Seit einem Jahr Mehrweg-Becher: Wieso Recup-Bechern breite Akzeptanz fehlt

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Recup-Becher
Den nachhaltigen Recup-Becher gibt es auch im Landkreis Ravensburg. (Foto: Franziska Stölzle)
Franziska Stölzle

Müllberge verursacht durch Einwegbecher - dieses Problem packt die Firma Recup bei der Wurzel. Mehrweg-Pfandbecher aus Polypropylen (PP) sollen die Lösung sein.

In Ravensburg gibt es das System seit gut einem Jahr, anfänglich sind einige Unternehmen euphorisch eingestiegen. Jetzt fällt die Bilanz einen Euro zurück. Die Rückgabe muss nicht zwingend im gleichen Café erfolgen, in dem man das Getränk gekauft hat.

Dass es in meinem Laden nur Recup-Becher geben wird, war mir von Anfang an klar.

Geschäftsführerin Andrea Knörle

In Ravensburg beteiligen sich 22 Geschäfte am Pfandsystem. Das Eiscafé „I love leo“ bietet sogar ausschließlich die Mehrwegbecher an. „Dass es in meinem Laden nur Recup-Becher geben wird, war mir von Anfang an klar“, sagt Geschäftsführerin Andrea Knörle.

Sie ist der Meinung, dass man den Kunden keine Option lassen sollte. Die meisten würden sich sonst für den Einwegbecher entscheiden. Oft bleibe aber nicht die Zeit, jedem Kunden das System genau zu erklären. „Die meisten verstehen das Konzept nicht. Sie denken sie müssen den Becher kaufen“, sagt Andrea Knörle.

Manche Nutzer halten nichts vom Pfandsystem

Die Firma Recup mit Sitz in München ist derzeit sehr zufrieden mit der Situation in Ravensburg. Von deutschlandweit 3000 Ausgabestellen befinden sich 22 in Ravensburg. „Auch in der Umgebung schließen sich immer mehr Partner an“, so die Zuständige für Marke und Kommunikation, Stefanie Mühleder.

Wie viele Becher bisher nach Ravensburg geliefert wurden, ist für das Unternehmen schwierig zu sagen.Viele Bestellungen laufen über die Firmensitze, eine Abgrenzung in welchen Filialen die Becher landen ist deshalb kaum möglich.

Die Ravensburgerin Tanja Böhm möchte nicht auf Kaffee verzichten, lehnt aber das Pfandsystem ab. „Es ist und bleibt Plastik irgendwann landet auch das im Müll“, sagt Tanja Böhm. Sie versucht der unnötigen Müllproduktion anders entgegen zu wirken.

Ihre Lösung sind Bambusbecher. „Ich hab sechs Stück zu Hause, werde mir aber noch mehr zulegen“, sagt sie. Es sei praktischer, den Kaffee zu Hause abzufüllen und mitzunehmen. „Ich bin viel mit dem Auto unterwegs. Ich finde Recup-Becher sind nur für Leute geeignet, die viel in der Stadt sind und dann unbedingt einen Kaffee brauchen“, erklärt Tanja Böhm.

Außerdem ist sie der Meinung, dass das System noch nicht ausgereift sei und in Großstädten viel besser funktionieren würde als in Ravensburg.

Ganz am Anfang haben wir überlegt unser eigenes Pfandsystem zu entwickeln. Dann haben wir Recup entdeckt und uns dafür entschieden.

Vanessa Vogel

Eine zusätzliche Hürde für die Nutzung des Recup-Systems: Nur die Becher können ausgeliehen werden, die dazugehörigen Deckel müssen aus Hygiene-Gründen gekauft werden. Die Firma sucht nach eigenen Angaben eine Lösung für das Deckel-Problem.

Kunden geben Becher nur zögerlich zurück

„Pano - Brot & Kaffee“ hat sich Ende 2018 für das Pfandsystem entschieden. „Ganz am Anfang haben wir überlegt unser eigenes Pfandsystem zu entwickeln. Dann haben wir Recup entdeckt und uns dafür entschieden“, erzählt die Assistentin der Geschäftsleitung, Vanessa Vogel.

Komischerweise gibt sie nur niemand mehr bei uns ab, keine Ahnung wo sie abgeblieben sind.

Vanessa Vogel

Trotzdem werden noch Einwegbecher angeboten. „Solange die Mehrheit Einwegbecher bevorzugt, werden wir sie anbieten“, sagt sie. Dennoch werden die Pfandbecher ihrer Beboachtung nach immer beliebter, zwischen zehn und zwölf Becher gehen im Pano am Tag über die Theke. „Komischerweise gibt sie nur niemand mehr bei uns ab, keine Ahnung wo sie abgeblieben sind“, erzählt Vanessa Vogel und lacht.

Die Recup-Partner zahlen eine Systemgebühr an das Unternehmen. „Das sind die einzigen Kosten, die für unsere Partner entstehen“, so Mühleder. Die Gebühr beinhaltet beispielsweise die Verlinkung in der Recup-App.

