Solcher Nordwind gefällt auch Schwaben

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Ein ungewöhnliches Konzert in Ravensburg gab das Boreas Quartett.
Ein ungewöhnliches Konzert in Ravensburg gab das Boreas Quartett. (Foto: privat)
Anton Wassermann

Nach dem altgermanischen Gott des Nordwinds benennt sich das in Bremen angesiedelte Boreas Quartett, das am vergangenen Samstag im Festsaal Weißenau Blockflötenmusik aus Renaissance, Barock und Gegenwart präsentierte. Das ungewöhnliche Konzert war ausverkauft, und am Ende gab es nicht nur begeisternden Applaus, sondern fanden auch die beiden CDs des Ensembles reißenden Absatz.

Richtige Nordlichter sind nur Elisabeth Champollion und Luise Manske, während die Geschwister Luise und Georg Fritz (er sprang für die familiär bedingt pausierende Jin-Ju Baek ein) aus Tirol stammen. Doch kennengelernt haben sich alle während des Blockflötenstudiums in Bremen. Dort und an weiteren Studienorten wurden sie nicht nur zu großen Virtuosen ihres Fachs ausgebildet, sondern haben sie auch eine außergewöhnliche Klangkultur und Harmonie des Zusammenspiels entwickelt.

Mit Ausnahme dreier Stücke aus Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“, die den ersten Teil des Konzerts abschlossen, gab es nichts zu hören, was einem breiteren Publikum vertraut gewesen wäre, vielleicht abgesehen von Hans Leo Haßlers Variationen über das Lied „Ich gieng einmal spatieren“. Das Boreas Quartett gehört zu jenen Spezialisten, die aus dem riesigen Fundus verschollener Musik der Renaissance ungeahnte Schätze heben und wieder neu erlebbar machen.

Wie spontan improvisiert

Musikwissenschaft und exzellent ausgebildete zumeist junge Musiker eröffnen dem Publikum den Zugang zu einer Musik und Geisteswelt, die lange Zeit als verstaubt und intellektuell entrückt gegolten hat. In der Wiedergabe durch das junge Boreas Quartett klang sie so frisch, unverbraucht und spannend, als wäre sie einer spontanen Improvisation entsprungen.

Abgesehen davon, dass der Festsaal Weißenau mit seiner besonderen Akustik und seinem architektonischen Flair ein idealer Aufführungsort für solche Delikatessen ist, war dieses Konzert ein brillantes Plädoyer für die Blockflöte mit ihren verschiedenen Registern und Bauformen, mal historisch renaissance und barock, mal modern. Dank vielfältiger Anblastechniken und individueller Phrasierungen reicht sie weit über die Möglichkeiten eines Orgel-Holzregisters hinaus.

Und das macht sie auch für zeitgenössische Komponisten interessant, wie die eindrucksvolle Auswahl an neuer Musik bei diesem Konzert zeigte. Vor allem bei Fulvio Tallis' „Fade control“ aus dem Jahr 1990 und Piet Swerts’ 1999 komponierten Stücken „Theatre of the absurd“ und „Catch phrases“ wurde der laute Klappenmechanismus der viereckig gebauten Groß- und Subbässe effektvoll als Percission-Element eingesetzt.

Ein Raum-Klang-Erlebnis der besonderen Art war die für das Boreas Quartett nach einem gleichnamigen Gedicht geschriebene Komposition „Besorgnis der Sperlinge“ der Deutsch-Iranerin Farzia Fallah. In das mit Glissandi, Vierteltonschritten und Spaltklängen durchsetzte Altflöten-Solo von Julia Fritz mischten sich nach und nach die übrigen auf verschiedene Stellen des Saals verteilten Ensemblemitglieder. Es entwickelten sich spannende Dialoge und emotional hoch aufgeladene Dispute, die alle Zuhörer in ihren Bann schlugen.

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