Sie war „gut, streng, aber gerecht“

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Sie hatte Helmut Kohl und Günter Grass, Vico Torriani und Liesl Karlstadt als Gäste: Veronika Bouley-Dressel. Das Foto ist 2010 (Foto: Heiss)
Schwäbische Zeitung
Wolfram Frommlet

Wirtin, Chefin des Restaurant und Hotel „Waldhorn“ zu werden, war im Alter von 25 Jahren, nach Kriegsende, nicht unbedingt der Berufswunsch der Gastwirtstochter Veronika Dressel gewesen. Doch ihr Bruder, gelernter Koch, als Nachfolger seines Vaters Eugen Albert Dressel, der 1912 in der dritten Generation das Haus am Marienplatz vom Großvater Johannes übernommen hatte – der Bruder war mit 22 Jahren nicht aus dem Krieg zurückgekommen. Ihre Schwester hatte studiert und zum Dr. rer. pol. promoviert. Sie gab Veronika freie Hand, wenn sie nur das „Waldhorn“ von den Eltern übernähme.

Dann spielte der Krieg noch eine zweite Rolle in ihrem Leben. Die Offiziere der französischen Besatzungstruppen hatten den „Waldhorn“-Saal requiriert, und Sessel und Sofas aus der Nachbarschaft dazu. In denen wurde nach dem Essen geraucht und Cognac getrunken. Was sonst noch von Interesse gewesen wäre für die Herren in Uniform wurde im Kamin versteckt – vom Foto-apparat bis zu Skistiefeln. Nicht versteckt hatte sich offensichtlich Veronika.

Beim Feind trommelt man nicht an

Die französischen Besatzer zogen ab, einer aber kam zurück: Henry Bouley, der die Offiziere im Saal bekocht hatte. Es wurde eine temporeiche „affaire d’amour“, denn bereits 1947 heiratete die junge Ravensburgerin den stattlichen Franzosen, „dessen Sprache und Stimme ich hätte stundenlang zuhören können“, wie sie in einer Fernsehsendung zum 25-jährigen deutsch-französischen Freundschaftsvertrag erzählte. Aufgrund der komplizierten Rechtslage unter den Alliierten damals heiratete das Paar gleich drei Mal – in Mainz, im Generalkonsulat in Neustadt und dann kirchlich in der Liebfrauen-Kirche. Sie wurde nicht nur zu Veronika Bouley, sondern zur französischen Staatsbürgerin.

Kein Problem für Mutter Hilda, die in Belgien in einem Stift Französisch gelernt hatte, und für Vater Albert, der in einem Hotel in Frankreich gelernt hatte. Für Ravensburger lokalpatriotische Gemüter aber eine Zumutung. „Bei uns wurde nicht mal mehr angetrommelt. Beim Feind trommelt man nicht an“, erinnerte sie sich noch gut in hohem Alter.

Veronika Dressel hatte, in einem offenen Elternhaus aufgewachsen, beste Voraussetzungen, sich mit dem „Fremden“ bestens zu verstehen: 1936, mit 16 Jahren, war sie ein Jahr nach England aufs Internat gegangen, und noch 1942, als die Nazi-Fahnen in der Heimat wehten, nach Genf, an das „Institut pour jeunes filles“.

Nach der Heirat ließ der nächste Skandal nicht lange auf sich warten: Henri Bouley war entschlossen, die „nouvelle cuisine“ im „Waldhorn“ einzuführen. Die Gäste standen auf und gingen. So gab es als Kompromiss dann bald neben Crevettes und Froschschenkel auch noch Kässpätzle. „Sonst hätten wir gar keine Gäste mehr gehabt“, erzählte sie schmunzelnd in einer Film-Dokumentation.

Mit dem gemeinsamen Sohn Albert ging das Haus in die fünfte Generation über. Er hatte die französische Küche vom Papa gelernt und das Management von Restaurant und Hotel von der Mama.

Was die Frau Mama denn für eine Lehrmeisterin gewesen sei? „Es waren 40 Jahre gut, streng, aber gerecht“, antwortete Albert Bouley in einem Film zum 150-jährigen Jubiläum des „Waldhorn“. Und der Herr Papa? „Ebenso.“

Gastgeberin und Freundin

1975 übernahm er mit seiner Frau Brigitte die Leitung, die „Grande Dame“ aber war bis weit über 80 als Seniorchefin im Hintergrund. Sie verkörperte, woran es heute in der Gastronomie zunehmend fehlt: Disziplin und Leidenschaft, Charme, Eleganz, und das untrügliche Gefühl, wo Nähe, wo dezente Distanz angemessen ist. Sie hatte Helmut Kohl und Günter Grass, Vico Torriani und Liesl Karlstadt als Gäste, sie konnte in Englisch, in Französisch parlieren, in Hochdeutsch wie in Schwäbisch.

Sie durfte erleben, dass die neue Küche ein Erfolg war, als ihr Sohn Albert 1989 den Gault Millau erhielt und das „Waldhorn“ zum Sterne-Restaurant wurde. Sie trug die ebenso aufwendige wie gelungene Sanierung der ehemaligen Zunftstube der Rebleute in der Schulgasse durch die Familie Bouley zum „Rebleutehaus“ mit und war stolz darauf. Sie war eine starke, eine selbstbewusste Frau, die mit ihrem Berufsethos, ihrem Können am Stammtisch der Ravensburger Wirtinnen den anderen immer Vorbild war und mit ihrem Esprit bis ins hohe Alter eine wundervolle Freundin und Gastgeberin.

Dass Veronika Bouley in den letzten Jahren leise, friedlich in eine eigene, andere Welt hinüber glitt, pflegebedürftig, doch liebevoll gepflegt fast bis zum Ende in den eigenen Räumen, war für die Familie und für alle, die ihr nahe standen, gewiss sehr schmerzlich. Doch dieser Zustand bewahrte sie vor dem größten Schmerz. Da sie den so frühen Tod ihres Sohnes Albert nicht mehr mitbekam.

In der Nacht zum Freitag ist Veronika Bouley-Dressel im Alter von 93 Jahren friedlich entschlafen.

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