Schon Kinder erkranken an Depressionen

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 Schulleiter Stephan Prändl und Chefärztin Nora Volmer-Berthele gingen nach ihrem Vortrag auf die Fragen der Zuhörer ein.
Schulleiter Stephan Prändl und Chefärztin Nora Volmer-Berthele gingen nach ihrem Vortrag auf die Fragen der Zuhörer ein. (Foto: Blöchinger)
Maria Anna Blöchinger

Schon Kinder erkranken an Depressionen: Ein Thema, das kaum präsent ist, aber offenbar viele beschäftigt. Der Einladung der Waldburg-Zeil-Kliniken und von Schwäbisch Media sind zahlreiche Interessierte, vor allem Lehrer und Eltern gefolgt. „Immer traurig in Schule – Familie – Freizeit?“ lautete der Vortrag von Nora Volmer-Berthele und Stephan Prändl. Die Reihen des Vortragssaals im Medienhaus waren voll besetzt.

„Es geht um das Thema Traurigkeit“, sagte Nora Volmer-Berthele, Chefärztin der Rehabilitationsklinik für Kinder und Jugendliche an den Fachkliniken Wangen. Mit ihrer einleitenden Darlegung der kindlichen Entwicklung begeisterte sie die Zuhörer für ihre Sache. Im frühkindlichen Alter erkennen wir bereits Emotionen, ihren Ausdruck, ihre Ursachen und lernen sie zu regulieren. Schon Zweijährige würden Stolz und Neid ihrer Bezugspersonen erkennen, bemerkte die Medizinerin mit Staunen.

Bis zum Schulbeginn könnten Kinder auch widersprüchliche Gefühle erkennen, eigene und fremde Emotionsentwicklungen unterscheiden und sich vor Überforderung schützen. Ungeheuerliche körperliche Veränderungen geschehen in der Pubertät, machte die Ärztin und Mutter deutlich. Das herausfordernde Verhalten der Heranwachsenden bedeute dabei eine entscheidende Entwicklungsstufe, betonte sie und streifte auch den Aspekt kulturell bedingter Verschiedenheiten. Die Jugendlichen lernten, dass auch Erwachsene nicht immer alles im Griff haben.

Medizinisch gesehen ist die Depression eine Stoffwechselkrankheit. Dem Organismus fehlt es am Botenstoff Serotonin. Auf das betroffene „Warum?“ ihrer Zuhörer verwies Nora Volmer-Berthele später aber auf „multifaktorielle Ursachen“. Als Anzeichen einer Erkrankung nannte sie unter anderem vermehrtes Weinen, erhöhte Reizbarkeit und Schlafstörungen, bei älteren Kindern zusätzlich Stimmungslabilität, Konzentrationsprobleme, Suizidgedanken, vermindertes Selbstvertrauen und psychosomatische Beschwerden. Mobbing oder Konflikte mit Lehrern, Eltern, Mitschülern lösten vielleicht ein schulvermeidendes Verhalten aus.

Wie sich die Depression auf die Leistungsfähigkeit auswirkt und den Schüler in einen Teufelskreis führt, wusste Schulleiter Stephan Prändl, Heinrich-Brügger-Krankenhaus-Schule und der Sonderpädagogischen Beratungsstelle in Wangen. Er sagte: „Wir trainieren mit den Schülern im Tagesablauf, wie sie mit ihrer Erkrankung Depression zurechtkommen.“ In kleinen Lerngruppen soll Schule ihnen wieder Sicherheit und Verbundenheit geben und eine Lernumgebung herstellen. „Lernen kann Spaß machen!“, betonte der Pädagoge.

Bei Warnsignalen im Klassenzimmer seien Lehrer auf das offene Gespräch mit den Eltern angewiesen. Mit ermutigenden Worten zeigte er auf, was Lehrer vermögen, die verlässlich zugewandt sind, aber ihre Grenzen kennen. Lehrkräfte könnten kranken Kindern so viel Resilienz, also Widerstandskraft geben, dass sie ihren individuellen Bildungsweg bewältigten.

Auf Fragen aus dem Publikum nannte Stephan Prändl unter anderem die Webseite www.mindmatters-schule.de, die detailliert über Rehabilitations-Maßnahmen aufklärt.

Seit dem Jahr 2017 sei die Jugend-Reha eine Pflichtleistung und die Eltern könnten mitkommen, bemerkte Nora Volmer-Berthele. Erster Ansprechpartner seien die Kinder- und Jugendärzte.

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