichkeit. Wir leben zudem die Inklusion, bei uns boxen Menschen mit Down-Syndrom und Gehörlose gemeinsam mit allen anderen.

Der Wettkampf aber bleibt eine eigene Welt…

Ja, das stimmt. Es wird auch am Wochenende blutige Nasen geben, das gehört dazu. Ich will auch niemanden bekehren, nur überzeugen. Wichtig ist, auf den Unterschied zwischen dem im Fernsehen inszenierten Profiboxen und dem olympischen Amateurkampf aufmerksam zu machen.

Ist alles bereit für die Meisterschaft?

Ja, nur Ringärzte suchen wir noch dringend. Ohne die geht es einfach nicht.

Die Meisterschaften finden vom 11.bis 13. Oktober in der Kuppelnau-Sporthalle statt. Am Freitag werden ab 15 Uhr die Viertelfinals ausgetragen. Am Samstag ist ab 15 Uhr das Halbfinale angesetzt. Die Finals werden am Sonntag ab 10 und ab 15 Uhr ausgeboxt.

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