Tornado in Baden-Württemberg - Eine zunehmende Gefahr auch für die Region?

Sturm weht Dach von Materialhalle
06.08.2022, Baden-Württemberg, Bad Wurzach: Die Überreste einer Lagerhalle stehen im Ortsteil Rohr. Bei einem Sturm wurde das Dach von der Materialhalle weggefegt. Es befindet sich nun 300 Meter von dem Gebäude entfernt, (Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa)

Ein heftiger Sturm, den man zunächst für einen Tornado hielt, hat in der Nacht von Freitag auf Samstag bei Bad Wurzach das Örtchen Rohr getroffen. Dabei entstand teils erheblicher Sachschaden an Gebäuden und Autos. Aber sind Tornados nur Einzelfälle, oder muss man sich auch in der Region auf dieses zerstörerische Wetterphänomen einstellen. Schwäbische.de ist dieser Frage nachgegangen. 

HINWEIS: Dieser Artikel erschien erstmals im Mai auf Schwäbische.de. Wir spielen ihn aus aktuellem Anlass wegen des Tornados in Bad Wurzach nun erneut aus.

Schwäbische.de hat mit Roland Roth, Leiter der Wetterwarte Süd, und Andreas Friedrich, Tornado-Experte vom Deutschen Wetterdienst (DWD), genau darüber gesprochen.

Was ist eigentlich ein Tornado?

Andreas Friedrich vom DWD bezeichnet Tornados als „ein ganz kleines Wetterphänomen“, das nur kurzzeitig auftritt. Sie lassen sich als Windwirbel beschreiben, die sich um eine senkrechte Achse drehen und von einer Gewitterwolke bis zum Boden reichen. Vorstufen von Tornados reichen nicht bis zum Boden. „Wolkenrüssel verschwinden manchmal auch wieder“, sagt Friedrich.

Wie entsteht ein Tornado?

Damit ein Tornado entstehen kann, müssen in der Atmosphäre viele Faktoren zusammenkommen, erklärt Friedrich. Zum einen muss es eine Gewitter- oder zumindest Schauerwolke geben, die sich maximal ein Kilometer über dem Boden befindet.

Die Luft darunter muss feucht und warm sein und nach oben aufsteigen, wo sie dann auf kalte Luft trifft, die nach unten fällt. Eine wichtige Voraussetzung, damit ein Tornado entstehen kann, ist zudem die sogenannte „Windscherung“.

Damit bezeichnen Experten das Phänomen, dass die warmen Luftströme, die vom Boden nach oben aufsteigen, eine andere Geschwindigkeit und Drehrichtung haben, als die Luftströme in der Höhe. Dadurch beginnen die Winde sich zu drehen und der Tornado kann entstehen.

Wie hoch ist das Risiko für Tornados in der Region?

Auch in und um Oberschwaben gibt es immer wieder Tornados, sagt Wetterexperte Roland Roth, wenn auch lange nicht so häufig wie zum Beispiel im Mittleren Westen der USA. Allerdings zeigen immer wieder Fälle wie nun mit dem Tornado in Bad Wurzach, dass man auch in der Region auf dieses Wetterextrem vorbereitet sein sollte.

In Südwestdeutschland treten Tornados häufig als Wasserhosen über dem Bodensee auf. Das passiere vor allem am Ende des Hochsommers, wenn das Seewasser noch hohe Temperaturen hat, die Luft aber bereits wieder kühler ist. „Das ist nichts Ungewöhnliches“, betont Roth.

Auch über dem Land kann es bei uns Tornados geben. So fegte vor vielen Jahren einmal einer über den Campingplatz in Gohren bei Kressbronn, erinnert sich Roth, und 2016 gab es einen Tornado in Reute.

Wie gefährlich ist ein Tornado?

„Ein Tornado ist immer lebensgefährlich“, sagt Andreas Friedrich. Wie bei Erdbeben, kann ihre Stärke auf einer Skala eingeordnet werden, der sogenannten Fujita-Skala. Diese reicht von F0 für die schwächsten Tornados bis zu F5, manchmal F6.

Bereits F0 Tornados erreichen Windstärken von über 120 Kilometern pro Stunde und damit Orkanstärke. Bei ihnen liegt das Risiko besonders in herumfliegenden Trümmerteilen. F5 Tornados, mit Windstärken von 500 Kilometern pro Stunde und mehr, können sogar ganze Lkw in die Luft reißen.

Gibt es Tornado-Warnsysteme?

Der DWD kann immer nur sehr kurzfristig vor Tornados warnen, erklärt Friedrich, da Tornados kleine Phänomene sind und auch der Wetterdienst auf Augenzeugen angewiesen ist. Das heißt, Warnungen auf ihrer Webseite oder in der App gibt es meist nur Minuten im Voraus, sollten dann aber sehr ernst genommen werden.

Bereits früher können jedoch Warnungen ausgesprochen werden, dass es in einer groben Region möglicherweise zu Tornados kommen kann. Roland Roth rät außerdem: „Einfach mal wieder selbst in den Himmel schauen“, da könne man das aktuelle Wetter immer besser abschätzen, als beim Blick auf den Handy-Bildschirm.

Was kann ich tun, wenn ein Tornado aufzieht?

Andreas Friedrich rät, bei einem Tornado wenn möglich in den Keller zu gehen, oder, wenn man keinen Keller hat, in einen innenliegenden Raum im Erdgeschoss. Rollläden, Garagentore oder selbst Autos könnten einen hingegen nicht schützen.

Wenn man unterwegs ist, kann man versuchen, dem Windrüssel davonzufahren, denn der bewege sich nur mit 20 bis 60 Kilometern pro Stunde fort. Allerdings ist diese Bewegung unvorhersehbar, sagt Roth. Deswegen sollte man den Tornado in einem solchen Fall nie aus den Augen lassen.

Auf keinen Fall sollte man sich in die Nähe von oder gar direkt unter Bäume stellen. Friedrich rät, im Zweifelsfalle solle man sich eine Senke auf dem freien Feld suchen und sich mit dem Gesicht nach unten hineinlegen. Roth sagt, auch unter einer massiven Autobrücke kann man draußen etwas Schutz finden.

Steigt das Risiko von Tornados in Baden-Württemberg?

Es werden heute mehr Tornados dokumentiert als früher, erklärt Roland Roth, doch das heiße nicht, dass es auch mehr Tornados gibt.

„Solange keine Menschen oder Häuser zu Schaden kamen, hat man das früher gar nicht dokumentiert“, sagt er. „Heute ist es so, dass alles dokumentiert wird.“ Dass Tornados in Zeiten des Klimawandels häufiger auftreten, lasse sich aber nicht eindeutig nachweisen.

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