Sie rocken, was das Zeug hält

Lesedauer: 5 Min
„The Voice“ Chris Farlowe und „The Hamburg Blues Band“ (im Bild) entfachen ein Bluesrock-Feuerwerk in der Zehntscheuer.
„The Voice“ Chris Farlowe und „The Hamburg Blues Band“ (im Bild) entfachen ein Bluesrock-Feuerwerk in der Zehntscheuer. (Foto: Babette Caesar)
Babette Caesar

Voller Erwartung hat sich am Freitag der Saal in der Zehntscheuer gefüllt. Denn schon vor fünf Jahren sorgte „The Voice“ Chris Farlowe für Aufsehen. Dieses Mal kam der Londoner Rhythm’n’Blues-Sänger mit der nicht minder legendären „The Hamburg Blues Band“ (HBB) zu einem umjubelten Gastauftritt nach Ravensburg. Es war die vorletzte Station ihrer aktuellen im Januar gestarteten Tournee, die unter anderem dem verstorbenen Schlagzeuger Jon Hiseman gewidmet ist.

Eingeläutet wurde dieser Abend mit Hans Albers einstigem Kassenschlager „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ aus dem Off. Denn von da, aus St. Pauli kommen sie her, die vier Musiker mit Sänger und Rhythmusgitarrist Gert Lange, Bassist Michael „Bexi“ Becker und Drummer Hans Wallbaum. Neu in dieser Formation ist Leadgitarrist Krissy Matthews. Er folgte 2015 auf Miller Anderson und ist mit Abstand der Jüngste unter diesen Urgesteinen des europäischen Bluesrock. Er sei ihr großer Favorit bei der Suche eines Nachfolgers gewesen und das demonstrierte er mit extravaganten Gitarrenriffs, die so ziemlich alles in den Schatten stellen.

Das erste Set bestritt die Band zu viert und legte ein Höllentempo vor. Hardrockig bisweilen, dass einem schon bei den ersten Songs die Ohren zu dröhnen begannen. Volle Power, die augenblicklich Clubzeiten vergangener Jahrzehnte hochkochen ließ, ohne überholt zu wirken. Auch, wenn alle älter geworden sind und in Erinnerungen schwelgen, der Sound dieser 1982 von Gert Lange zusammen mit Dick Heckstall-Smith gegründeten Blues-Rockgruppe ist ein absolut unvergessenes Live-Erlebnis. Sie inszenieren den British Blues kompromisslos hart und intensiv in gelegentlich gecoverten Versionen, die aber mehrheitlich aus der Feder von Pete Brown stammen. „Rockin’chair“ oder „Stony Times“ sind solche Rockröhren, die einem die Ohren klingeln lassen. Zusammen mit Gert Langes Vocals legt die Band eine Selbstverständlichkeit an den Tag, die an Intensität kaum zu überbieten ist. Die akustisch mit Bryan Adams’ „Get off my back“ und dem psychedelischem Gitarrensound eines Micky Moody von Whitesnake die Raumgrenzen zu überwinden schien, um mit ihrem sehnsuchtsvoll aufgeladenen „Into the night“ eine Ballade mit Joe Cocker-Feeling zu bringen. Ja, sie können auch Kuschel-Rock und überhaupt, wird in Ravensburg eigentlich noch eng getanzt, sandte Lange in Richtung Publikum aus. Nein, dafür aber intensiv alleine.

Chris Farlowe betrat im zweiten Set die Bühne. Mit großem Applaus empfangen, stieg er sofort ein. In „Lonesome Road“, die rückblickend auf das Musikerleben des mittlerweile 78-jährigen Briten keineswegs einsam daher kommt. Eher wie eine große Familie, als er Anfang der 1960er-Jahre seine Karriere startete bei der John Henry Skiffle Group und den Thunderbirds. Dann, in den 1970er, bei der Jazzrock-Gruppe Colosseum und Jon Hiseman. Letzterem widmete er den Hit „Stormy Monday Blues“ als siedend heiß brodelnde Version.

„I don’t need no doctors“ tönt es von der Bühne mit einem äußerst humorvollen Farlowe, der sich zu Matthews imposanten Dauersolo umdreht, ihm die Armbanduhr hinhält und scherzhaft fragt: „Geht das noch lange?“ Ohne Farlowes „Out of Time“, das er in den 1960er-Jahren von den Rolling Stones gecovert hat und damit sehr populär wurde, ging dieser Trip nicht zu Ende. Ihn erlebten die Besucher der Ravensburger Zehntscheuer jazzige Rhythmen scatten, die er bis in höhere Tonlagen treibt. Manchmal droht sich die Stimme dabei zu überschlagen, aber nur um wieder very smooth zu Langes sphärisch nachhallenden Riffs in „Don’t wanna sing the Blues“ aufzugehen. Aus der Zeit gefallen? Nein, eher lassen sie alte Zeiten wieder aufleben, so als seien sie gar nicht vorüber gegangen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen