Sie schwelgt in ihren Welten und das hemmungslos

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Sie schwelgt in ihren Welten und das hemmungslos
Sie schwelgt in ihren Welten und das hemmungslos (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

In ihrer Heimatstadt Ravensburg findet Wiltrud Weber mit jeder Rückkehr aus Berlin, den USA oder Indien zu ihren Wurzeln und zu einer Energie, die sie durch ihr bewegtes Leben trägt. Das Publikum im ausverkauften Festsaal des Klosters Weißenau erlebte am Samstag über zwei Stunden Wiltrud (Willa) Weber mit ihren Musikern live. Unter dem Motto „Wurzeln und Flügel“ bot sie das ganze Spektrum ihres stimmlichen Repertoires. Und das überwältigte die meisten der anwesenden Gäste.

Das sei eigentlich ein Jubiläumskonzert, eröffnete Werner Wolf von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Begegnung in Oberschwaben den Abend. Denn vor 70 Jahren am 10. November 1949 war die Gründung des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. „Wir dürfen nicht einfach vergessen, weil das so angenehm ist“, zitierte er den einstigen Bundespräsidenten Theodor Heuss. Angesichts des wachsenden Populismus und Anti-Rassismus sei die Arbeit der Gesellschaft nötiger denn je. Ja, und dann hätte es losgehen sollen mit dem Konzert.

Cellist Philipp Schiemenz und Akkordeonist Volker Rausenberger, beide aus Freiburg, betraten die Bühne zusammen mit Wiltrud Weber und Moderatorin Jutta Klawuhn. Nur warum blieb das Klavier eingepackt, wo jetzt eigentlich Karl Albrecht „Bobbi“ Fischer hätte sitzen sollen? Er musste seinen Auftritt so kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen, dass dem Ensemble nur eines übrig blieb – umarrangieren und das innert zweier Tage. Auch das ist eine der herausragenden Qualitäten von Wiltrud Weber – nicht die Nerven verlieren und immer nach vorne schauen. Kurz gesagt, Cello und Akkordeon übernahmen den Klavierpart und nicht nur das. In Rabih Abou-Khalils „Dog River“ mimte das Cello die orientalische Laute „Oud“, während das Akkordeon zum taktreichen Rhythmusgeber wurde. So nah kommen sich westliche und östliche Kulturen auf musikalischem Wege. Blickfang dieses Abends war Wiltrud Weber mit ihrem lyrischen Sopran, der sich über die Jahre ihrer internationalen Karriere hinweg immer neue und für manche Ohren ungewöhnliche Spielfelder sucht. So bestimmten den ersten Teil alte persische und arabische Lieder, vertonte jüdische Gedichte des 1942 im Krakauer Ghetto erschossenen Mordechaj Gebirtig und dem gegenüber Kurt Weills „Speak Low“.

Weber bewies einmal mehr ihre gesangliche Wandlungsfähigkeit. In Khalil Gibrans „Aatini Naya“ mit einer beschwörerischen flirrenden Stimme und einer Mimik, die mit ihrer Strahlkraft jeden in ihren Bann zieht. Was sie in Gebirtigs „Blumke majn Shiduwke“ an ungeahnten Höhen bot, tönte in „Speak Low“ nach einer verführerischen Jazzmelodie der 20er Jahre.

Mit dem in Berlin lebenden Stephan Bobinger betrat nach der Pause ein Sound Designer die Bühne. „Wir sind im Willa-Teil angekommen“, verwies Jutta Klawuhn auf den „unglaublichen Technikkram“. Sie moderierte den Abend versiert und mit wohl dosiertem Humor. Denn was nun folgte mit Auszügen aus dem Album „Willa World Wide“ ist hierzulande nicht allerorten zu hören. Vor zwei Jahren gingen in Los Angeles die Türen zu Projekten mit cineastischen Stücken auf. In Kooperation mit Hollywoodkomponist Martin Davich erklangen „Hubbuka“, ein persisches Gedicht aus dem 9. Jahrhundert, und „Prayer for Peace“ auf Aramäisch. Technisch designt mit starkem Nachhall, was Willas Stimme einerseits ungewohnt klang, andererseits aber nochmals enormen Nachdruck verlieh. Euphorisch und abdriftend in sphärische Welten, wenn sie ihr „Tolerance“ im Duett mit dem amerikanischen Kantor Chayim Frenkel aus dem Off zelebriert. Zu einem überirdischen, hochpoetischen Sound setzte sie mit Ausschnitten aus ihrem Classic Electronic Fantasy Project „Way Beyond“ an, das sie mit Bobinger ausgearbeitet hat. Text ja, aber der entspringt ihrer selbst entwickelten Fantasiesprache. Ihr geht es in Titeln wie „Fantastica“ oder „Cyber Angel“ um den reinen Klang. „Ich bin da ganz in meiner Welt und fühle mich schon immer als Instrument“, kommentierte sie den Part. Durchaus gewagt war dieser Kontrast zur ersten Hälfte. Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und Wiltrud Weber hat die meisten Herzen für sich gewonnen, wenn sie abhebt in einen virtuellen Raum. Sie zur Stimme ihrer selbst wird und hemmungslos schwelgt. Dabei von einer Höheren Kraft spricht („Nennen Sie es Gott“), die alle Menschen bräuchten.

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