Rückblick auf zwei bedeutende Vereine

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Alfred Lutz

Vor 200 Jahren ist in Ravensburg das „Museum“ gegründet worden, und nur 25 Jahre später, vor 175 Jahren, das „Bürgermuseum“. SZ-Mitarbeiter Alfred Lutz hat auf deren Geschichte zurückgeblickt und sich der Frühzeit dieser beiden einst bedeutenden Ravensburger Vereine angenommen.

Nachdem unter anderem bereits in Stuttgart (1807), Esslingen und Reutlingen (jeweils 1818) „Museumsgesellschaften“ als „Foren gehobener Geselligkeit und gebildeter Konversation“ (Michael Schäfer) gegründet worden waren, wurde am 15. Dezember 1820 auch im kleineren Ravensburg ein derartiger Zusammenschluss aus der Taufe gehoben: das „Museum“ (das altgriechische Wort „mouseion“ bedeutet „Heiligtum der Musen“). Vereinsinterne Protokolle und Akten sind jedoch erst ab dem Jahre 1866 überliefert, so dass man für die ersten Jahrzehnte in erster Linie auf die eher sporadischen Anzeigen und Berichte in der örtlichen Zeitung angewiesen ist.

Im Jahre 1829 gab sich das „Museum“ neue Statuten. Darin war als Vereinsziel festgehalten, „für die Freunde des gesellschaftlichen Umgangs, der Lektüre und der Musik einen Vereinigungsort herzustellen, wo, mit dem möglichst geringen Kostenaufwande, allen diesen verschiedenen Interessen auf eine anständige Art Befriedigung verschafft werden könne“. Geregelt wurden vor allem die Rechte und Pflichten der Mitglieder, die Aufgabenbereiche der Vorstandsmitglieder, eine Benutzerordnung für die angeschafften Bücher, Zeitschriften und Zeitungen und die Möglichkeit, Gäste zu den Veranstaltungen einzuladen.

Signum der „bürgerlichen Gesellschaft“

Allgemein war die neue Organisationsform der Vereine, ein Signum der „bürgerlichen Gesellschaft“, gekennzeichnet durch gleiche Rechte der Mitglieder unter gemeinsam beschlossenen Statuten, durch die Freiwilligkeit des Ein- und Austritts und interne demokratische Willensbildung (Besetzung der Vereinsämter durch Wahl, Rechnungsprüfung). In den ersten Jahren besaß das Ravensburger „Museum“ noch keinen festen Treffpunkt, 1825 hatte man von der Stadt einen Raum im Gebäude des einstigen Karmeliterklosters (dem heutigen Landgericht) angemietet, 1830 war der Gasthof „Dreikönig“ in der Marktstraße für einige Zeit das Vereinslokal und damit ein Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in der Stadt.

Aber bereits ein Jahr später mietete das „Museum“ vom Cafetier Georg Friedrich Hehl in einem zentral (an der heutigen Ecke Marienplatz und Eisenbahnstraße) gelegenen Gebäude eine „lichte, geräumige und heizbare Stube“ als „Bibliotheks- und Lesezimmer“ sowie eine weitere „Billard-Stube“ als „Conversations-Lokal“ an. Zu dieser Zeit zählte der Verein bereits über 80 Mitglieder. Die Maskenbälle in der Fastnachtszeit oder auch die Festlichkeiten aus Anlass des Geburtstages des württembergischen Königs fanden in den folgenden Jahren vor allem im „Dreikönig“, gelegentlich auch im Gasthof „Traube“ im Gebäude des einstigen „Weingartner Hofes“ (Ecke Kirch- und Herrenstraße) statt.

