Schüler nehmen Konsequenzen des Schwänzens gerne in Kauf

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Mutig: Trotz ausdrücklichen Verbots waren auch diese Wangener Schüler beim Klima-Streik.
Mutig: Trotz ausdrücklichen Verbots waren auch diese Wangener Schüler beim Klima-Streik. (Foto: Paul Martin)
Paul Martin

Einfach undiszipliniert: Wie jeden Morgen stehe ich in Kißlegg am Bahnhof. Anders als sonst steige ich aber nicht in den Zug ein, der mich nach Wangen ans Rupert-Neß-Gymnasium bringt. Sondern in eine Bahn Richtung Ravensburg. Es geht zur Demonstration der Reihe „Fridays for Future“. Bei den so genannten Klima-Streiks bleiben Schüler dem Unterricht fern, um für eine effektivere Klimapolitik zu demonstrieren. Es ist meine erste Demo. Ein Plakat habe ich nicht dabei. Auch auf klischeehafte Filzstulpen habe ich verzichtet, die trage ich unterm Jahr schließlich auch nie. Aber eine Trillerpfeife steckt in meiner Hosentasche. Man liest ja täglich, dass es um’s „Gehörtwerden“ geht.

Im Zug treffe ich Bekannte aus Leutkirch. Voll motiviert mit einem Stapel Plakaten wollen auch sie nach Ravensburg. Vom Unterricht wurden sie freigestellt. Anders ist die Handhabe in Wangen: „Wer demonstriert, schwänzt“, heißt es dort. Versäumte Zeit muss an Freitagnachmittagen nachgeholt werden. Ohne den „Streik“, also wenn die Demos außerhalb der Schulzeit ablaufen würden, wäre die Aufmerksamkeit allerdings viel geringer. Die Botschaft an die Erwachsenen soll sein: „Wir halten uns das ganze Jahr über an eure Regeln: Aber heute nicht, weil ihr es nicht schafft, unsere Zukunft zu regeln.“ Mit den Konsequenzen des Schwänzens können die meisten leben, mit den Konsequenzen einer Klimakatastrophe nicht. Deshalb sind auch vom Wangener Rupert-Ness-Gymnasium einige vor Ort. Die Waldorfschule Wangen trat sogar beinahe geschlossen auf.

Zuerst scheint die Demo ein Flop zu werden

450 bis 500 Teilnehmer waren für die Demonstration angemeldet. Als wir eine halbe Stunde vor Beginn in Ravensburg aussteigen sind 25 da. Das Wort „Flop“ fällt im Getuschel. Später sind es laut Polizei etwa 1500.

Aber: Mit jedem Bus, der Ravensburg erreicht und vor allem mit den Zügen werden es mehr Jugendliche. Die meisten kommen nicht aus der Stadt. Lilli, die in Leutkirch das Sozialgymnasium besucht, schwärmt: „Das war so cool. Der Zug war voll mit jungen Leuten“.

„Wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“

Die „Einheizer“ vom Organisationsteam legen gegen halb zwölf los. Man erklärt, dass alles friedlich ablaufen soll und man keinen Müll hinterlassen will. Schließlich sei man „Teil einer internationalen Bewegung“. Parteifahnen sind unerwünscht, man sieht auch keine. Allgemein sind die Demonstrierenden sehr heterogen. Man sieht Nietengürtel und Seidenschals. Was alle verbindet, ist, was auch mich – zugegebenermaßen mit einer Portion Skepsis – nach Ravensburg geführt hat: Es entscheiden Leute über die Zukunft dieses Planeten, die gar nicht mehr so viel Zukunft vor sich haben.

1500 Schüler gehen für den Klimaschutz auf die Straße
Was mit dem Schulstreik einer einzigen jungen Schwedin angefangen hat, hat mittlerweile große Wellen geschlagen. Unter dem Titel “Fridays for Future” sind nun auch in Ravensburg 1.500 Schüler auf die Straße gegangen und haben damit für den Klimaschutz demonstriert.

Besonders gegen die Kohlekommission der Bundesregierung wird bei der Demo gewettert. Der Schlachtruf auf dem Marienplatz: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“ Ruhe geben möchte man noch lange nicht. Die jungen Leute, sogar einige Grundschüler waren dabei, um ernst genommen werden. Aber wird durch Schwänzen, das Klima gerettet? „Manchmal muss man nicht das machen was legal ist, sondern das, was legitim ist“, wird auf dem Marienplatz verkündet. Juristisch mag diese Aussage unbrauchbar sein. Was die Motivation der Jugendlichen angeht, ist sie allerdings Gold wert.

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