Die Müllvermeidung beschäftigt auch Lydia Schrader, sie ist Geschäftsführerin von „Lilly Ginger“. Seit das Pfandsystem auch in Ravensburg angeboten wird, ist sie mit dabei. Trotzdem gehen auch in ihrem Geschäft mehr Einwegbecher über die Theke als Recups. „Die Bilanz ist aber steigend“, erklärt Lydia Schrader.

„Die Leute sagen oft zu mir, dass sie noch zehn Becher zu Hause haben und jetzt keinen mehr wollen“, fügt sie hinzu. Dennoch ist die Geschäftsführerin vom Pfandsystem überzeugt und wird es weiterhin anbieten.

Bäckerei Hamma steigt wieder aus

Die drei Studenten Phillipp Gündisch, Lukas Gühler und Marcus Bentele sind potenzielle Nutzer, aber in Bezug auf die Recup-Bechern sind sie sich nicht ganz einig. „Ich finde das System sehr praktisch, ich kann einfach den dreckigen Becher wieder abgeben“, sagt Phillipp Gündisch. „Außerdem habe ich keinen Müll produziert, und seit es Recup-Becher in Ravensburg gibt, verwende ich gar keine Einwegbecher mehr“, fügt er hinzu.

Wir sind stets an Umweltschutz und Nachhaltigkeit interessiert und haben daher beschlossen das Pfandsystem zu testen.

Marc Hamma

Marcus Bentele ist da anderer Meinung, er verwendet gar keine Recup-Becher und hat auch nicht vor, es zu probieren. „Ich trinke so selten einen Kaffee unterwegs, da hab ich keinen Drang das auszuprobieren. So wie ich mich kenne, würde ich die Becher zu Hause horten und nicht mehr abgeben“, meint er. „Ich hab auch schon einen daheim und hab mir deshalb heute einen Einwegbecher geholt“, erklärt Lukas Gühler.

Anfänglich waren auch die Filialen der Bäckerei Hamma mit im Boot. „Wir sind stets an Umweltschutz und Nachhaltigkeit interessiert und haben daher beschlossen das Pfandsystem zu testen“, sagt Marc Hamma. Für die Testphase wurden zehn Standorte ausgewählt, darunter alle Filialen in der Ravensburger Innenstadt.

Meistens waren es eher ein bis zwei Becher je Tag.

Marc Hamma

Doch die Becher wurden von den Kunden nicht gut angenommen. Hamma setzte eine Grenze: „Fünf Becher je Standort je Tag“, erklärt er. „Meistens waren es eher ein bis zwei Becher je Tag“. Deshalb ist die Bäckerei wieder ausgestiegen und investiert das Geld lieber in andere Maßnahmen.

Zum Beispiel sollen die Plastikverpackungen von Brotchips und Besteck auf biologisch abbaubares Material umgestellt werden. Auch diese Umstellung hat ihren Preis. Hamma erhofft sich einen größeren Effekt. „Jeden erwirtschafteten Euro kann man ja leider nur einmal investieren“, sagt er.

Der Recup im Test: Autorin wagt den Selbstversuch

Keine unnötige Umweltverschmutzung mehr! Diesen Vorsatz fasste ich bei meiner Recherche zum Recup-Pfandsystem und wollte es selbst mal ausprobieren. Gesagt getan, ich kaufte mir bei Lilly Ginger einen Minz-Juice im Recup-Becher. Anfangs fühlte ich mich super, umweltbewusst eben.

Dieses Gefühl verpuffte, als ich auf die Straße kam. Ich hatte das Gefühl dass mich die Leute fraglich mustern und anschauen als wäre ich der Inbegriff von Öko.

Mein Getränke schmeckte zwar superlecker, aber sah in dem braunen Becher eher aus wie Gemüsebrühe. Ein Anblick der mir etwas die Lust auf den Drink verdarb. Mittlerweile fühlte ich auch die Last die das Wort „Pfand“ mit sich bringt: Mir war klar das ich den Recup früher oder später wieder abgeben musste. Nur wo? Der Gedanke daran machte mich schon beim Trinken nervös.

Letztendlich habe ich ihn mich nach Hause genommen. Den dreckigen Becher wollte ich nicht in meiner Tasche verstauen, also hielt ich ihn die meiste Zeit auf dem Weg nach Hause in der Hand. Irgendwie total lästig und unpraktisch. Spülen musste ich ihn auch selbst und am nächsten Morgen hätte ich ihn fast vergessen einzupacken.

In der Stadt musste ich erst mal überlegen wo ich den Becher um 9.30 Uhr abgeben kann. Die meisten Läden führen das System nicht. Andere hatten noch nicht geöffnet oder waren viel zu weit entfernt. Eine Stunde lang irrte ich mit dem Recup durch die Stadt. Dann die Rettung: Lilly Ginger machte auf. Ich stellte den Becher auf die Theke und war mehr als froh.

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