Schriftstellerin Maria Beig aus Oberschwaben ist gestorben

Lesedauer: 6 Min
Maria Beig.
Maria Beig. (Foto: Peter Blickle, Verlag Klöpfer und Meyer)

Heimatroman – das klingt nach rührseliger Herz-Schmerz-Literatur, nach falscher Romantik. Maria Beigs Heimatromane haben nichts von alledem. Es sind lakonische, ja mitleidlose Chroniken des oberschwäbischen Dorflebens. Sie hat vor allem den unterdrückten Frauen in diesem vom Katholizismus geprägten Landstrich eine Stimme gegeben. Diese Stimme ist verstummt. Maria Beig, die Spätberufene, die erst nach der Pensionierung mit dem Schreiben angefangen hat, ist am Montag in Friedrichshafen gestorben. Sie wurde 97 Jahre alt.

Maria Beig musste nichts erfinden. Sie wusste, wovon sie erzählte. Vor allen vom harten Leben der Frauen in Oberschwaben. Ihre Romane heißen „Rabenkrächzen“ , „Hochzeitslose“, „Annas Arbeit“. Ihre Heldinnen fügen sich in ein Schicksal, das ihnen Vater, Mutter, Bruder, Kirche oder Gesellschaft vorschreiben. Wer sich auflehnt, und vom vorgezeichneten Weg als rechtlose Magd oder unterdrückte Ehefrau abweicht, hat schon verloren. Unbarmherzig ist das. Und unbarmherzig ist der Ton, den Maria Beig anschlägt. Da geht kein Adjektiv-Gewitter über den Leser nieder. „Eine Tat nach der anderen. Keine Schilderung, fast kein Erzählen. Nur ein Sagen.“ So hat ihr berühmter Mentor Martin Walser Maria Beigs Methode charakterisiert.

Diese Methode des emotionslosen Berichtes von der gnadenlosen Welt der Kleinbauern und Kleinbürger im Oberschwaben des ausgehenden 20. Jahrhunderts kam nicht bei allen gut an. Manche von denen, über die sie schrieb, nahmen ihr das übel. Wir wissen, dass das Leben schlecht ist. Aber das soll, bitte, unter uns bleiben. Der eigene Bruder wollte die „Nestbeschmutzerin“ nicht mehr auf den Hof lassen.

Das beschreibt sie in „Ein Lebensweg“. Es ist Maria Beigs persönlichstes und mutigstes Buch. Schonungslos gibt sie hier Auskunft über sich selbst: Sie notiert die Ängste des kleinen Mädchens, das – vom Vater ungeliebt – einen schweren Stand hat in einer Welt, in der Schaffen und „das Sach zusammenhalten“ alles ist. Sie findet sich nicht so hübsch wie ihre sieben Schwestern. Hat Angst, dass auch ihr das Schicksal einer „Hochzeitslosen“ droht und sie eine von diesen ledigen Frauen sein könnte, die von Vätern, Brüdern, Schwägerinnen nur als billige Arbeitskraft, Kindsmagd, Gehilfin ausgenutzt wird.

Doch Maria Beig darf etwas lernen, darf aufs Pädagogische Seminar nach Kirchheim und eine Ausbildung zur Hauswirtschafts-, Handarbeits- und Turnlehrerin machen. Sie wird an vielen Schulen von der Alb bis zum Bodensee arbeiten. Und sie wird, mitten im Krieg, schwanger. Eine Katastrophe. Das Kind darf sie nicht behalten. Es kommt zu Verwandten in Pflege. Mit ihrem Mann, Betriebsrat bei einer großen Firma in Friedrichshafen, zieht sie an den See, bekommt eine Tochter. Den Buben darf sie nicht zu sich nehmen. Ein Kapitel ihres Lebens, das auch nach dem Tod des Jungen nicht zu Ende ist. Eine Wunde, die sich nie schließt.

35 Jahre lang unterrichtete sie. Dann war sie ausgebrannt. Das Schreiben begann als Therapie gegen eine Depression. Heimlich, am Küchentisch schrieb Maria Beig in Schönschrift vom gar nicht so schönen Leben. Beim Literarischen Forum Oberschwaben las sie am 31. Mai 1980 aus dem Manuskript von „Rabenkrächzen“ – unsicher, mit zitternder Stimme, wie die Berichterstatterin der „Schwäbischen Zeitung“ damals notierte. Doch die Anwesenden erkannten offenbar sofort die Qualität des Textes.

Die Liste ihrer Fürsprecher war prominent: Martin Walser, natürlich, aber auch Arnold Stadler und Peter Hamm haben sich immer wieder für Maria Beig eingesetzt und vereinten sie mit den beiden anderen „Marien“ – Maria Müller-Gögler und Maria Menz – zum literarischen Dreigestirn Oberschwabens. Peter Blickle, aus Wilhelmsdorf stammender Literaturwissenschaftler, der in den USA lehrt, setzt sich seit Jahren für das Werk Maria Beigs ein. Nicht nur dass er zusammen mit Franz Hoben die fünfbändige Gesamtausgabe im Verlag Klöpfer und Meyer herausgebracht hat. Er übersetzt Beig auch ins Englische. Und so schaffte es „Lost Weddings“, die Übersetzung von „Hochzeitslose“, sogar auf die Bücherseite der „New York Times“.

Doch Ruhm schien Maria Beig eher peinlich zu sein. Auch bei den zahlreichen Ehrungen, die ihr zuteil wurden – Alemannischer Literaturpreis (1983), Literaturpeis der Stadt Stuttgart (1997), Johann-Peter-Hebel Preis (2004) – hielt sie sich bescheiden zurück. Sie war eine Beobachterin – zurückhaltend, kühl, unbestechlich.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen