Schluss mit dem Untertanentum

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 Hans Mantz, von 1922 bis 1932 Oberbürgermeister von Ravensburg (auf dem Bild an seinem Schreibtisch im Rathaus), war der Hauptr
Hans Mantz, von 1922 bis 1932 Oberbürgermeister von Ravensburg (auf dem Bild an seinem Schreibtisch im Rathaus), war der Hauptredner bei der örtlichen Verfassungsfeier im Krisenjahr 1923. (Foto: Stadtarchiv Ravensburg)
Alfred Lutz

Die erste Verfassungsfeier in Ravensburg fand am 11. August 1922 im Bärengarten statt. „Wohl der größte Teil der Einwohnerschaft war dem Rufe gefolgt, um durch seine Anwesenheit die Treue und Liebe zur selbstgewählten Verfassung zu bekunden“, berichtete die „Oberschwäbische Volkszeitung“ damals. Diese Feierlichkeiten hatten das Ziel, die demokratisch-republikanischen Grundwerte im Sinne eines Verfassungspatriotismus in der Bevölkerung zu verankern. Denn vor hundert Jahren, am 11. August 1919, wurde die Weimarer Reichsverfassung, die erste demokratische Verfassung Deutschlands, von Reichspräsident Friedrich Ebert und der damaligen Regierung unterzeichnet und trat drei Tage später in Kraft.

Zwei Jahre später einigte man sich auf Initiative von SPD, DDP und Zentrum auf diesen Termin als Nationalfeiertag. Allerdings wurde er nie zum reichsweiten gesetzlichen Feiertag und die Landesregierungen entschieden über seine jeweilige Ausgestaltung. Obwohl der 11. August in die Sommerferien fiel, kamen am Verfassungstag nicht nur in Berlin interessante festliche Veranstaltungen zustande, wenngleich nicht in allen Jahren der Weimarer Republik.

Die Festrede am 11. August 1922 hielt der Ravensburger Rechtsanwalt und liberale Gemeinderat Martin Leopold. Optimistisch führte er aus: „Auch über den Geist der Verfassung können wir uns von ganzem Herzen freuen [...]. Sie ist aufgebaut auf die Souveränität des Volkes [...] und es ist aus mit dem Untertanentum.“ Die Feier umrahmte der örtliche Gesangsverein. Zum Abschluss wurde – wie auch bei den folgenden Verfassungsfeiern – das 1841 von Hoffmann von Fallersleben verfasste – Deutschlandlied gesungen, das am Vortag von Ebert zur Nationalhymne erklärt worden war. Die vereinzelten Pfiffe kamen offenbar von Republikgegnern.

Verfassungsfeier 1923 mit Oberbürgermeister Mantz

Die Stadt Ravensburg richtete die gut besuchte Verfassungsfeier 1923 am Sonntagvormittag auf dem Postplatz, der Mitte des heutigen Marienplatzes, aus. Mit dabei waren die Kapelle des Musikvereins, der Liederkranz, der Sängerbund und der Chor des Arbeiterbildungsvereins. Geprägt waren die Feierlichkeiten, wie andernorts auch, von den Folgen des Ersten Weltkriegs, der Wirtschafts- und Währungskrise, der instabilen politischen Verhältnisse im Reichstag sowie nicht zuletzt dem Einmarsch französischer und belgischer Truppen ins Ruhrgebiet wegen kleinerer deutscher Rückstände bei den Reparationslieferungen.

In seiner engagierten und schwungvollen, teils auch national getönten Festrede nannte der der katholischen Zentrumspartei nahestehende Ravensburger Oberbürgermeister Hans Mantz die Weimarer Reichsverfassung eine „Großtat zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Reichseinheit, eine Großtat als Grundlage für die neue staatliche Ordnung und für den Wiederaufbau Deutschlands“; er forderte die entschlossene Wiederherstellung der Ordnung im Finanz- und Steuerwesen und eine Fortführung des passiven Widerstandes im Ruhrgebiet. Mantz fuhr dem „Oberschwäbischen Anzeiger“ zufolge fort: „Der Kampf gegen den äußeren Feind und gegen die inneren wirtschaftlichen Schwierigkeiten verspricht nur dann Erfolg, wenn wir allen Parteihader ruhen lassen [...] immer nur das eine Ziel im Auge: Deutschland vor dem Untergang zu retten.“

