Sozialdemokrat Kurt Rückstieß wird heute 95

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Konnte aus Protest schon mal die Gemeinderatssitzung verlassen: der Sozialdemokrat Kurt Rückstieß.
Konnte aus Protest schon mal die Gemeinderatssitzung verlassen: der Sozialdemokrat Kurt Rückstieß. (Foto: SZ-Archiv)
Schwäbische Zeitung
Günter Peitz

38 Jahre lang saß er für die SPD im Kreistag, 33 Jahre im Ravensburger Gemeinderat. Vier Jahre lang im Stuttgarter Landtag: Heute wird der gestandene Sozialdemokrat Kurt Rückstieß 95 Jahre alt. Und kann geistig hellwach seinen Geburtstag feiern.

Ob er wohl inzwischen seine Meinung geändert hat? Im Sommer 2013 hatte Kurt Rückstieß, ostpreußisches Urgestein der Ravensburger SPD über Jahrzehnte hinweg, SZ-Mitarbeiter Wolfram Frommlet in einem Interview anvertraut, ihm sei seine Partei, der er seit 1948 angehört, einfach zu brav geworden. Früher habe sie viel härter für die Belange der kleinen Leute gekämpft.

Inzwischen haben die Sozialdemokraten in der Regierung und im Bundestag unter anderem den Mindestlohn durchgesetzt, stecken aber nach wie vor im Umfragetief. Wie man Kurt Rückstieß kennt, bedrückt ihn das, sollte an seinem heutigen Ehrentag die Stimmung nicht trüben.

Poltern gehörte dazu

Geistig hellwach, verfolgt Rückstieß nach wie vor das politische Geschehen, auch wenn die Augen nicht mehr so recht wollen. Er lebt in seiner betreuten Wohnung beim Bruderhaus noch weitgehend selbstständig, freilich angewiesen auf den Rollstuhl und sein kleines Elektromobil, das ihm sogar noch Fahrten in die Ravensburger Innenstadt erlaubt.

Seit ihm aufgrund einer schweren Verwundung im Krieg ein Oberschenkel amputiert werden musste, kannte man den temperamentvollen Kommunalpolitiker nur als Mann, der am Stock ging. Rückstieß konnte zwar auch mal kräftig poltern und mit der Faust auf den Tisch hauen, wurde aber nie persönlich.

Viele Jahre war Kurt Rückstieß Vorsitzender des SPD-Ortsvereins. Nach Karl Müller saß er von 1964 bis 1968 als zweiter Sozialdemokrat aus Ravensburg im Stuttgarter Landtag. Er ist ein erstrangiger Zeitzeuge für die schweren Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Ravensburg und die Jahrzehnte des Wiederaufbaus und steckt voller Anekdoten aus der Zeit der beiden Oberbürgermeister Albert Sauer und Karl Wäschle.

Vertrieben aus Ostpreußen, wurde die Linderung der heute kaum noch vorstellbaren großen Wohnungsnot der Vertriebenen und Flüchtlinge damals rasch zu einem Hauptthema des gestandenen Sozialdemokraten – Probleme, die durch die gegenwärtige Flüchtlingswelle wieder sehr aktuell sind. Hart legte Rückstieß sich mitunter im Gemeinderat mit den Kollegen von der CDU an, etwa weil diese lediglich Einfachstwohnungen in der Weststadt und im Ummenwinkel bauen ließen. Er scheute sich auch nicht, zusammen mit den anderen SPD-Stadträten aus Protest schon mal die Sitzung zu verlassen. Die Wählerinnen und Wähler in Stadt und Kreis Ravensburg honorierten diese konsequent soziale Politik. Zur Zeit von Kurt Rückstieß schnellte die Zahl der SPD-Gemeinderäte von zwei auf zehn hoch, die der Kreisräte auf zwölf. „Die Roten“, so erinnert sich der Jubilar ohne Bitterkeit, „wurden früher von manchen Kreisen der CDU und der Kirche als von Moskau bezahlte gottlose Brigade im Oberland verteufelt.“ Dabei hatte Kurt Rückstieß Zeit seines Lebens mit den Kommunisten nichts am Hut und grenzte sich entschieden von ihnen ab. Heute wäre es interessant, von ihm zu erfahren, wie er es denn mit der Partei Die Linke hält.

Kampf für die kleinen Leute

So schwer sein Kampf für Gerechtigkeit für die kleinen Leute und sozialen Ausgleich auch war, sosehr er anfangs auch angefeindet wurde – längst ist Kurt Rückstieß anerkannt und geachtet, auch von den politischen Gegnern von einst. Und so fehlt es nicht an Ehrungen und Auszeichnungen. Das schönste Geburtstagsgeschenk wäre für ihn aber wohl, wenn „seine“ SPD in der Wählergunst wieder vorrücken würde.

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