„Unsere Denkmäler sind Schlüssel zur Geschichte“

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Bronzene Buchrücken im Bonner Pflaster sollen der Bücherverbrennung ein Denkmal setzen. Die Künstler Andreas Knitz (rechts) und (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

Vor 80 Jahren, am 10 Mai 1933, brannten in deutschen Städten Bücher. Vor allem in Universitätsstädten, wo Studenten Erich Kästner und Erich Maria Remarque, Bertha von Suttner und Kurt Tucholsky herbeischleppten und Akademiker, Professoren jubelten, als „deutscher Ungeist den Flammen übergeben“ wurde. So auch in Bonn.

Dort wird zu diesem Jahrestag ein Denkmal von Andreas Knitz aus Berg und Horst Hoheisel aus Kassel eröffnet. In Weißenau schufen die beiden die „Grauen Busse“ zur Erinnerung an die Euthanasie-Verbrechen. Wolfram Frommlet sprach mit Andreas Knitz in Berg über die „Lese-Zeichen“ in Bonn und was die Mahnmale dieses Künstler-Duos von anderen unterscheidet.

Auf dem Bonner Marktplatz sind bronzene Buch-Rücken ins Pflaster eingelassen, darauf Titel und Autoren der von den Nazis verbrannten Bücher. Vor der Rathaus-Treppe, wo sie in Flammen aufgingen, in den Boden eingelassen ein wetterfester Metallbehälter, gefüllt mit Büchern Verbrannter Dichter. Eine Art Archiv, das an jedem 10. Mai künftig geöffnet werden kann, die Bücher können heraus genommen, öffentlich gelesen und anschließend an das Publikum verschenkt werden. Vor Andreas Knitz liegt der riesige Schlüssel für das stählerne Archiv. „Wir begreifen unsere Denkmale nicht als erstarrte Erinnerung, mit der ästhetischen Keule, ‚ihr müsst euch schuldig fühlen’, sondern als Schlüssel zur Geschichte“, sagt der Berger Künstler. Auf dem verschlossenen Archiv liegt eine Bronzeplatte, mit den Namen der Verbrannten Dichter. Mit diesem Schlüssel kann man das Archiv öffnen, darin suchen, etwas entnehmen und etwas finden. Und man kann das Archiv wieder füllen. „Das funktioniert nur, wenn das Denkmal lebt, wenn Menschen wollen, dass es geöffnet wird“, sagt Knitz.

Kartons mit verbrannten Autoren

In Knitz’ Haus in Berg: Bücher-Kartons mit Autoren, die 1933 in Bonn verbrannt wurden. Am 10. Mai wird er sie in den metallenen „Schrein“ legen. Angenommen, am nächsten 10. Mai versammeln sich Menschen auf dem Bonner Marktplatz, das Archiv wird geöffnet, die Verbrannten Dichter werden gelesen und verschenkt – wer wird das Archiv wieder füllen? „Die Lese-Zeichen sind kein Denkmal der Stadt Bonn. Es ist aus einer breiten Initiative entstanden und fast ausschließlich aus privaten Spenden finanziert“, erklärt Knitz. Der Druck sei von außen gekommen, sie habe nicht nachgegeben, bis nach 20 Sitzungen der Stadtrat zustimmte. Und deshalb müsse auch das Verschenken, das öffentliche Lesen und das Auffüllen des Archivs mit Büchern aus der Öffentlichkeit kommen, „von der Studentenschaft zum Beispiel, die ja 1933 die Bücher anschleppte.“

Was Knitz / Hoheisel in ihren vielen Mahnmalen an „ungeliebte Geschichte“ nicht vergessen lassen wollen, die Ereignisse, die „in Fußnoten vorkommen und keine Lobby haben“, ist eine Haltung, mit der gemahnt und erinnert werden soll. Es sind weniger Mahn- als Denk-Male. Jeder soll selbst seine Gedanken zu einem historischen Ereignis finden können. Also auch, am Beispiel Bücherverbrennung, den Bezug zu Heute herstellen. Über Deutschland hinaus, also wo wir die Freiheit haben, jedes Buch zu bestellen und zu lesen? In die erschreckend vielen Länder, in denen Autoren, Journalisten, Künstler verfolgt, zensiert, oft ermordet werden? „Das ist mitgedacht“, sagt Knitz, „das wird mit Sicherheit kommen. Diese Lese-Zeichen sind ja sehr kleinteilig.“ Bei jedem Buchrücken könne man kleine Eingebungen bekommen. So könne man, auch über die öffentlichen Lesungen und Gespräche, auch in der Geschichte zurück gehen und sich fragen, „wann fing die Verfolgung von Literatur, von Gedanken an, und wer bestimmt, was Kultur ist?“

Andreas Knitz und Horst Hoheisel verstehen ihre Arbeiten als interaktiv. Erinnerung soll lebendig werden. Bonn sei kein „Abhak-Denkmal“, sondern offen für jede Interpretation, es soll auffordern, selbst zu denken, wie es auch die die „Grauen Busse“ in bislang einmaliger Form geschafft haben.

„Wir haben das erste mobile Denkmal der Kunstgeschichte geschaffen. Es gab nie eines, das gewandert ist.“ Die 18 Tonnen schweren Busse hätten inzwischen 3500 Kilometer an elf Orte zurückgelegt. Nächstes Jahr werden sie in Polen sein.

„Sie kommen und gehen und die Menschen fragen sich, warum waren sie hier, warum sind sie wieder weg?“

Wolfram Frommlet plant heute, zur Erinnerung an die Bücherverbrennung vor achtzig Jahren, von 12 bis 13 Uhr am Brunnen hinter dem Rathaus in Ravensburg aus Werken verfolgter Dichter zu lesen.

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