„Schuld am Bienentod sind Pestizide“

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Der Chef der Aulendorfer Goldimkerei sagt, er habe dem Bienenwachs bei der Mittelwand-Herstellung nichts zugemischt. Stattdessen
Der Chef der Aulendorfer Goldimkerei sagt, er habe dem Bienenwachs bei der Mittelwand-Herstellung nichts zugemischt. Stattdessen sei er selbst das Opfer. (Foto: Claudia Buchmüller)
Schwäbische Zeitung
Jasmin Bühler
Crossmediale Redakteurin

Unter deutschen Imkern ist die Aufregung in den vergangenen Wochen groß gewesen: Bienenlarven starben, Waben brachen zusammen, Völker gingen ein. Viele Spuren deuteten darauf hin, dass Mittelwände schuld sein könnten, bei deren Herstellung vermeintlich gepanschtes Bienenwachs verwendet wurde. Mittelwände, die aus dem Landkreis Ravensburg stammen und unter anderem einen erhöhten Anteil an Stearin enthalten sollen. Doch von einem Bienenwachsskandal will der betroffene Händler Hardy Gerster aus Aulendorf nichts wissen. Nicht seine Mittelwände seien das Problem, sagt er in einem Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“. Vielmehr komme das Bienensterben von Spritzmitteln, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Und auch gegenüber den Behörden erhebt Gerster schwere Vorwürfe.

Keine rechtlichen Vorgaben

Ein Rückblick: Im Spätsommer dieses Jahres kam der SZ zu Ohren, dass überall in Deutschland verunreinigte Mittelwände aufgetaucht sein sollen. Für die Bienen ein hohes Risiko. Denn sie nutzen die industriell hergestellten und von Imkern zugekauften Mittelwände als Grundlage für ihre Waben, in denen sie ihre Brut aufziehen oder Honig einlagern. Normalerweise bestehen die Wachsplatten aus reinem Bienenwachs. Doch vereinzelte Proben ergaben, dass ihnen teilweise ein hoher Anteil an Paraffin oder Stearin- und Palmitinsäure beigemischt wurde – unerlaubte Streckmittel, die im Bienenwachs nichts verloren haben und für die Produktion von Kerzen und Seifen eingesetzt werden. Die Anzeichen verdichteten sich, dass die verfälschten Mittelwände unter anderem von der Goldimkerei aus Aulendorf stammen. Das Unternehmen hatte für die Herstellung der Mittelwände nicht nur heimisches Bienenwachs eingesetzt, sondern auch importiertes Wachs aus China.

Auf eine Anfrage an das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Stuttgart hieß es im September: „In Bienenwachs aus China wurden Fettsäuremuster nachgewiesen, die für einheimisches Bienenwachs ungewöhnlich sind. Insbesondere der Gehalt an Stearinsäure liegt ganz erheblich über den Gehalten von einheimischem Bienenwachs.“ Jedoch gibt es für Bienenwachs und dessen genaue Zusammensetzung keine Vorgaben, weil es nicht als Lebensmittel deklariert ist. Rechtliche Konsequenzen bleiben aus. Vom Landratsamt Ravensburg heißt es hierzu: „Da es keine rechtlichen Vorgaben gibt, die die Zusammensetzung oder Beschaffenheit von Mittelwänden regeln, kann das aus China stammende Wachs amtlich nicht beanstandet werden.“

Imker erstatteten Anzeige

„Unsere Mittelwände sind vollkommen in Ordnung“, sagt Hardy Gerster, Inhaber der Goldimkerei in Aulendorf, „wir haben nichts hinzugemischt.“ Angesichts der Tatsache, dass mehrere Imker bereits Anzeige gegen ihn erstattet haben, bleibt er gelassen. Er habe sich ja nichts vorzuwerfen. Im Gespräch mit der SZ betont er immer wieder, dass in seinen Mittelwänden nichts Unzulässiges gefunden wurde. Paraffin habe es überhaupt nicht gegeben und der Stearinanteil habe nur ein Minimum über dem für deutsches Bienenwachs üblichen Gehalt gelegen. „Diese Substanzen fallen nicht ins Gewicht“, so Gerster.

Der erhöhte Stearin-Gehalt liege darin begründet, dass er in der Tat Wachs aus China verwende, beschreibt der Aulendorfer Händler. „Es gibt einfach regionale Unterschiede in dem Wachs von chinesischen und deutschen Bienen“, so Gerster. Seit zwei Jahren importiert er das Wachs aus Asien schon. „Das Wachs von dort ist einwandfrei, zum Teil noch besser und teurer als das deutsche“, meint Gerster. Entsprechende Qualitätsnachweise, die er sich von dem Lieferanten habe geben lassen, würden dies bestätigen. Er selbst fordere schon seit Jahren, dass Bienenwachs zum Lebensmittel erklärt und entsprechende gesetzliche Vorschriften eingeführt werden. „Ich kämpfe gerichtlich darum, dass die Bundesregierung hier aktiv wird“, so Gerster, „aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen.“

Die ganze Debatte um die gefälschten Mittelwände hätte ihm und seinem Unternehmen enorm geschadet, ärgert sich der Goldimkerei-Chef. Ihm zufolge habe seine Firma dadurch eine halbe Million Euro Verlust gemacht. Für seine vier Mitarbeiter musste er nach eigenen Aussagen zeitweise Kurzarbeit anmelden. Zudem sei er persönlich angefeindet worden. „Im Pausengrill der Belegschaft hingen tote Ratten, ich habe Morddrohungen bekommen und unser Biotop wurde verseucht“, erzählt Gerster.

„Der Staat weiß Bescheid“

Der Aulendorfer Wachsverarbeiter sieht sich als Opfer. Ihm sei der schwarze Peter zugeschoben worden. Gerster: „Der Skandal geht nicht auf das Bienenwachs zurück.“ Stattdessen gebe es einen ganz anderen Skandal. „Die Spritzmittel sind das Problem und die daraus folgende Orientierungslosigkeit der Bienen“, ist sich der Wachsverarbeiter sicher. Nach seiner Theorie würden Pestizide, wie zum Beispiel Spritzmittel gegen die Kirschessigfliege, negative Auswirkungen auf die Bienen haben. „Das macht die Biene ballaballa und sie verhält sich ähnlich wie ein Maurer, dem man am Montag eine Flasche Schnaps in die Hand drückt und dessen Mauer am Freitag zusammenfällt. Ihre Waben baut die Biene dann nämlich nicht mehr ordentlich sechseckig“, erläutert der Aulendorfer seine Beobachtungen, „die Waben brechen zusammen und das nicht wegen der Mittelwände.“ In Folge sterben die Larven und die Völker verkümmern. Gerster: „Es ist ein Teufelskreis.“

Mit dieser Theorie stehe er nicht alleine da, meint Gerster. Doch viele würden sich nicht trauen, diese Ansicht öffentlich zu vertreten. Auch Behörden, Ämter und sogar Bieneninstitute wüssten um die Problematik. Allerdings würden sie es sich mit der Industrie, also mit den Spritzmittelherstellern, nicht verscherzen wollen. „Es gibt Geheimhaltungsverträge zwischen Industrie und Bieneninstituten“, behauptet Gerster.

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