Spannende Zeitreise ins Ravensburg des Henggi Humpis

Lesedauer: 6 Min
 Henggi Humpis vor seinem Wohnhaus in der Markstraße (heute Museum), wo der 90-minütige Rundgang mit dem Schauspieler Bernd Weng
Henggi Humpis vor seinem Wohnhaus in der Markstraße (heute Museum), wo der 90-minütige Rundgang mit dem Schauspieler Bernd Wengert, der beim Straßentheater in dessen Rolle schlüpft, beginnt und endet. (Foto: Günter Peitz)
Günter Peitz

Wie bitte? Die Stadt Ravensburg mit gerade einmal gut 50 000 Einwohnern eine Welthandelsmetropole? Tatsächlich, das war sie im 15. Jahrhundert, damals noch sehr viel kleiner. Und das verdankte die Stadt der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft, die als erste gesamteuropäische Wirtschaftsgeschichte schrieb, mitbegründet 1380 von dem Kaufmann, Bürgermeister und Stadtammann Henggi (Hans) Humpis (1345 bis 1429). In seine Rolle schlüpft bei einem neuen Theaterprojekt des Museums Humpisquartier der Konstanzer Schauspieler Bernd Wengert. Bei der Premiere am Sonntag nahm er knapp zwei Dutzend Interessierte mit auf eine ebenso spannende, informative wie vergnügliche Zeitreise zurück ins Ravensburg vor 600 Jahren.

Fernhandel mit Luxusgütern brachte Reichtum ein

Wem es bisher noch nicht klar war, was für ein toller Typ dieser Henggi Humpis war, der hat nach dem 90-minütigen Rundgang zu verschiedenen Brennpunkten in der Altstadt, wo die Humpis Stadtgeschichte geschrieben haben, keinen Zweifel mehr. Und das ist dem Vollblut-Schauspieler Wengert zu verdanken, der eben weit mehr als nur eine Stadtführung bietet. Er lässt den ebenso gottesfürchtigen wie enorm geschäftstüchtigen Fernhandels-Kaufmann, Kommunal- und Regionalpolitiker wieder auferstehen, prächtig gewandet, wie es sich für einen Mann seines Ranges gehört.

Unter seiner Führung verlassen die stadthistorisch Interessierten das Museum, einst Wohnquartier der wohlhabenden Fernhandelsfamilie Humpis, und gelangen in der Marktstraße, von Motorrad-Gedröhn und Luxuskarossen-Fahrern belästigt, zur einstigen Geschäftszentrale der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft („Mohren“), nicht ohne das Wappen von Rudolf Möttelin aus Buchhorn gewürdigt zu haben. Möttelin der Alte war Mitbegründer der Handelsgesellschaft und Kompagnon von Henggi Humpis gewesen, so wie auch der Konstanzer Kaufmann Muntprat. Alle drei Jahre trafen sich die 38 Gesellschafter in der Zentrale in der Marktstraße, um Bilanz zu ziehen. „Da wurde über Summen verhandelt, das können Sie sich nicht vorstellen“, erfahren die Teilnehmer.

Der Fernhandel mit Luxusgütern wie Barchent, Seide, Pelzen, Safran, Rohrzucker, Gewürzen und anderen Kostbarkeiten brachte Reichtum ein. Geldgeschäfte lehnten die frommen Kaufleute ab, die immer um ihr Seelenheil besorgt waren und daher großzügig stifteten. „Sie haben doch für Ihr Ende auch schon vorgesorgt? Verkaufen Sie ihr Haus, stiften Sie, beten Sie. Jeder Tag kann Ihr letzter sein“, nimmt auf dem Rundgang Bernd Wengert das amüsierte Publikum moralisch in die Pflicht.

Das erfährt weiter, dass in der Amtszeit des Henggi Humpis nicht nur der Mehlsack als Wehrturm hochgezogen wurde, um dem Truchseß, der oben auf der Veitsburg saß, Paroli zu bieten, sondern dass der Humpis auch das Kloster gestiftet hat, an dem die Treppe zum Turm hinaufführt. Weitere Stationen sind das Haus Marktstraße 1 (Drogerie Müller), einst Trinkstube der Gesellschaft zum Esel, in der sich die Honorationen der Stadt trafen und die einstige Lateinschule sowie die Grüner-Turm-Straße. Auch dieser Turm entstand zu Lebzeiten von Henggi Humpis.

Juden wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt

Ein Jahr nach seinem Tod, im Juni 1430, wurden die jüdischen Mitbürger, die in der Grüner-Turm-Straße (früher Judengasse mit der Synogoge, wo sich heute ein syrisch-arabisches Restaurant befindet) auf einem Scheiterhaufen an der Schussen verbrannt. Solche Abgründe der Ravensburger Stadtgeschichte, die im Rutenfestzug nicht dargestellt werden, bleiben bei dem Rundgang nicht ausgespart.

Überrascht nimmt man weiter zur Kenntnis, dass Henggi Humpis, dieser Tausendsassa, 15 Jahre lang daran arbeiten ließ, die Schussen zwischen Ravensburg und dem Bodensee schiffbar zu machen. Ein Handelshafen sollte entstehen, dort wo sich heute der Ravensburger Bahnhof befindet. Das Projekt scheiterte am Widerstand nicht zuletzt des Abtes von Weißenau.

Der Rundgang führt schließlich auch in den Kleinen Sitzungssaal des Rathauses, wo die Humpis 77 Amtszeiten lang die Politik der Stadt bestimmten. Henggi war auch regional und überregional politisch-diplomatisch vermittelnd tätig für die oberschwäbischen Reichsstädte und den Bodensee-Städtebund. Kriege galt es zu vermeiden, denn sie schadeten dem Handel. Im Kleinen Ratssaal wurden auch Todesurteile gefällt, denn die Freie Reichsstadt übte die hohe Gerichtsbarkeit aus. Während der Delinquent drunten auf der Straße kniete, wurde über ihn oben, im Erker des Rathauses, vor allem Volk der Stab gebrochen.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen