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Roland Roth spricht schnell. So, als ob er keine Zeit verlieren wolle. So, als wenn er den Klimawandel noch abwenden könnte, wenn er sich nur beeile. Aber der Meteorologe, der die Bad Schussenrieder Wetterwarte Süd leitet, eine Ansammlung von etwa 300 Teilzeitwetterfröschen mit über 200 Messstationen, sagt selbst, das Gegenteil sei der Fall: Der Klimawandel sei im vollen Gange und nichts könne ihn aufhalten.

Roth begann seine Vorträge über den Klimawandel bereits in den 80er-Jahren. „Wenn ich mir anschaue, was ich damals prophezeit habe, dann ist es noch viel schlimmer gekommen, als ich angenommen habe“, sagt Roth. Seine Vorträge seien laut ihm bis ins Jahr 2023 ausgebucht. Wenn er referiert, greift er auf die Daten zurück, die er und seine Kollegen seit 1980 gesammelt haben. Zum Beispiel, dass der Sommer 2015 mit 27 Hitzetagen über 30 Grad der bisher zweitwärmste Sommer seiner Aufzeichnungen war. Und 2003, mit einer Durchschnittstemperatur von über 20 Grad Celsius und 28 Hitzetagen, der wärmste.

Noch schlimmer als gemessen

Diese Temperaturrekorde sind für Roth eindeutig die regionale Ausprägung des globalen Klimawandels. Im Referenzzeitraum der vergangenen 100 Jahre habe die Jahresdurchschnittstemperatur im Einzugsgebiet der „Schwäbischen Zeitung“ zwischen 1,1 Grad auf der Ostalb und 1,5 Grad im Alpenvorland zugenommen. „Aber ich gehe sogar davon aus“, ergänzt Roth, „dass wir uns eigentlich gerade in einer Abkühlungsphase befinden, weshalb man die Differenz zwischen dem Ausgangspunkt damals und der eigentlichen Abkühlung auf die gemessene Erwärmung auch noch draufschlagen müsste.“ Wenn das stimmt, läge die Erwärmung noch dramatischer bei vielleicht sogar 2 Grad oder mehr. Beweisen lässt sich diese Annahme aber kaum.

Früher, da musste Roth eher mit Zahlen und Statistiken argumentieren und den Klimawandel aus abstrakten Werten herauslesen und am Beispiel ferner Länder illustrieren. Das ist mittlerweile anders: Der Klimawandel ist längst zwischen den Alpen, dem Bodensee, dem Hegau und der Ostalb angekommen. Seine Folgen sind sichtbar geworden in unserer Lebenswelt. Gefühlt noch nie so deutlich wie in diesem Jahr, das auf der Rangliste der wärmsten Sommer immerhin auf Platz drei gelandet ist.

Ökosystem passt sich an

Sichtbar wird der Klimawandel in erster Linie in der Natur, deren Ökosysteme sich den steigenden Temperaturen langsam, aber sicher anpassen. Ob das gut für sie ist oder schlecht, darüber macht sie sich keine Gedanken. Eine Wahl hat sie nicht.

Beispielsweise der Wald. Am Mittwoch erst gab Forstminister Peter Hauk (CDU) den aktuellen Waldzustandsbericht heraus. Die Fichte, immerhin die häufigste Baumart im Südwesten, werde zunehmend durch Weißtannen ersetzt. Schuld sei das Klima. Denn Fichten reagierten empfindlich auf Trockenheit, die für Borkenkäfer wiederum geradezu paradiesisch ist. In einigen Jahrzehnten könnten Fichten aus unseren Wäldern verschwunden sein. Ravensburgs Revierförster Wolfram Fürgut bestätigt die Entwicklung: Allein in diesem Jahr habe er bereits 800 Bäume wegen Borkenkäferbefalls aus dem Stadtwald entfernen müssen. Ist ein Baum befallen, ist er verloren.

Weniger für den Wald als für den Menschen gefährlich: die Zecke. Zwar haben wir uns schon seit Langem an sie gewöhnt. Tatsächlich aber zählt auch sie zu den Arten, die aufgrund des Klimawandels einwandern konnten. Überall dort, wo der Winter mild ist, fühlt sie sich wohl – so wie im Südwesten.

Wohl kaum eine Spezies reagiert auf den Klimawandel derweil genauso sensibel und flexibel wie die Zugvögel. Deren Wanderbewegungen können jedenfalls als Seismograph für verschobene Klimazonen herhalten. „Wer im Winter wegfliegt“, sagt Wolfgang Fiedler von der Vogelwarte des Max-Planck-Instituts in Radolfzell, „kommt mittlerweile im Frühjahr früher wieder und bleibt im Herbst länger da.“ Insgesamt werde dem Ornithologen zufolge weniger gewandert: „Das Gesamtbild der Zugvögel wird sich am Bodensee in den nächsten 20, 30 Jahren massiv verändern.“

Landwirte müssen flexibel sein

Nicht weniger flexibel müssen Landwirte mittlerweile sein. Sie müssen mit zwei unterschiedlichen Ausprägungen des Klimawandels zurecht kommen: mit Langzeittrends und kurzfristigen Wetterextremen. Auf lange Sicht wird der Klimawandel die landwirtschaftliche Kulturlandschaft einschneidend prägen. Da für Landwirte der Ertrag die entscheidende Größe ist, werden sie die Entscheidung, welche Nutzpflanzen sie anbauen, vor allem davon abhängig machen, wie groß deren Erntepotenzial ist. Das muss nichts Schlimmes bedeuten. Laut Klimaforscher Frank Wechsung (siehe Interview) verspricht ein wärmeres Klima den Obstbauern am Bodensee eher einen höheren Ertrag.

Auf der anderen Seite müssen Landwirte lernen, mit Wetterextremen umzugehen, die in kurzer Zeit ganze Plantagen ruinieren können: Starkregen, Hagel und Frost. Wobei Klimaforscher nicht davon ausgehen, dass ein Spätfrost, wie er in diesem Jahr den Apfelbauern zu schaffen machte, häufiger auftreten wird als früher. Dieser sei eher keine Folge des Klimawandels. So weit die gute Nachricht für Obstbauern. Die schlechte: Hagel und Starkregen dagegen schon, denn dies ist eine global zu beobachtende Folge des Klimawandels: Es regnet seltener, aber dafür heftiger.

Warum Wetterextreme zunehmen 

Roland Roth versucht stark vereinfacht zu erklären, was hinter den explosionsartig auftretenden Wetterereignissen steckt: Warme Luft könne mehr Feuchtigkeit aufnehmen als kalte. Das bedeute mehr Energie in der Atmosphäre, die sich abrupt entlade. „Wetterextreme nehmen deshalb zu, weil in der Atmosphäre einfach mehr Power steckt.“ Weil ausgetrocknete Böden Wasser schlecht aufnehmen, fließt flutartiger Regen über Flüsse ab. Die Folge: Der Grundwasserspiegel sinkt seit Jahren. Es herrscht sozusagen Dürre.

Dass Niederschläge seltener werden, machen Skigebiete deutlich: Ohne Schneekanonen sind sie kaum mehr überlebensfähig. Schnee ist Mangelware im Klimawandel. In keiner Landschaft beobachten Klimaforscher einen stärkeren Temperaturanstieg als im Hochgebirge. Die Gletscher schmelzen.

Am Bodensee: das neue Italien

Der Gewinner des Klimawandels ist sicherlich der Sommertourismus. Von jährlich durchschnittlich einem Hitzetag über 30 Grad in den Sechzigern, steigerten sich die Sommer zu jährlich durchschnittlich zehn Hitzetagen. Roland Roth zählt auf: „Ulm hat heute das Klima von Ravensburg vor 30 Jahren, Ravensburg das von Konstanz, Konstanz das von Freiburg und Freiburg das von Mailand vor 30 Jahren.“ Demnach ist es nur eine Frage der Zeit, bis aus dem Bodensee klimatisch das Mittelmeer wird.

Experten rechnen damit, dass in den nächsten 30 Jahren 80 000 Menschen in die Region Bodensee-Oberschwaben zuwandern werden. Sollte der Sommer noch mehr Touristen anlocken, werden sich Gemeinden bald häufiger die Frage stellen müssen, ob sie Fremdenzimmer oder Wohnraum schaffen sollen.

Denn letztlich müssen auch die Einheimischen dort leben können, wo die Invasiven Urlaub machen.

Wie sieht der Klimawandel im Südwesten aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Sendung „Unsere Heimat im Wandel – Wie das Klima den Südwesten verändert“, zu sehen auf Regio TV Bodensee am Samstag, um 18 Uhr und um 22.30 Uhr, und am Sonntag, um 9.30 Uhr und um 20.30 Uhr.

Trailer Klima 1

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