Nach einiger Zeit entwickelte sich schließlich der für die damalige Zeit komfortable, 1848 unmittelbar vor der alten Stadt, als Auftakt der neu angelegten Seestraße eröffnete Gasthof „zum Kronprinzen“ zur festen Adresse des „Museums“. In seinem geräumigen Saal fanden nun zumeist die Bälle, Konzerte (im März 1868 beispielsweise mit Stücken von Schubert, Beethoven und Mendelssohn Bartholdy), die Herbst- und Weihnachtsfeiern, aber auch die regelmäßig stattfindenden „Plenarversammlungen“ statt.

Stadtschreiber sowie Kaufleute führen

Die Führung des Vereins lag in den 1830er-Jahren in den Händen des Stadt- und Amtsschreibers Christian Laderer sowie der Kaufleute Ludwig Lufft, Georg Friedrich Staib, Lorenz Möhrlin und Karl Koffler. 1832 wurden von der Polizei zwei im Lesezimmer des „Museums“ ausliegende „aufrührerische Schriften“ beschlagnahmt, in denen die vom Deutschen Bund nach dem „Hambacher Fest“ stark eingeschränkte Presse- und Versammlungsfreiheit couragiert kritisiert worden war. In den 1840er-Jahren geriet der mittlerweile wohl etwas verknöcherte Verein in eine Krise; im „Landbothen am Bodensee“, der seit 1833 ein- bis zweimal in der Woche erscheinenden, politisch eher liberal ausgerichteten Beilage des örtlichen „Intelligenzblattes“, wurde 1845 denn auch ganz offen eine Neubesetzung des Vorstandes gefordert, da „das Leben dieser Gesellschaft, soll es nicht vollends erlöschen, einer Auffrischung bedarf“.

Einige Jahre später ging es dann augenscheinlich wieder bergauf. In den 1860er-Jahren wurde der Verein von zwei einflussreichen Persönlichkeiten, dem Ravensburger Oberamtmann Heinrich Ludwig Baur und dem Rechtsanwalt und Landtagsabgeordneten Dr. Carl August Golther, geführt; beide stammten, wie auch Laderer, Staib und Koffler, nicht aus Ravensburg, sie fanden aber wie manch andere mehr in diesem Verein rasch Anschluss an die führenden wirtschafts- und bildungsbürgerlichen Kreise der Stadt. Das „Museum“ war zumindest in den ersten Jahrzehnten überwiegend von evangelischen Vorsitzenden geleitet, unter den erwähnten Namen war lediglich Karl Koffler katholisch.

Angesichts des mittlerweile wohl ziemlich exklusiven und elitären Charakters dieses Vereins – wohl nicht zuletzt vermittelt durch die Höhe des Mitgliedsbeitrags und eine restriktive Aufnahmepolitik – kam es wie in zahlreichen anderen Städten schließlich auch in Ravensburg 1845 zu einer Konkurrenzgründung, wobei möglicherweise auch die zu jener Zeit vor Ort spürbaren konfessionellen Spannungen – das traditionsreiche System der Parität war in Auflösung begriffen – eine Rolle spielten: Das „Bürgermuseum“ wurde aus der Taufe gehoben, es war in seiner Mitgliederstruktur im Gegensatz zum „Museum“ eher mittelständisch, teils auch kleingewerblich und stärker katholisch geprägt.

Handwerker streben in Vereine

Nach der Auflösung der alten Zunftverbände (in Württemberg 1828), die ja auch die Freizeit ihrer Mitglieder maßgeblich mitgeprägt hatten, strebten zunehmend auch Handwerker in die Vereine. Die drei namentlich bekannten Initiatoren der „Bürgermuseums“-Gründung kamen denn auch aus dem Handwerkerstand: der Rotgerber Thomas Allgaier, der Kupferschmid Alois Feuerstein und der Glaser Josef Wenz. Alle drei waren katholisch, ebenso wie die beiden in den 1850er- und 1860er-Jahren den Verein leitenden Vorsitzenden, der Glasmaler Eduard Hecht und der Gärtnereibesitzer Sebastian Ebe.

Auch die Bedeutung des Ravensburger „Bürgermuseums“ lag wohl in erster Linie „im persönlichen Verkehr, im Austausch von zum Teil sehr konkreten Informationen nicht zuletzt aus dem geschäftlichen Bereich, in der direkten Meinungsbildung über oft sehr handfeste Probleme des Tages“ (Lothar Gall). Spätestens ab Ende der 1850er-Jahre verstand sich das „Bürgermuseum“ mitunter auch als politische Formation und machte im Vorfeld von Kommunalwahlen in der Zeitung konkrete Kandidatenvorschläge; oftmals befanden sich darunter Handwerker, Gastwirte und Händler, Katholiken wie Evangelische, denen dann oftmals auch der Sprung in den Gemeinderat gelang. Auch bei der Kür des örtlichen Kandidaten für den Landtag versuchte der Verein sein Gewicht einzubringen und 1869 organisierte er eine Festveranstaltung aus Anlass der 50-Jahrfeier der württembergischen Verfassung.

Zur festen „Heimat“ des „Bürgermuseums“ hatte sich rasch der traditionsreiche, zentral gelegene und über geräumige Säle verfügende Gasthof „Lamm“ entwickelt. Der vitale Verein unterhielt wie das „Museum“ eine eigene Bibliothek, abonnierte Zeitungen und Zeitschriften. Er organisierte gesellige Ausflüge, Spaziergänge und im Winter Schlittenfahrten ins nähere Umland, veranstaltete Faschingsbälle, Musikabende (zum Beispiel im März 1864 mit Stücken von Mozart, Rossini, Mendelssohn Bartholdy, Kreutzer und Silcher) und Vortragsveranstaltungen. So referierten etwa 1865 der Rechtsanwalt und spätere Ravensburger Stadtschultheiß und Landtagsabgeordnete Albert Khuen über das kurz zuvor auch in Württemberg eingeführte Allgemeine Deutsche Handelsgesetzbuch, 1867 ein Referent namens Albrecht über die Städtebünde der Region im späten Mittelalter und 1870 der evangelische Diakon und Professor Albert Steudel über „die Pfahlbauten des Bodensees und der Schweiz“.

Lustspiele und „Lebende Bilder“

Viel beachtet wurden die zahlreichen, von Mitgliedern des „Bürgermuseums“ im Lammsaal aufgeführten Theaterstücke, meist Lustspiele, vor allem aber die populären sogenannten „Lebenden Bilder“, die gelegentlich auch auf politische Ereignisse Bezug nahmen. So ließen zahlreiche Vereinsmitglieder im Dezember 1866 in sechs Akten die einschneidenden und folgenreichen politisch-militärischen Ereignisse des ablaufenden Jahres Revue passieren: den Sieg Preußens über Österreich und seine Verbündeten im sogenannten „Deutschen Krieg“ (Schlacht bei Königgrätz), das darauf folgende Ende des Deutschen Bundes und die Verdrängung Österreichs aus Deutschland. Dabei spiegelte die Tendenz des Stücks offensichtlich die zu diesem Zeitpunkt in Ravensburg noch vorherrschende proösterreichische und antipreußische Stimmung wider.

Die spätere Geschichte der beiden Vereine muss eigenen Darstellungen vorbehalten bleiben. Das „Museum“ zählte im Jahre 1887 160 Mitglieder, schloss sich 1923 mit dem „Kaufmännischen Verein“ zusammen und bestand bis in die 1930er-Jahre. Das „Bürgermuseum“ (110 Mitglieder im Jahre 1887) hatte bereits 1913 mit dem örtlichen „Sängerbund“ fusioniert.

Die jetzige Ravensburger „Museumsgesellschaft“ hat mit diesen Vereinen aus dem 19. Jahrhundert übrigens nichts zu tun, sie wurde 1991 als Förderverein zur Realisierung eines stadtgeschichtlichen Museums gegründet.

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