Da sich die politische und wirtschaftliche Lage beruhigte, fand in Ravensburg offensichtlich erst 1926 wieder eine „durch teils gesangliche, teils humoristische Darbietungen“ aufgelockerte Verfassungsfeier statt. Eingeladen in den Saal der Brauerei Leibinger hatte die örtliche Vertretung des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“, der deutschlandweit zwei Jahre zuvor von der SPD, der liberalen DDP und dem katholischen Zentrum ins Leben gerufenen republikanischen Kriegsveteranenvereinigung und Schutztruppe für die Weimarer Demokratie, die auch andernorts eine wichtige Rolle bei der Ausgestaltung der Verfassungsfeiern spielte. Hauptredner war wieder Rechtsanwalt Leopold, der zeitweise Vorsitzender der örtlichen Reichsbannervereinigung war. Unter den Gästen waren zahlreiche Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden und die Mitglieder des Gemeinderates.

Die nächste Verfassungsfeier ist 1928 nachzuweisen, bei der städtische und einige private Gebäude beflaggt waren. Wieder lud die Ortsgruppe Ravensburg-Weingarten des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ in den Saal der Brauerei Leibinger ein. Für seine Festrede erntete Willy Hermann aus Ulm stürmischen Applaus: „Das Verständnis für das Verfassungswerk von Weimar sei in den Kreisen des Volkes gewachsen und befestigt worden. Die Erkenntnis, dass nur auf dem Boden dieser Verfassung Deutschlands Wiederaufstieg erreicht werden könne, sei heute Allgemeingut des deutschen Volkes geworden. Die Weimarer Verfassung sichere den Frieden mit allen Mächten, gebe dem Volke Recht und Freiheit.“ Umrahmt wurde die Feier vom Spielkorps des „Reichsbanners“, von Klavier- und Violindarbietungen und Liedern des Freien Volkschors.

Letzte Verfassungsfeier 1932 im Katholischen Gesellenhaus

Die letzte Verfassungsfeier in Ravensburg fand schließlich in kleinerem Rahmen 1932 im Katholischen Gesellenhaus statt. Die Initiative hierzu hatte der 29-jährige Rechnungsrat Adolf Gindele als Vertreter des „Windthorstbundes“, der Jugendorganisation der Zentrumspartei, ergriffen. In späterer Zeit, von 1950 bis 1960, sollte Gindele in der Ravensburger Stadtverwaltung während der Ära von Oberbürgermeister Albert Sauer das Amt des Stadtdirektors bekleiden.

Die Weimarer Republik befand sich im August 1932 in höchster Bedrängnis. Durch die Weltwirtschaftskrise herrschte Massenarbeitslosigkeit, was der Radikalisierung der Bevölkerung Vorschub leistete. Die Parteien der politischen Mitte (Zentrum, SPD, DDP, DVP) verbuchten Verluste bei den Reichstags- und Landtagswahlen, während die Parteien, die der Weimarer Republik ablehnend gegenüberstanden (NSDAP, DNVP, KPD), Stimmen gewannen. Allerdings behauptete sich in Ravensburg das traditionell starke Zentrum als führende politische Kraft mit Stimmanteilen deutlich über 40 Prozent.

Als erfahrener Redner ergriff Anton Huber, der Sekretär des Ravensburger Büros des Katholischen Volksvereins, bei dieser letzten Verfassungsfeier das Wort. Er preiste dem Bericht des „Oberschwäbischen Anzeigers“ zufolge als „Grundpfeiler der Weimarer Verfassung“ „die republikanische, die demokratische parlamentarische Idee und die der gesicherten Volksrechte“. Ferner habe sich „in vollstem Maße der Zweck der Feier erfüllt, das Verständnis dafür zu wecken und zu verstärken, dass im Jahre 1919 tatsächlich etwas geschaffen worden ist, was heute nicht mehr einfach überrannt werden kann. Und dass eine Änderung dieser Verfassung nur zu sehr die Gefahr einer Diktatur in sich bergen würde“.

Ein Jahr später waren in Deutschland bereits die Nationalsozialisten an der Macht, erklärte Gegner der Weimarer Republik, und schafften den Verfassungstag umgehend ab.

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